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Willi will Blut spenden. Darf er nicht. Sollte er aber dürfen.

Sexuelles Risikoverhalten gilt es zu prüfen, nicht die sexuelle Orientierung. Darum sollten auch Schwule und Bi-Männer Blut spenden dürfen, fordert Predrag Jurisic im Samstagskommentar.

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Bild: AdobeStock

Im Sommer kommt es bei Blutkonserven oft zu Engpässen. Dennoch müssen Männer, die mit Männern Sex haben, beim Blutspenden aussen vor bleiben – es sei denn, sie leben ein Jahr abstinent. Eine völlig diskriminierende Regelung, wie unser Samstagskommentar* aufzeigt.

Wenn’s heiss ist, sinken die Blutspenden: Das Badewetter ruft. Oder der Urlaub. Und weil Blutkonserven nur kurz haltbar sind, bittet das Rote Kreuz wiederholt um Blutspenden – so auch heuer in Deutschland. Bei solchen Engpässen stellt sich die Frage, warum gesunde Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), nicht Blut spenden dürfen. In Deutschland und in der Schweiz dürfen sie nach einem Jahr Abstinenz, in Österreich ein Leben lang nicht.

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Wenn Flip und Willi diskriminiert werden
Das Österreichische Rote Kreuz schliesst MSM kategorisch vom Blutspenden aus – «aufgrund eines signifikant höheren HIV-Infektionsrisikos» und «weil das Kondom keinen 100%igen Schutz vor Ansteckung bietet», selbst wenn beide Partner HIV-negativ sind und in einer geschlossenen Beziehung leben.

Das ist Diskriminierung erster Güte: Dieser Logik folgend dürften heterosexuelle Männer ebenso kein Blut spenden, weil das Kondom auch sie nicht 100%ig schützt – insbesondere solche, die ihrer Partnerin fremdgehen oder Freudenhäuser aufsuchen.

Länder wie Italien oder Spanien dagegen prüfen das Risikoverhalten, nicht die sexuelle Orientierung: Wer das Bienchen- und Blüten-Hopsen feucht-frivol betreibt, darf kein Blut spenden, bis der Deckel seinen passenden Honigtopf findet – unabhängig davon, ob dabei die Biene Maja mit Willi, Willi mit Flip oder Fräulein Kassandra mit Thekla oder alle sechs zusammen munter herumhopsen.

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Monogamie ist auch keine Garantie
Frauen wie Männer gehen trotz Ehegelöbnis und Monogamie fremd: Je nach Studie, Land, Wohnregion und Religiosität macht die Gelegenheit Liebe – in Städten und im Süden mehr als auf dem Land oder in nördlicheren bzw. religiöseren Gefilden. Mal sind es eher die Männer, die fremdgehen, mal die Frauen. Die Seitensprungquote gleicht damit einer Bandbreite und liegt zwischen 15 % und 55 %, wobei die Moskauer Männer diese mit 76 % toppen. Auch die unzähligen Dating- und Seitensprungplattformen zeigen eine Realität, die in den Regelungen des Roten Kreuzes so nicht erkennbar ist. Monogamie ist schlicht keine Garantie für eine sichere Blutspende.

Übrigens: Wer garantiert, dass die Selbstauskunft der Blutspender*innen in den Fragebögen wahr ist? Schliesslich sind Sex und Sexualität trotz der Übersexualisierung im Alltag oft tabu, ganz zu schweigen von sexuell übertragbaren Krankheiten. Da sind Schummeleien mit ganz viel Restrisiko vorprogrammiert.

Vier oder zwölf Monate: Was gilt nun für Flip und Willi?
Abstrus klingen die Argumente des Roten Kreuzes, wenn es um die sogenannte Karenzfrist geht – die Wartefrist, bis jemand nach einer HIV-Risikosituation Blut spenden darf. Pauschal lehnen alle drei DACH-Länder Personen mit neuen oder wechselnden Partner*innen sowie Sexarbeiter*innen ab. Auf ihre sexuelle Orientierung reduziert sind MSM und trans Menschen gesondert aufgeführt, wie hier nachzulesen ist.

