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«Queere Menschen eint mit allen: die Fähigkeit zur Liebe»

Rechtspopulistische Parteien würden Europa mit ihrem Hass von allen Rechten, die wir erkämpft haben, säubern – warnt unser Kommentator

Lublin Pride
Foto: AdobeStock

Die LGBTIQ-Community hat mit der Betonung von Liebe und dem Claim ‚Liebe ist Liebe‘ Europa besser gemacht und wird es auch weiter tun. Das ist angesichts der bevorstehenden Europawahl Hoffnung und Auftrag zugleich, meint Jan Feddersen in seinem Samstagskommentar*.

Eine der eindrücklichsten Zeichnungen des berühmten Ralf König zeigt eine Szene, die man heutzutage – zumindest in Deutschland – kaum noch nachfühlen kann. Ich erinnere diese Szene so: Sitzen also in einem Eiscafé zwei schwule Männer, kommt die Kellnerin, worauf die beiden Königskerle sagen: «Wir sind übrigens schwul, und dann hätten wir einen Amarenabecher und einmal den Ananas-Cup.» Worauf die Bedienung sehr, sehr cool antwortet: «Das Erste ist mir egal, und beim Zweiten: Mit oder ohne Sahne?»

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Man möchte erläutern: Ralf König, der schwulste Geschichtenerzähler moderner Zeiten, spiegelt das Lebensgefühl meiner Generation, überhaupt auf sich als Schwule aufmerksam zu machen. Gay Pride! – whatever that means, aber es sollte bedeuten, nicht als Menschen mit, im Vergleich mit der heterosexuellen Mehrheit, „sexueller Andersheit“ übersehen zu werden.

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Und die Zeichnung deutet an, was heute in Metropolen wie Berlin, Köln oder Hamburg niemanden mehr interessiert, weil ohnehin alle davon ausgehen, dass es Leute gibt, die eben nicht dem deutschen Bild der heterosexuellen Selbstverständlichkeit entsprechen. Der Kellnerin ist es egal, wie die Männer ticken, die da ihr die Bestellung auf den Weg geben wollen.

Historisch musste unsereins sich bemerkbar machen, sonst wäre man wirklich übersehen worden – und einfach der heterosexuellen Mehrheit zugerechnet worden, besser: man musste als die Anderen ernstgenommen werden wollen. Die Jahre der Schwulenbewegung der Siebziger mussten in diesem Sinne demonstrativ sein, aggressiv und, ja auch dies, übertrieben selbstbehauptend. Und es musste über Sexuelles gesprochen werden, über Schwules. Wir waren nicht die Homophilen, die zwar nicht anders konnten, weil sie in fürchterlichen, Rosa-Winkel-haften Zeiten aufgewachsen waren – zurecht ängstlich, in jeder Hautpore Furcht eingesunken.

Wir wollten Andere sein, wir wollten provozieren, wir wollten uns nicht als Untertänige, um Toleranz Bettelnde zeigen.

Diese Homophilen taten so, als seien sie genauso wertvoll, kostbar und gediegen wie die heterosexuelle Mehrheit – über das «Schmutzige», das Sexuelle redeten sie nicht, weil das bei der christlich-konservativen Bürgerlichkeit extreme Schocks ausgelöst hätte. Nein, so wollten wir nicht sein: Wir wollten Andere sein, wir wollten provozieren, wir wollten uns nicht als Untertänige, um Toleranz Bettelnde zeigen.

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In fast allen Ländern war die Schwulen- und Lesbenbewegung darauf aus: Über die Provokation sich ins Konzert der öffentlichen Wahrnehmung zu bringen. Bloss nicht so tun, als täte man sich für das, was man auch sexuell ist, entschuldigen wollen. Das ging bis vor 15 Jahren so weit, dass schwule CSD-Leute in Berlin darauf beharrten, sich bei der Pride Parade auf einem CSD-Wagen sehr sichtbar als Anpinkelnde zu zeigen. Achtung: Fetischalarm – auch das muss im Sinne im grossen Liberalität erlaubt sein.

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Daran störten sich wiederum viele lesbische CSD-Frauen … Aber es fand ein Wechsel statt in der Art und Weise der öffentlichen Selbstpräsentation: Man setzte nicht mehr auf Schocks im körperlich-sexuellen Sinne, sondern auf souveräne Zeichen der Demonstration – etwa auf Forderungen nach Gleichberechtigung. Für Heteros konservativer Prägung war die Parole der «Ehe für alle» tatsächlich die grössere Provokation als irgendeine Fetischgeschichte. Bitte? Die wollen jetzt nicht nur in ihren Subkulturen unbehelligt bleiben, sondern die gleichen Rechte wie jene, die wir haben?

In den USA orientierte sich die LGBTIQ-Bewegung mit den Jahren der schlimmen Regierung George W. Bushs ebenfalls um. In einzelnen Bundesstaaten setzten christliche Lobbygruppen durch, dass das Eherecht nur Heteros zusteht. So verfielen unsere Freund*innen in den USA auf Idee, nicht mehr die Provokation des Sprechens über Sex sich zu verlassen – sondern auf die Liebe hin zu orientieren. Schwule und Lesben haben Anspruch auf das gleiche Eherecht, denn auch ihnen geht es um Liebe. In der Amtszeit von Präsident Barack Obama sprach der Oberste Gerichtshof in Washington D.C. das Urteil, dass die Ehe künftig allen offensteht, gleich, in welcher geschlechtlichen Kombination. Die Propaganda-Chiffre war eben – die der Liebe.

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Auch in Polen griff man zu diesem Mittel: Nicht mehr die zutiefst konservativen Mainstreams mit flamboyanten Demonstrationen herauszufordern. Das mobilisierte klerikal-faschistische Schlägertrupps, das führte zu nix. Aktivist*innen wie Katarzyna Remin und der inzwischen populäre Politiker Robert Biedron setzten auf das Thema Liebe. Queers eint mit allen die Fähigkeit zur Liebe. Das hatte allerdings in Zeiten der aktuellen Regierung zu nichts, wie Katarzyna Remin neulich berichtete – die PiS-Regierung inszeniert die Präsenz der Queers zu Sündenböcken, Schwule und Lesben und Trans*menschen sind so aussätzig wie keine anderen. Remin sagt: Wir sind mit unseren Mitteln, auf die gemeinsame Idee der Liebe hinzuweisen, mit dieser Regierung gescheitert. Sie hetzen, sie schützen uns nicht.

In Europa wird Ende Mai ein neues EU-Parlament gewählt. Rechtspopulistische Parteien haben keine einzige Stimme verdient. Sie würden unseren Kontinent von allen Rechten, die wir erkämpft haben, säubern. Sie sind eine Gefahr – und man lasse sich nicht ablenken, wenn sie ihre Phobien gegen Flüchtlinge, Migrant*innen, Muslime giftig in Szene setzen. Diese neuen Bürger*innen unseres Europa verdienen demokratische Teilhabe der europäischen Demokratie ebenso wie wir – die wir mit Liebe dieses Europa durch uns besser gemacht haben und es weiter tun haben. Welche Differenzen ideologischer Art in unserer Community auch immer gerade in Mode sind – oder welche Unterschiede es gerade in der Debatte gibt: Dem Hass keine Chance!

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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