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Sixpack? Straffe Haut? Schwules Altern als Kunstform

Der britische Künstler Rob Crosse verweigert sich konsequent dem Jugendwahn

Schwul Altern
Foto: Rob Crosse

Mit dem gängigen Schönheitsideal von Sixpack und straffer Haut kann der britische Künstler Rob Crosse nichts anfangen, beim Jugendwahn macht er nicht mit. Das drückt sich auch in seinen Fotos, Videos und Performances aus

«Ich hör dir beim Atmen zu, wenn du schläfst», singt der junge Mann in einer etwas ungelenken, melancholischen Melodie. «Halte deinen Körper und verfolge mit dem Finger die Fältchen auf deiner Haut. Was hast du erlebt? Wo kommen diese Male her?»

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Wer will, kann mitsingen bei der Performance von Dear Samuel, die er in Hongkong entwickelt und gezeigt hat. Die Worte erscheinen, wie bei einem Karaoke-Video, am unteren Bildschirmrand, während man oben Singvögel in ihren Käfigen sieht. An Karaoke kommt man in Hongkong ohnehin nicht vorbei, sogar in Schwulensaunen und Bärenkneipen gibt es Kabinen zum Mitsingen.

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Und was die Vögel betrifft: Crosse, der im April ein einmonatiges Stipendium in der ehemaligen britischen Kolonie verbrachte, beobachtete im Yuen Po Street Bird Garden, wie ältere Männer ihre Vögel in Käfigen ausführen. So kommen die Tiere an die frische Luft und können, in ihren Käfigen nebeneinander an Haken aufgehängt, zusammen singen. Diese Szene hat den Londoner Künstler, der vor einem Jahr der Liebe wegen nach Berlin zog, zu seiner Performance inspiriert.

Wie leben ältere Schwule in Hongkong?
Crosse, der Fotografie und Fine Arts studierte, lotet in vielen seiner Werke eine Art generationenübergreifendes Begehren aus, und so traf er in Hongkong auf eine Gruppe älterer schwuler Männer, die sich «Gay and Grey» nennen. Sie entstand im Zuge der Forschung des Hongkonger Dozenten Travis Kong, der als erster untersuchte, wie ältere Schwule in Hongkong leben. Mittlerweile feiert die Gruppe ihr fünfjähriges Bestehen.

schwul alternSonstige Netzwerke für schwule ältere Männer gibt es nicht. 20 bis 30 von ihnen treffen sich regelmässig an wechselnden Orten. Als Crosse sie das erste Mal traf, reden sie darüber, wie man ein Testament schreibt und dass man diesem noch eine Art Begleitbrief hinzufügen sollte. «Darin erklärt man seiner Familie, warum man einem anderen Mann etwas hinterlässt. Selbst wenn die Angehörigen den Mann kannten und beide als Paar zusammenlebten – einfach jemanden etwas zu hinterlassen, den man geliebt hat, das ist in China nicht akzeptiert. Es reizte mich also, so einen Brief zu schreiben, und so entstand Dear Samuel.»

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Schwules Altern
Foto: Rob Crosse

Sex unter Männern ist akzeptiert
Altern ist für die meisten Schwulen eine Herausforderung, erst recht in einer chinesischen Stadt wie Hongkong, wo Homosexualität zwar legal ist – Analverkehr zwischen Männern wurde 1997 entkriminalisiert –, aber oft nicht akzeptiert wird. «Homosexualität hat dort eine andere Bedeutung als bei uns», erzählt Crosse. „Zwar ist schwuler Sex akzeptiert, Homosexualität als Lebensform aber ist etwas anderes und wird getrennt betrachtet, vor dem Hintergrund der Pflichten, die man als Ehemann und Familienmitglied hat.»

Eine ganz andere Art zu altern, zeigt sein Video Prime Time, für das Crosse im Jahr 2017 eine Gruppe von Männern auf einer Gay Cruise begleitete. Amerikaner hauptsächlich, aber auch Australier und ein paar Briten. Sie nennen sich «Prime Timers» – ein US-Netzwerk, das sich an ältere Schwule oder Bi-Männer und ihre Bewunderer richtet und ihnen verschiedenen Möglichkeiten bietet, Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen.

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Einige von ihnen sind nicht geoutet, mit einer Frau verheiratet. Klar, dass die nicht gefilmt werden wollten. Diejenigen, die bereit waren, zeigt die Kamera teilweise sehr nahe, aber immer respektvoll, geradezu zärtlich und liebevoll, ohne die Körper vorzuführen.

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Foto: Rob Crosse

Was ist ein begehrenswerter Körper?
«Das ist die Welt, wie ich sie sehe», erklärt Crosse. «Meine Antwort auf die Frage, wie ein begehrenswerter Körper aussieht. Jugendlichkeit und Attraktivität scheinen ja für viele zusammenzugehören, und vielleicht will ich diese Sicht herausfordern.» Jeder könne sich selber beobachten, wie er auf diese Bilder reagiert, und sich die Frage neu stellen, was einen schönen Körper ausmacht und was einen vermeintlich hässlichen.

Der ausführliche Artikel steht im deutschen Juni-Heft der MANNSCHAFT. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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