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Der «anal-aggressive Hammerschlag-Komplex»

Die Essaysammlung «Psychoanalyse und männliche Homosexualität» untersucht, wieso immer noch so viele Menschen Angst vor schwulem Sex haben und woher die Anti-Homosexualität kommt

Cruising auf der Klappe: Ein Foto von Marc Martin aus der Ausstellung «Fenster zum Klo», die im Schwulen Museum zeitgleich zur Martin-Dannecker-Ausstellung zu sehen war. Sie untersuchte den Mythos und das utopische Potenzial von Klappensex (Foto: Marc Martin)

Erst kam der Mythos, dann die Utopie, jetzt ist schwuler Sex vor allem ein Freizeitspass, meinen manche. Was gibt’s da noch zu analysieren? Die drei Herausgeber Patrick Henze, Aaron Lahl und Victoria Preis haben soeben das Buch «Psychoanalyse und männliche Homosexualität» herausgebracht und geben Antworten. Sie behandeln Themen wie Scheintoleranz, Anti-Homosexualität in der Gesellschaft, Konversionstherapien, Angst vor Passivität und Analsex sowie PrEP.

Der Autor des Buchs «Das Drama der Sexualität» (1987), Martin Dannecker, behauptete vor zwei Jahren, Sexualität habe ihren mythischen Sonderstatus eingebüsst. Durch den Wegfall von Verboten sei dem Sex sein «utopisches Pathos» genommen. Dadurch sei Sex heute ein unaufgeregter Freizeitspass geworden. Wieso muss sich die Psychoanalyse da noch mit männlicher Homosexualität und schwulem Sex beschäftigen?
Patrick Henze: Auch wenn oft vom Szenesterben gesprochen wird, bleiben Darkrooms, Saunen und Parks beliebte Orte für schwulen Sex – also genau die Orte, für die Dannecker einen «mythischen Sonderstatus» konstatierte. Und da sich die Psychoanalyse mit dem beschäftigt, was die Menschen tun, was sie erregt und bewegt, bleibt auch schwuler Sex – egal ob Freizeitspass oder Utopie – sowie männliche Homosexualität von Interesse. Gerade vor dem Hintergrund ist es spannend, dass die Diskriminierung über die letzten Jahrzehnte stark abgenommen hat und diese Sexorte dennoch aufgesucht werden. Manche behaupteten ja, dass Klappen und Darkrooms nur aufgrund der Verfolgung, quasi als sexuelle Verstecke aufkommen konnten. Dem gegenüber steht die sexuelle schwule Kultur, wozu auch Gayromeo und Grindr zu zählen sind.

Victoria Preis: Das eine ist also, eine Diagnose der Gegenwartskultur zu treffen – wie Sexualität im Gegensatz zu früher entdramatisiert ist oder es zu einer Entsexualisierung gekommen ist. Und das andere ist, sich dem sexuellen Erleben, dem Sex im Alltag sozusagen, zuzuwenden.

