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2 Jahre Eheöffnung: Weder Apokalypse noch Inzest für alle

Zwei Jahre nachdem die Ehe für schwule und lesbische Paare geöffnet wurde, ist die eigentliche Katastrophe, dass viele queere Teenager immer noch unter Diskriminierung und Ausgrenzung leiden

Ehe für alle
Juni 2017 vor dem Kanzleramt (Foto: Kriss Rudolph)

Zwei Jahre, nachdem in Deutschland die Ehe für schwule und lesbische Paare geöffnet wurde, haben sich die schlimmsten Horrorszenarien von Kirchenvertreter*innen und christlichen Politiker*innen nicht erfüllt. Wunder kann die Ehe für alle nicht vollbringen – nicht im Negativen, aber auch nicht im Positiven, stellt Kriss Rudolph in seinem Samstagskommentar fest.

Vor zwei Jahren wurde in Deutschland die Ehe geöffnet. Nach langem, zähem Kampf über viele Jahre ging es im Juni 2017 dann ganz schnell: Alle potenziellen Koalitionspartner der Union erklärten das Thema Eheöffnung nacheinander zur roten Linie – ohne die gäbe es keine Zusammenarbeit, erklärten SPD, Grüne und FDP. Dann schliesslich gab die Kanzlerin die Abstimmung im Bundestag frei, ohne Fraktionszwang und nach seinem Gewissen sollte jeder abstimmen dürfen.

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Am 30. Juni stimmten 393 von 623 Abgeordneten für die Eheöffnung. Von der CDU votierten u. a. die Bundeskanzlerin und der damalige Bundestagspräsident Lammert dagegen. Hier erklärt der damalige Generalsekretär Peter Tauber, warum er für die Eheöffnung stimmte.

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Dass die Präsidentin der Studentenvereinigung an der Elite-Uni Harvard, Margaret M. Wang, jetzt den Einsatz der Kanzlerin für die Ehe für alle lobte, als jene die Ehrendoktorwürde erhielt, zeigt, wie geschichtsvergessen man im 21. Jahrhundert schon binnen kürzester Zeit ist. Vielleicht ist man in Zeiten von Trumps Populismus auch nur allzu gerne bereit, die deutsche Kanzlerin zu verklären.

Nun, seit zwei Jahren können schwule und lesbische Paare in Deutschland heiraten. Seither warte ich: Wann nimmt der erste CSU-Politiker zusätzlich zur Gattin seine Geliebte zur Frau und etabliert die Vielehe? Wann heiraten die Mitglieder der Kelly Family einander? Das war doch der Teufel, den Annegret Kramp-Karrenbauer einst an die Wand malte – als Schreckensszenario, das drohte, wenn man die Ehe öffnete. Aber noch fordert niemand die Inzest für alle. Nein, das war natürlich dummes AKK-Geschwätz, leider auch sehr gefährliches, weil die heutige CDU-Chefin, die von ihren Äusserungen nichts zurücknehmen will, damit homophobe Vorbehalte in der Gesellschaft bestärkt, indem sie gleichgeschlechtliche Liebe in ein schlechtes Licht rückt.

Religiöse Fanatiker warnten vor schlimmen Naturkatastrophen
Schon 2013 warnte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill, die Ehe für alle sei ein apokalyptisches Symptom. Damit beschreite die Menschheit «den Pfad der Selbstzerstörung». Nun, selbst die Niederlande und Spanien, wo die Ehe lange vor Deutschland geöffnet wurde, stehen noch. Auch in den USA warnten einst religiöse Fanatiker davor, dass eine Eheöffnung schlimme Naturkatastrophen bringen würde. Wenn man Donald Trump nicht als solche zählen will, war auch das Unfug.

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Die Ehe für alle kann keine Berge versetzen, nicht im Negativen, aber auch nicht im Positiven. Was sie natürlich nicht schafft, ist, binnen zwei Jahren die Gesellschaft soweit zu liberalisieren, dass sich queere Schüler*innen akzeptiert fühlen. Wie eine Befragung aus München zeigt (und es gibt leider keinen Anlass, zu glauben, dass es im Rest der Republik besser ist), fühlt sich jede*r dritte homo- und bisexuelle Teenager*in diskriminiert. Bei inter und trans Schüler*innen sind es deutlich über die Hälfte.

Noch immer liegt die Suizidrate bei schwulen und lesbischen Jugendlichen vier bis zu siebenmal höher als bei heterosexuellen Altersgenossen. Das ergab die Studie des Berliner Senats «Sie liebt sie. Er liebt ihn». Grund sind anhaltende Anfeindungen und Ausgrenzungen von LGBTIQ in der Gesellschaft – und die Angst davor.

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Nein, die Ehe für alle ist nicht das Ende eines jahrzehntelangen Emanzipationskampfes – sie war ein Etappenziel. Es bleibt immer noch eine ganze Menge zu tun.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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