in

Regenbogen-Trikots werden auf Dauer nicht reichen

Mit bunten Flaggen allein ist Homohass nicht nachhaltig beizukommen

fussball homophobie
Bild: iStockphoto

Seit Freitag läuft die deutsche Fussball-Bundesliga. Hertha BSC und Bayern München trennten sich am 1. Spieltag unentscheiden 2:2. In einer anderen Disziplin gewannen die Berliner im direkten Vergleich – beim Kampf gegen Homophobie. In diesem Duell spielte die Regenbogenfahne eine Rolle – und die Abwehrreaktionen von Fans. Doch mit bunten Flaggen allein ist Homophobie auf Dauer nicht beizukommen, so der Tenor unseres Samstagskommentars*.

In einer Studie von BrinkertMetzelder wurde jetzt die «Corporate Social Responsibility» (CSR)-Aktivitäten aller Vereine der 1. Fussball-Bundesliga verglichen und gemeinsam mit Experten die Faktoren für erfolgreiches CSR-Engagement ermittelt. Raphael Brinkert, Deutschlands meistausgezeichneter Sportmarketer, und Christoph Metzelder, ehemaliger Fussballprofi und Träger des Bundesverdienstkreuzes, widmen sich neben dem Sport nun auch gesellschaftlicher und nachhaltiger Marketingkommunikation.

Ein Ombudsmann gegen «schwule Pässe»

Beide Vereine, so die Studie, hätten sich das Engagement für Vielfalt auf die Fahne geschrieben, aber das käme nicht bei allen Fans gut an. Wohl wahr. Denn: «Als Hertha im Mai 2019 zum Tag der Vielfalt mit einem Sondertrikot inklusive Regenbogenfarben auflaufen wollte, intervenierte die aktive Fanszene. Statt komplettem Trikot wurde letztendlich nur das Logo des Sponsors umgefärbt.»

Werbung

Ähnliches trug sich bei den Bayern zu: Als die Allianz-Arena im Juli 2019 zum CSD in Regenbogenfarben erstrahlte, folgte ein Shitstorm unter dem entsprechenden Instagram-Post.
«Wie glaubwürdig ist das Vielfalts-Engagement der Vereine, wenn schon die eigenen Fans nicht dahinterstehen?», fragen die Studien-Autoren.

Bei der Hertha tut man so einiges, um das zu ändern. Zur Pride Week wird die Regenbogenflagge vor der Geschäftsstelle gehisst. Maskottchen Hertinho und den schwul-lesbischen Fanclub «Hertha-Junxx» begegnet man auf Stadtfesten. Zum Vielfalts-Spieltag im Mai 2019 baute man mit diversen gesellschaftlichen Akteuren gar ein ganzes «Vielfalts-Dorf». Somit habe Hertha den Claim In Berlin kannst du alles sein glaubwürdig um die Botschaft Vor allem bunt erweitert.

Homosexuelle Funktionäre in Bayern
Der FC Bayern dagegen begründe sein Engagement mit einem Bezug zur FCB-Familie, nämlich der Homosexualität zweier früher Funktionäre: Gründungsmitglied und Vizekapitän Wilhelm Focke sowie der ehemalige Präsident Angelo Knorr waren beide homosexuell. Doch mehr als die blosse Nennung stecke bisher kaum dahinter, so die Studien-Autoren. «Ausserdem stellt sich die Frage, warum man 100 Jahre zurückgehen muss, um einen Bezug des Themas Homosexualität zum FC Bayern herzustellen.» So lautet das Fazit der Studie: «Die Hauptstadt hat die Nase vorn: Klarer Sieg für Hertha BSC.»

Werbung

Was die Studie unerwähnt lässt: Man kann auch mit der Wahl des Trainingslagers Zeichen setzen. FC Bayern München bestritt 2017 das Trainingslager in Katar. Dort ist Homosexualität bekanntlich verboten. Man kann – und sollte – mit solchen Themen souveräner und verantwortungsvoller umgehen. Der norwegische Fussball-Serienmeister Rosenborg Trondheim wollte Anfang 2018 auch nach Katar, sagte das Trainingslager aber wieder ab – wegen Fan-Protesten und massiver Kritik der Medien. Dabei ging es vor allem um die in Dubai übliche Kriminalisierung Homosexueller sowie den menschenverachtenden Umgang mit weiblichen Opfern sexueller Gewalttaten. Rosenborg-Sportchef Stig Inge Björnebye gab zu, man habe das Problem unterschätzt. Sowas nennt man Haltung.

In Katar findet im Jahr 2022 die Fussball-Weltmeisterschaft statt. Der ehemalige FIFA-Präsident Blatter forderte kurz nach der Vergabe homosexuelle Fans auf, aus Respekt vor dem Gastgeberland auf Sex während der WM zu verzichten. Es hagelte Kritik, Blatter entschuldigte sich. Ob er wirklich verstanden hat, wie respektlos und beleidigend seine Worte waren?