«Kennen» sich jedoch heterosexuelle Paare länger als vier Monate, dürfen sie Blut spenden. Als ob das «Kennen» ein epidemiologisch haltbares Kriterium für eine sichere Blutspende ist. MSM hingegen müssen in der Schweiz und in Deutschland zwölf Monate keusch ausharren, um als geringes Risiko zu gelten.

Liebes Rotes Kreuz, das geht nach Adam Riese nicht auf: Angenommen, Flip und Willi lernen einander wie Biene Maja und Puck «kennen», werden ein Paar und praktizieren während der ersten vier Monate Safer Sex mit Kondom – natürlich nur mit ihrer besseren Insektenhälfte. Danach lassen sich Flip und Willi testen, während sich Maja und Puck nach dem Prinzip «Vertrauen» nicht testen lassen: Sie «kennen» sich als Heterosexuelle ja seit vier Monaten, was laut den Regelungen ausreicht, um Blut spenden zu dürfen.

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Bild: iStockphoto

Selbst bei einem «einmaligen HIV-Risiko» dürfen in Österreich potenzielle Spender*innen nach vier Monaten frei von der Leber spenden, solange sie nicht «homoinsektuell» sind wie Flip und Willi – egal, ob beide HIV-negativ sind und sich nur innerhalb ihrer Beziehung bestäuben. Laut der Vier-Monate-Regel müssten auch sie  eine Blutspende abgeben dürfen. Dürfen sie aber nicht. In Österreich gar nicht, in der Schweiz und in Deutschland erst nach einem Jahr Fühlerabstinenz.

Tickt die Biologie in schwulen Männerkörpern anders als in heterosexuellen? Oder tarnen sich die HI-Viren bei Schwulen ein ganzes Jahr lang und bei Heterosexuellen lediglich vier Monate – quasi als Teilzeit-Viren – ehe sie nachweisbar sind? Oder ist es am Ende ganz simpel: Das Rote Kreuz lässt MSM und trans Menschen schlicht wegen ihrer sexuellen Orientierung kein Blut spenden und schiebt unzulängliche Labor- und Produktionsmethoden vor?

Eignest du dich für eine Blutspende in der Schweiz, in Deutschland oder in Österreich?

Das diagnostische Fenster
Auf diese ketzerische Frage würde das Schweizerische Rote Kreuz wie folgt antworten: «Der Ausschluss erfolgt alleine deshalb, weil die heutigen Labor- und Produktionsmethoden bestimmte Risiken nicht ausschliessen können.»

Aber bei Heteros schon? Kompletter Unsinn!

Dass es ein sogenanntes diagnostisches Fenster gibt, ist unbestritten: Es handelt sich dabei um die Zeitspanne zwischen einer Infektion mit HI-Viren (oder anderen Erregern) und deren Nachweisbarkeit. Die derzeitigen Tests decken eine HIV-Ansteckung kurz vor einer Blutspende nicht auf. Zwar sind moderne PCR-Tests in der Lage, 15 Tage nach einer Risikosituation HI-Viren nachzuweisen. Allerdings nur eines Virentyps. Daher sind sie nicht so zuverlässig wie ein klassischer Antikörper-Test.

Schnelltests der vierten Generation, die Arztpraxen, Kliniken sowie Checkpoints anwenden, können HIV-Infektionen sechs Wochen nach einer Risikosituation ermitteln, die frei erhältlichen HIV-Selbsttests der dritten Generation hingegen erst nach drei Monaten. Angesichts dessen müssten auch MSM und trans Menschen Blut spenden können – ganz ohne die ganzjährige oder lebenslange Schikane.

