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«Freue mich sehr, dass Vincent so viel Aufmerksamkeit bekommt»

Sarah Connor im MANNSCHAFT-Interview über den Radio-Boykott, über Achtsamkeit und übers Älterwerden

Sarah Connor
Sarah Connor (Foto/Still aus Vincent)

Sarah Connor steht aktuell mit «Vincent» auf Platz 1 der deutschen Google Play Charts, bei iTunes belegt sie Platz 2. Auch wenn der Song von etlichen Radios boykottiert wird: Er kommt bei den Leuten an. Darüber haben wir mit der Sängerin gesprochen.

Sarah, Du hast auf «Herz Kraft Werke» wieder mit Ulf Sommer und Peter Plate gearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit?
Es ist eine magische Kommunikation zwischen uns, wenn wir an neuen Songs arbeiten. Ulf ist der, der nervös hin und her läuft, Peter schlägt irgendwas vor, und ich lehne meistens alles ab (lacht). Das klingt wahrscheinlich widersprüchlich, aber durch die Reibung mit den Jungs komme ich auf das, was ich eigentlich sagen will, Sie gehören zu dem kleinen Kreis von Menschen, die ich beim Texten so richtig mit in mein Herz schauen lasse. Songs wie Schloss aus Glas, über die Scheidung meiner Eltern oder mein «Vincent» hätte ich nicht mit jemand anderem so machen können. Wir haben den Anspruch, die Essenz zu finden, die einfachsten Worte so intensiv wie möglich. Nicht kompliziert, nicht verkopft, aber so nah wie möglich an der Wahrheit.

Es gab grosse Aufregung um den Song, einige Radios boykottieren ihn. Ich für mich muss sagen: Wenn ich bei meinem Coming-out Mitte der 80er-Jahre so einen Song mit so einem Text gehabt hätte, wäre vieles einfacher gewesen.
Schön, dass du das sagst. Das macht mich wirklich glücklich. Genau dafür ist er gedacht.

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Von denjenigen Radios, die «Vincent» wegen der ersten beiden Zeilen boykottieren, hört man, sie wollten Kinder oder Jugendliche schützen. Man unterstellt dir sogar, Du wolltest gezielt einen PR-Coup landen. Ärgert dich das?
Nö. Ich freue mich sehr darüber, dass «Vincent» so viel Aufmerksamkeit bekommt. Ich habe mir gewünscht, dass er eine Debatte auslösen würde. Dass Menschen mit sich und ihren Freunden und Kindern ins Gespräch gehen. Über Homosexualität, über Toleranz und die eigene Einstellung dazu …

Mein Sohn hat total entspannt reagiert

Du hast ja schon in anderen Interviews erzählt, dass es in deinem privaten Umfeld einen Jugendlichen gab, der sich geoutet hat.
Der Song «Vincent» ist einfach zu mir gekommen. Es wundert mich selber, dass mich das so berührt hat. Ich habe auch mit meinem Sohn darüber gesprochen und der hat total entspannt reagiert. Es hat sich so viel verändert. Ich hatte mit 17 auch einen Freund, der sich nicht traute, sich zu outen. Ich war seine Alibi-Freundin. Heute lebt er seit vielen Jahren mit seinem Mann und das freut mich total.

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Es gibt viele Menschen, schwul, lesbisch, trans, bei denen es ganz viel Gutes auslöst, diesen Song zu hören.
Das ist auch ein bisschen das Ziel: Dass die Menschen, die sowas erlebt haben, sehen: Hey, jetzt gibt’s einen Song dazu. Und auf der anderen Seite soll er Gespräche anregen. Dass die, die sich vielleicht daran stossen, auch umarmt werden. Dass man ihnen erklärt: Wenn es dir unbequem ist, überleg doch mal, warum das so ist. Wir behaupten doch immer, wir leben in einer offenen, toleranten Gesellschaft. Ich glaube, es gibt in einigen Bereichen immer noch viel zu besprechen, und auch das soll das Lied anregen. Ich habe so schöne Briefe bekommen, von einer Frau Mitte 20, die hat sich gegenüber ihrer Mutter geoutet, nachdem sie schon einige Jahre eine Frau hatte. Sie hörte «Vincent» im Radio und dachte sich spontan: Jetzt sage ich es ihr. Das hat mich so berührt, und es macht mich stolz, dass ich mit meinem Song ein kleiner Helfer auf der Schulter war.

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Willst du das echt sagen? Finden wir super!

Du hast «Vincent» mit Peter und Ulf geschrieben, mit zwei schwulen Männern – wie lief das ab?
Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich einen ziemlich genauen Plan, was ich machen wollte. Die erste Strophe war schnell da. Ich habe Ulf und Peter erzählt, was es für ein Song werden soll, habe von meinem Vincent erzählt und habe sie ausgefragt, wie es bei ihnen war, Ulf hat über seine Zeit im Osten erzählt, wie es bei ihm war. Peter erzählte, wie seine Eltern bei seinem Coming-out reagiert haben. Wir redeten darüber, was auf einen 15-Jährigen zukommen kann heutzutage, wenn er sich outet .. Da wurde mir klar, was ich sagen würde, wenn es mein Kind wäre. Und so kam eben der Chorus raus. Aber die erste Zeile, war der Anfang. Die habe ich aufgeschrieben, das war meine Essenz.