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Es geht in eurem Buch u. a. um hart erkämpfte «Toleranz» der westlichen Gesellschaft gegenüber Homosexuellen. Einige eurer Autoren nennen dies eine «Scheintoleranz», wo unter der Oberfläche «ein Stück der alten Furcht und des alten Hasses» gegenüber Schwulen brodelt. Wieso sitzen Furcht und Hass so tief? Und wie kann man da mit Psychoanalyse etwas erreichen?
Aaron Lahl: Die tief verankerte Ablehnung von Homosexuellen hat natürlich viele Ursachen. Ich glaube, die Psychoanalyse kann ein wenig dazu beitragen, dieser Ablehnung auf den Grund zu gehen – was voraussetzt, dass sie sich gründlich mit ihrem eigenen antihomosexuellen Erbe auseinandersetzt. Häufig wurde die Antihomosexualität mit Sigmund Freuds Konstrukt der latenten Homosexualität aufzuklären versucht. Wenn, wie Freud sagt, auch heterosexuelle Menschen im Unbewussten eine gleichgeschlechtliche Objektwahl vollzogen haben, so könnte ein Motiv der Antihomosexualität die Bekämpfung eben der eigenen homosexuellen Anteile sein. Sicherlich spielt zudem insbesondere bei schwulenfeindlichen Männern noch hinein, dass sie an Homosexuellen wahrnehmen oder wahrzunehmen glauben, was ihre männliche Identität infrage stellt: Passivität, anale Sexualität, Weichheit oder die Verwischung von Grenzen zwischen männlich und weiblich. Ich glaube, die Psychoanalyse liefert für solche Fragen ein nützliches Begriffswerkzeug und auch einige originelle Theorien. Fritz Morgenthaler, der gegen Ende der 1970er die erste nicht-pathologisierende Theorie zur Homosexualität im deutschsprachigen Raum veröffentlich hat, hat damals behauptet, Homosexuelle würden ein für Heterosexuelle gefährliches Mass an Autonomie verkörpern.

Die Herausgeber*innen des Buchs «Psychoanalyse und männliche Homosexualität»: Patrick Henze, Victoria Preis und Aaron Lahl (v.l.n.r., Foto: Doris Belmont)

Befürworteten Freud und seine Nachfolger – indem sie Homosexuelle «heilen» wollten von einer als «Leiden» verstandenen Sexualität und sexuellen Orientierung – nicht eigentlich das, was wir heute «Konversionstherapien» nennen? War Freud homophob?
Victoria:
Für seine Zeit war Sigmund Freud im Gegenteil offen und neugierig, sogar revolutionär in Bezug auf seine Haltung zur Homosexualität, die er nie als pathologisch betrachtete. Er erteilte Konversionstherapien eine klare Absage und erachtete Heterosexualität als nicht weniger erklärungsbedürftig. Auch sprach er sich für die Zulassung homosexueller Bewerber*innen zur psychoanalytischen Ausbildung aus. Gleichzeitig war er aber auch misstrauisch bis abschätzig, wenn er etwa im Konflikt mit dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld dessen Homosexualität als Begründung dafür anführt, dass dieser mit dem psychoanalytischen Denken nicht zurechtkäme. Freud war also ambivalent.

Patrick: Bei seinen Kolleg*innen und Nachfolger*innen, schon bei seiner Tochter Anna Freud, sah das anders aus. Die unrühmliche Praxis der Pathologisierung Homosexueller und der Ablehnung homosexueller Bewerber*innen an Ausbildungsinstituten zieht sich bis in die 1990er. Beides ist heute, zumindest offiziell, nicht mehr der Fall, wirkt aber insofern noch nach, als es ein tiefes Misstrauen queerer Menschen gegenüber der Psychoanalyse gibt. Das ist bedauerlich.

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Aaron: Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass es schon seit den 1970ern Kritiken an der psychoanalytischen Antihomosexualität gegeben hat. Von den Interventionen und Theorien Reimut Reiches, Martin Danneckers oder Fritz Morgenthalers im deutschsprachigen Raum beziehungsweise Robert Stollers und Richard Isays in den USA lässt sich noch heute Einiges lernen. Es gibt hier durchaus eine Tradition, an die wir mit unserem Buch anschliessen wollen.

Das Cover des Buchs «Psychoanalyse und männliche Homosexualität» mit einem Foto, das Martin Dannecker zeigt (Psychosozial-Verlag, Giessen)

Ist euer Buch eigentlich nur für Fachidioten? Und warum behandelt ihr ausschliesslich «männliche» Homosexualität, wieso nicht allgemein Homosexualität?
Victoria: Es gibt einige Texte, die recht anspruchsvoll sind, weil sie auf komplizierte psychoanalytische Theorie aufbauen, aber insgesamt ist unser Buch sehr breit aufgestellt, eben von explizit psychoanalytischer Theorie bis hin zu Texten, die sexualaktivistische Fragen betreffen. Es gibt zum Beispiel Texte über PrEP, über Sexualpädagogik oder über die Frankfurter homosexuelle Aktionsgruppe «Rote Zelle Schwul».