«Der HIV-Selbsttest aus der Migros ist sehr zuverlässig»

Pathogenreduktion statt Polemik?
Mittlerweile gibt es verschiedene Verfahren, die Bakterien, Viren und andere Erreger (auch Pathogene genannt) in Blutkonserven ausser Gefecht setzen können – ob durch Hitze, UV-Bestrahlung oder Beigabe bestimmter Substanzen. Seit 1984/85 gibt es die Hitzeinaktivierung, bei der HIV-kontaminierte Blutprodukte einer Temperatur von 55° C bis 70 ° C ausgesetzt werden, was die Viren und damit ihre Ansteckungsfähigkeit inaktiviert.

Warum ist das HIV beim Blutspenden dann immer noch so relevant, wenn es sich inaktivieren lässt?

Das Problem liegt zum einen in den Restrisiken, wie hier nachzulesen ist. Zum anderen in den teils vorhandenen, aber noch nicht zugelassenen Verfahren der Pathogenreduktion, die auch lückenlos wirken. Überdies existiert bisher kein Verfahren, das auf alle Blutprodukte angewendet werden kann. Solange das so ist, bleiben die Restriktionen und die damit verbundene Polemik wohl bestehen.

MSM stecken sich häufiger an, ABER …
Statistisch betrachtet stecken sich nach wie vor mehr MSM mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (STI = sexually transmitted infections) an als Heterosexuelle. Dennoch ist die HIV-Ansteckungsquote in der Schweiz 2017 um 16 % zum Vorjahr deutlich gesunken: Auf 100’000 Menschen kommen laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) fünf HIV-Neudiagnosen. 2017 betrafen 71 % der HIV-Neuinfektionen MSM, bei Syphilis und Gonorrhoe liegt die Zahl bei 80 % beziehungsweise 60 %. Einzig bei den Chlamydiose-Fällen lag der Frauenanteil bei 65 % und damit höher als bei den Männern.

Generell betreffen HIV und STI mehr Männer als Frauen und mehr MSM als heterosexuelle Männer. Im Rückschluss bedeutet dies zum einen, dass Männer allgemein ein höheres Risiko beim Sex eingehen als Frauen und damit grundsätzlich zur Risikogruppe zählen, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung. Zum anderen ist die Statistik zu relativieren: Lassen sich MSM (v. a. PrEP-User) im Verhältnis zu heterosexuellen Frauen und Männern möglicherweise öfters testen, weshalb die Infektionsraten im Direktvergleich höher ausfallen?

Ferner ist die Zahl potenzieller Sexpartner bei MSM in Bezug auf die Gesamtbevölkerung beschränkt, sodass Infektionen in einer kleineren Gruppe naturgemäss häufiger und schneller auftreten als in einer grossen wie der heterosexuellen Bevölkerung, weil das Risiko dort um ein Vielfaches gestreut ist, da heterosexuelle Menschen ca. 90 % der Bevölkerung ausmachen.

Demnach könnte die Dunkelziffer bei der nicht-getesteten heterosexuellen Bevölkerung weitaus höher liegen –v. a. deshalb, weil HIV-Diagnosen oft sehr spät gestellt werden. Laut der WHO betrifft das jede zweite HIV-Infektion in Europa. Gerade Frauen sind davon betroffen: Viele erfahren von ihrer HIV-Infektion erst bei einer fortgeschrittenen Immunschwäche.

Soviel zum Thema «Kennen» …

Auch die Zunahme der Syphilis führt das BAG «auf eine deutliche Zunahme des Testens» zurück. Nicht zuletzt auch wegen der PrEP – der Anti-HIV-Pille bzw. Prä-Expositions-Prophylaxe.

Erster Schweizer PrEP-Onlineshop eröffnet

PrEP reduziert HIV- und Gonorrhoe-Diagnosen
Zu weiteren Vorbehalten von Blutspendezentren trägt die PrEP bei: Unterdessen nutzen diese wesentlich mehr MSM als noch vor der letzten BAG-Erhebung zu HIV und STI, was die weiter oben aufgeführten Zahlen erneut nach unten korrigieren dürfte.