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Ich wollte im ersten Satz sagen: Vincent ist ein schwuler Junge, der sich zum ersten Mal verliebt: «Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt». Da lachten die beiden erstmal. «Willst du das echt sagen? Finden wir super!» Sie bestärken mich oft in wichtigen Momenten mutig zu sein. Ich bin am besten, wenn ich so rede, wie ich bin. Direkt, manchmal auch vulgär, aber ehrlich. Bei «Ruiniert» haben wir uns sogar richtig gestritten. Es ging um gesellschaftliche Themen und das richtige Wording, um das, was Deutschland ist und um Lösungsvorschläge, und da kriegten wir uns richtig in die Haare.

Was sagen deine Fans zu den teils deutlichen Worten?
Ich glaube, sie schätzen meine Ehrlichkeit. Das ist meine Haltung. Damit muss man umgehen können. Im besten Fall überdenkt vielleicht der eine oder andere AfD-Wähler und Fan meiner Musik nochmal seine Haltung. Klar schreiben mir nun auch Leute auf Facebook: Hör mal, wir sind keine Rassisten, wir sind eine gute Partei. Gerade habe ich geschaut, das schreibt jemand: Wir bei der AfD sind doch total nett. Und direkt darunter hat jemand anders wiederum eine Regenbogenfahne gepostet und schreibt, er will dieses Jahr beim CSD meinen Song «Vincent» total feiern. Es ist toll, wie bunt es zugeht in den Kommentaren. Menschen streiten und diskutieren miteinander und das auf Grundlage meiner Songs. Das ist mir das Wichtigste, dass es was mit Menschen macht.

In dem Song «Ruiniert» stellst du die Frage, warum uns nichts mehr rührt, warum die Menschen nicht mehr zusammenhalten. Hast du auch eine Antwort darauf?
Wir brauchen wieder Liebe. Das mag naiv klingen und kitschig, aber das ist meine Antwort. Ich sehe oft durch meine Kinder, wie einfach die Dinge sein könnten. Wie einfach sie die schwierigsten Fragen beantworten. Das hat viel damit zu tun, wie achtsam wir miteinander umgehen. Sonst läuft man Gefahr, abzustumpfen. Der Überfluss an Informationen, die auf uns einprasseln, machen einen stumpf und taub. Man ist nicht mehr sensibel dafür, was wichtig ist, was der Nächste braucht. Man muss zwischendurch mal hochgucken, die Hand reichen, sich anschauen.

Nach dem Coming-out wünschte seine Mutter ihm den Tod

Neulich sass ich mit meiner Familie in einem Restaurant und habe ein Paar beobachtet. Die Frau sah ganz traurig aus, ihr Mann sass mit verschränkten Beinen da, war die ganze Zeit am Handy. Ich war kurz davor aufzustehen und hinzugehen und zu sagen: Entschuldigung, es tut mir in der Seele weh, dass Ihre Frau seit 20 Minuten verlegen in die Gegend guckt. Zur der Frau hätte ich um ein Haar gesagt: Setzen Sie sich doch zu uns, wir können uns ein bisschen unterhalten. Sie sah so unglücklich aus .. Das meine ich damit, dass man sich nicht nur immer auf den Scheitel gucken sollte, sondern richtig hinsieht und mitkriegt, was den anderen bewegt.

Du hast nach «Muttersprache» jetzt das zweite Album in deutscher Sprache gemacht, wieder sehr erfolgreich. Gibt es die «From-Zero-to-Hero»-Sarah-Connor gar nicht mehr?
Doch! Das wird immer in mir bleiben. Ich mache jetzt diesen Ausflug und kann in den Songs, die ich schreibe, meine Liebe zu den Worten ausdrücken. Das wird auch richtig wertgeschätzt. Ich werde sicher auch wieder englische Titel machen, am Ende fehlt mir der Soul. Das ist auf Deutsch nur bedingt möglich. Ich habe versucht bei dieser Platte auch auf Deutsch Soul und Kraft reinzubringen, aber am Ende ist es auf Englisch immer noch einen Tick sexier, finde ich. Wenn ich englisch singe, bin ich den Worten nicht so nah. Dann denke ich nicht nach – ich fühle dann nur.

Wenn wir alt sind, schreiben sie mir ein Musical und ich bin ihre Barbara Streisand

Du wirst nächstes Jahr 40. Deine Kollegin Madonna ist 60 und wurde gerade viel gedisst und runtergemacht für ihren Auftritt beim ESC. Macht dir das Älterwerden Sorgen, wenn du das liest oder hörst?
Ich muss ehrlich sagen, ich finde es absurd, über Madonna zu lästern. Sie hat so viel für die Musik getan, für Frauen, für Schwule, Lesben – da kann man ruhig nachsichtiger sein. Sie war nie eine grosse Sängerin, sie steht doch für was ganz anderes. Wenn ich zwischen 60 und 70 noch so fit und frech bin, bin ich froh. Dann werde ich schön im Friedrichstadt-Palast meine alten Balladen bringen. Das ist der Rentenplan von Ulf, Peter und mir. Wir sind so langweilig geworden, haben mit dem Rauchen aufgehört, machen Sport und ernähren uns gesund. Wenn wir alt sind, schreiben sie mir ein Musical und ich bin ihre Barbara Streisand. Dann wird auch wieder geraucht und gesoffen, denn dann ist eh egal.

Ende Oktober geht Sarah Connor auf Tournee. Der Auftakt ist in Erfurt, danach stehen u. a. Berlin, Zürich und Wien auf dem Plan. Alle Termine gibt’s hier.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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