Patrick: Dass wir uns mit schwuler Sexualität beschäftigten, liegt an unserer Fokussierung auf den Theoretiker und Schwulenaktivisten Martin Dannecker. Im Vorfeld gab es einen ihm gewidmete Ausstellung im Schwulen Museum* [damals noch mit Sternchen geschrieben, Anm.] und eine Tagung an der International Psychoanalytic University Berlin. Daran angelehnt haben wir unser Buch konzipiert. Es ist deshalb leider so, dass das Thema der lesbischen Sexualität in unserem Buch sehr wenig behandelt wird. Wir planen aktuell eine weitere Tagung zur weiblichen Homosexualität, die Anfang 2020 stattfinden wird.

Judith Le Soldat mit ihrer Invicta auf der Reise nach Odessa in den 1970er-Jahren (Foto: Judith Le Soldat-Stiftung)

Ich bin beim Lesen eures Buchs über den Begriff «anal-aggressiver Hammerschlag-Komplex» gestolpert. Was ist das?
Aaron: Der Hammerschlag-Komplex ist ein Begriff der 2008 verstorbenen Zürcher Psychoanalytikerin Judith Le Soldat, die eine originelle und wohl auch etwas anstössige Theorie zur Homosexualität vorgelegt hat. Der Hammerschlag-Wunsch bezeichnet einen Triebwunsch, dessen Ziel darin besteht, anal penetriert, ja vergewaltigt zu werden. Le Soldat nimmt an, dass sich dieser Wunsch regelmässig in der Triebentwicklung des Menschen gegen Ende des Ödipuskomplexes herausbildet und natürlich auch zu Konflikten führt. Das ist zugegebenermassen eine starke Setzung, die allerdings den Vorteil hat, anale Sexualität bzw. passiv-genitale Analwünsche nicht als etwas zu begreifen, was sozusagen von einer gesund-normalen Entwicklungslinie abweicht oder prinzipiell regressiv ist. Ich musste bei der Lektüre von Le Soldat häufiger an einen Ausspruch von Adorno denken: «An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.»

Ein Essay widmet sich Darkroom-Sex. Sie waren mal so etwas wie Safe Spaces.
Patrick: Ich weiss nicht, ob man Darkrooms wirklich als Schutzräume bezeichnen kann. Ich würde sie als das nehmen, was sie sind: Verdunkelte Räumlichkeiten, in denen sich vornehmlich Männer treffen, Sex haben und vor allem viel cruisen. Sonstige Ansprüche, die man an einen Sexualpartner hat, können sich dort verändern, oder es kommt, wie Dannecker es ausdrückt, zu einem «vorübergehenden Ausserkraftsetzen der individuellen Sexualnormen». Die Stimmung im Darkroom, die Spannung beim Cruisen, rührt von der Anwesenheit mehrerer schweigender Personen her. So dass ein Darkroombesucher, der dort keinen Sex hatte, den Darkroom nicht unbedingt unbefriedigt verlässt.

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U.a. wird auch das Thema «Queere Psychoanalyse» aufgegriffen. Über das Konzept «queer» streiten viele derzeit heftig. Was ist denn der Unterschied zwischen einer «queeren» Psychoanalyse und einer «schwulen» Variante?
Victoria: Grob gesagt hinterfragt eine queere Psychoanalyse rigide Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit auf der manifesten Ebene, dekonstruiert den Zusammenhang von Geschlecht und sexueller Orientierung und untersucht die Auswirkung heteronormativer gesellschaftlicher Strukturen und deren Reproduktion in den Psychoanalysen sowie mögliche Übertragungsbeziehungen zwischen queeren Analysand*innen und etwa heterosexuellen Analytiker*innen. Eine Psychoanalyse, die sich mit schwuler Sexualität beschäftigt folgt weniger einem dekonstruktivistischen Ansatz, wobei man auch sagen kann, dass die psychoanalytische Theorie und Kur per se dekonstruierend ist, da es um das (Nicht-)Einfügen der Subjekte in gesellschaftliche Normvorstellungen geht.