Davy Frick vom FSV Zwickau sah in einer Partie gegen den Halleschen FC Ende 2017 Gelb-Rot und pöbelte beim Verlassen des Spielfeldes in Richtung der gegnerischen Bank: «Nur Schwuchteln hast du. Nur Schwuchteln». Das Sportgericht des Deutschen Fussball-Bundes verurteilte den Spieler zu der Sperre. Und was sagte Zwickaus Sportchef David Wagner zu dem Vorfall? „Natürlich sagt man so etwas nicht in der Öffentlichkeit. Aber ich möchte mich auch vor den Jungen stellen. Auf dem Platz sind extrem viele Emotionen dabei.»

Nichts gegen Gefühle (homosexuelle Menschen haben bekanntlich auch welche), aber ein Problembewusstein sieht anders aus. Da wird es auf Dauer nicht reichen, wenn sich Teams oder die Geschäftsstellen der Vereinen mit Regenbogenfahnen schmücken. Das Zeichen, das man hier setzen will, muss auch mit Inhalt gefüllt werden.

Englischer Fussballclub spielt jetzt ganz im Zeichen des Regenbogens

Solange Funktionäre oder Spieler diskriminierende und beleidigende Aussagen treffen, kann man noch so viele Accessoires wie Kapitänsbinden und Eckfahnen in die Farben des Regenbogens tauchen – es ändert am Grundproblem nichts. Mit Knoblauch mag man sich Vampire fernhalten können, homophobe Fans aber lassen sich von einer Regenbogenfahne allein weder abhalten noch bekehren. Da müssen sich die Vereine schon mehr überlegen. Und einige setzen das ja auch um etwa mit Anti-Homophobie-Projekte von Fangruppen.

An diesem Samstag wird in Darmstadt Pride gefeiert – und auch die Mannschaft des SV Darmstadt 98 zeigt Flagge gegen Homophobie. Zwar bewertet der dortige Anti-Homophobie-Beauftragte, Alexander Arnold, die Situation in dem hessischen Stadion als positiv, allerdings wisse er auch von Freunden, die mit Regenbogenflaggen ins Stadion gekommen seien, was «nicht immer gut angekommen sei».

«Es geht immer um die Herabwürdigung eines Menschen»
Arnold sagt in einem Interview, das auf der Seite des SV98 nachzulesen ist: Er sei der Meinung, dass im deutschen Fußball noch mehr gegen Diskriminierung jeder Art passieren könnte. «Egal ob Rassismus, Sexismus oder Homophobie, es geht immer um die Herabwürdigung eines Menschen. Wenn Leute meinen, das habe mit Fussball nichts zu tun, dem ist entgegen zu halten, dass Fussball ein menschgemachter Sport ist.» Menschen seien nun mal vielfältig und unterschiedlich, deswegen gehöre etwa auch Homosexualität zum Fussball.

Fussball für Vielfalt – RB Leipzig unterzeichnet Erklärung

Solange das ganze Fanblöcke anders sehen und hinausbrüllen – wie sich Ende Juli wieder zeigte, als beim Regionallliga-Spiel zwischen Hertha BSC II und Energie Cottbus wieder homophobe, antisemitische und rassistische Sprüche fielen -, liegt noch viel Arbeit vor den Vereinen. Dass der Deutschen Fussball-Bund die Vereine immer wieder mit einer Geldstrafe belegt, reicht offenbar nicht. Wenn sich rassistische oder schwulenfeindliche Sprüche  wiederholten, müssen Vereine früher oder später vielleicht mal darüber nachdenken, die Fans für ein Spiel oder mehrer auszusperren.

Dass die Vereine sich noch allzu oft von ihren Fans auf der Nase herumtanzen lassen, ist immer wieder zu sehen, wenn diese Pyrotechnik im Stadion zünden. Kürzlich kündigte Fussball-Bundesligist FSV Mainz 05 für solche Fälle Konsequenzen an. Sollten die Täter ermittelt werden, drohen ihnen den Angaben vom Montag zufolge Haus- und Stadionverbote, Vereinsausschlussverfahren und Regressforderungen. Solche Massnahmen wünsche ich mir auch bei homofeindlichen Ausfällen. Das Beispiel Frankreich, wo Fans im Gefängnis landen können, geht mir etwas zu weit. Auf Dauer reicht es aber nicht, dass die Vereine die Zeche für homophobe oder andere Ausfälle zahlen, die der DFB ihnen aufbrummt. Auch Regenbogen-Trikots werden auf Dauer nicht reichen, wenn man wirksam und nachhaltig gegen hasserfüllte Fangesänge vorgehen will.

Gute Beispiele sind der FC St. Pauli und Werder Bremen, wo das Verbot von Homophobie in der Vereinssatzung verankert ist. Wird ein Mitglied oder ein Spieler bei beleidigenden Sprüchen erwischt, kann man ihn – oder sie – dafür belangen. Im Wiederholungsfall droht der Ausschluss vom Verein. Ähnlich handhabt es der Potsdamer Fussball-Viertligist Babelsberg 03. Dort führt Homophobie im Stadion zum Ausschluss von Veranstaltungen des Vereins. Das kann man sogar auf den Eintrittskarten nachlesen.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

London hat jetzt einen dauerhaften Regenbogen-Zebrastreifen

22-Jähriger von Männergruppe schwulenfeindlich beleidigt