Zugegeben: Die PrEP gilt als Safer Sex und ist bei einer korrekten Einnahme bezüglich einer HIV-Infektion sicherer als das Kondom. Gleichzeitig begünstigt der Sex ohne Kondom andere STI, was ev. die lange Rückstellungszeit von MSM erklärt – schliesslich sollen Blutkonserven-Empfänger*innen vor allen möglichen Infektionen geschützt sein.

Darüber hinaus können PrEP-User nach einem Risikokontakt HI-Viren in sich tragen, ohne sich anzustecken. Dabei ist nicht ganz klar, für wie lange. Und bloss, weil die Viren nicht nachweisbar sind, können sie in geringer Konzentration trotzdem im Blut vorhanden und damit als Blutspende ungeeignet sein. Deshalb ist Nicht-PrEP-Usern bei flüchtigen Kontakten nach wie vor das Kondom zu empfehlen – oder der Wechsel zur PrEP.

Allen Unkenrufen zum Trotz zeichnen sich im Zuge der PrEP erfreuliche Trends ab: In Grossbritannien haben die PrEP und die damit verbundenen regelmässigen HIV- und STI-Tests bei MSM zu einem Rückgang von HIV- und Gonorrhoe-Diagnosen geführt. Die STI-Zentren in London verbuchten 2016 bei beiden Krankheiten eine massive Reduktion um 42 %. Der Trend setzte sich auch 2017 fort: Im ganzen Land sind die HIV-Diagnosen bei MSM um 21 % gesunken, in der Gesamtbevölkerung um 18 %.

«Kennen» ist gut, Kontrolle ist besser
Die derzeitige Blutspende-Regelung im DACH-Raum ist ein pauschales Ausschlussverfahren, das alle MSM und trans Menschen unter Generalverdacht stellt und damit eindeutig diskriminiert. Sie ist einseitig und überholt, weil sie nicht das Risikoverhalten in den Vordergrund stellt, sondern die sexuelle Orientierung. Länder wie Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Spanien und Portugal machen es umgekehrt – offenkundig ganz ohne Epidemien, dafür gleichberechtigt.

Wie lange dabei die Karenzfrist angesetzt sein soll, müsste – zumindest europäisch – medizinisch einheitlich zu lösen sein. Eine Idee könnten zwei HIV-/STI-Testläufe mit einer keuschen Karenzfrist von sechs Wochen sein: Der erste Test bildet den Startpunkt der Karenzzeit und deckt die sechs Wochen vor dem Test ab. Der zweite Test sichert die nächsten sechs keuschen Wochen ab. Ein solches Modell wäre fair und würde bei allen Menschen funktionieren, da sechs Wochen Abstinenz erträglicher und realistischer sind als ein ganzes Jahr. Willi würde sonst vor lauter Pollen aus-Flip-pen.

Des Weiteren braucht es wiederholt flächendeckende Aufklärung und Tests – insbesondere bei der heterosexuellen Bevölkerung: Die PrEP könnte HIV ausrotten, würden sie alle anwenden. Doch kennen sie sogar Hausärzte kaum. Daneben sorgt die PrEP für eine engmaschige medizinische Begleitung mit vier Tests pro Jahr – statt alle vier Jahre irgendwann mal wieder, wie das bei manchen Bienchen und Blümchen heute der Fall ist.

Wer sich häufiger testet, entdeckt Infektionen früher und kann sich zeitnah behandeln lassen. Dank der nötigen Abstinenz unterbricht die eigene Behandlung die Ansteckungskette. Das senkt Neuansteckungen, wie die Trends in Grossbritannien zeigen. Und es stärkt in Paarbeziehungen das gegenseitige Vertrauen sowie die transparente Kommunikation, weil regelmässige Tests einen schiefgelaufenen Seitensprung ohnehin rasch enttarnen würden.

Am Ende ist «Kennen» zwar gut, Kontrolle aber besser. Und das bitte für alle gleich.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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