Ralf Binswanger beschäftigt sich mit Perversionen. Ist «perverser Sex» ein Fall für den Psychoanalytiker oder machen «Perversionen» einen schwulen weissen Cis-Mann erst zum echten «Queer», wie Queer-Theoretiker Peter Rehberg unlängst in einem Interview behauptete?
Aaron: Der Perversionsbegriff hat eine lange Geschichte in der Psychoanalyse. Einerseits hat Freud eine polymorph-perverse Triebanlage angenommen, also eine Grundperversität des Sexualtriebes. Andererseits gibt es Theorien, die Perversion als spezifisches Triebschicksal begreifen, bei Freud z. B. als verleugnende Bewältigung des Kastrationskomplexes oder bei Stoller als Ausdruck unbewusster Rache infolge von traumatischen Erlebnissen. Binswanger schlägt in unserem Buch vor, von Perversion nur zu sprechen, wo nicht-sexuelle Ziele die Sexualität dominieren. Folgt man ihm darin, dann wären klassische Perversionen (z. B. Fetischismus) nicht per se pervers. Binswanger stiess mit diesem Vorstoss aber auf Widerstand.

Patrick: Ja, dazu gibt es in der Psychoanalyse unterschiedliche Positionen. Perversionen im klassischen Sinne sollten, soweit mein Stand mit Binswanger gesprochen, nur dort behandelt werden, wo sie einen Leidensdruck verursachen – wenn ein Fetisch beispielsweise als Zwang erlebt wird und eben nicht vorrangig der Triebbefriedigung dient. Das bedeutet für mich auch andersherum, dass einen eine Perversion nicht zu einer «besseren» oder «subversiven» Person macht.

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Michael Bochow schreibt bei euch zu aktuellen Entwicklungen rund um PrEP: Wie wirkt sich PrEP auf die Psyche von schwulen Männern aus?
Patrick: Michael Bochow bringt eine spannende, soziologische Perspektive ein – spannend, weil sie der Einführung der PrEP gegenüber kritisch ist. Er weist auf die Medikalisierung gesunder Menschen hin, die nicht ohne Auswirkungen sein kann. Bei den Schwulen in meinem privaten Umfeld hat die PrEP auf jeden Fall zu einer Veränderung ihres Erlebens von Sexualität geführt. Manche beschreiben sie als grosse Befreiung. Was bleibt ist, dass man zwar kein Kondom mehr benutzt, aber durch die Tablette mitunter täglich an das Risiko erinnert werden kann. Was die PrEP für die schwule Sexualität an Auswirkungen haben wird, muss sich in den nächsten Jahren zeigen.

Zum Schluss noch dies: Irgendwo fällt das Schlagwort «Anti-Homosexualität». Was ist das?
Victoria: Wir finden den häufig verwendeten Begriff Homophobie schwierig, weil er suggeriert, dass die Ablehnung von Homosexualität einer Phobie, also einer Angst, in diesem Fall vor Homosexuellen, geschuldet ist. Das mag sicherlich in manchen Fällen zutreffen, verschleiert und verharmlost aber die Aggressionen und Diskriminierung denen homosexuelle Menschen nach wie vor ausgesetzt sind. Mit dem Begriff der «Anti-Homosexualität» wird das unserer Meinung nach, expliziter benannt, dass es eben in der Psychoanalyse (institutionelles) Verhalten und Praxen gibt, die sich gegen Homosexuelle richten

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