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Warum führt die WHO Homophobie nicht als Verhaltensstörung?

Wenn eine krankhafte Abneigung von Mobbing bis Mord reicht

Homophobie
Foto: AdobeStock
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Die Homophobie repräsentiert laut Duden ein «homophobes Wesen, Verhalten». Beim dazugehörigen Adjektiv wird der Duden in seiner Definition deutlicher: «eine starke [krankhafte] Abneigung gegen Homosexualität habend, zeigend». Wird Zeit, dass die behandelt wird, meint unser Samstagskommentator*.

Was bei Duden als Zusatzinformation in eckigen Klammern steht, beschreibt den Wesenskern der Homophobie: Sie ist mehr als bloss eine Abneigung. Sie reicht von dummen Sprüchen über Mobbing bis hin zum Mord.

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Obschon als Phobie bezeichnet führt die WHO die Homophobie nicht in ihrer Liste der psychischen und Verhaltensstörungen nach «ICD-10», der internationalen Klassifikation der Krankheiten: Während die Angst vor Katzen oder Hunden als Bestandteil dieser Liste ärztlich diagnostiziert und behandelt werden, gehören die Homophobie (Schwulen-/Lesbenfeindlichkeit), Heterophobie (Abneigung gegenüber Randgruppen/Minderheiten) sowie die Xenophobie (Fremdenangst) in die Kategorie der Aversion.

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Und dennoch fragt sich manch einer: Wäre es nicht sinnvoll, homophobes Verhalten zu behandeln – wie z. B. bei einem Sultan, der die Steinigung von Schwulen in Brunei neulich eingeführt hat?

Alles eine Einstellungssache
Doch das ist nicht so einfach. Erstens, weil Homophobie trotz des Angstbegriffs im Wort keine Angstsymptome auslöst, wie das bei Phobien der Fall ist. Zweitens besteht bei der Homophobie kein expliziter Leidensdruck, sodass eine ärztliche Behandlung nicht viel bewirken könnte. Es ist vielmehr eine Einstellungssache, die durch einen Dialog zwischen Homophoben und Homosexuellen dahingehend verändert werden kann, dass die Feindlichkeit abnimmt, auch wenn jemand für sich mit der Homosexualität nichts anfangen kann.

Dennoch gibt es viel Leid auf jener Seite, die von Anfeindungen und Mobbing aus der homophoben Ecke betroffen sind, wie die jüngsten und tragischen Ereignisse zeigen: Ein schwuler US-Teenager (15) begeht nach homophoben Anfeindungen Selbstmord. Brunei führt die Steinigung von Schwulen als Strafe ein, und das Islamische Zentrum in Wien stellt ein homophobes Video auf YouTube. Und hier besteht Handlungsbedarf.

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Toleranz? Respekt? Verständnis?
Nichts weniger hat der Sultan von Brunei in seinem Brief an die EU gefordert, als er sich für die «traditionellen Werte» seines Sultanats stark machte. Toleranz, Respekt und Verständnis für die Steinigung von Homosexuellen – also für staatlich verordneten Mord? Gegenfrage: Wie steht es um den Respekt des Rechts auf Leben? Zweite Gegenfrage: Wird der Sultan nun seinen eigenen Sohn steinigen?

«Mehr als alles andere wünschte ich mir, einfach hetero zu sein»

Laut US-Blogger Perez Hilton soll Prinz Azim von Brunei selbst schwul sein. Anderen Medienberichten zufolge soll er sich nun offiziell geoutet haben und demnächst einen Nachtclub für Gays in San Francisco eröffnen. Dieser Umstand könnte auch mit ein Grund für das neue Gesetz sein. Denn Prinz Azim sei für seine ausschweifenden Partys mit Promis und Promille bekannt und untergräbt damit die «traditionellen Werte» seines Vaters.

Familienzwist hin oder her: Das neue Gesetz könnte ohnehin nur symbolischer Natur sein, weil es den homosexuellen Sex verurteilt, der ausserdem von vier Personen bezeugt werden muss, ehe es zu einer Anklage bzw. Verurteilung kommt. Symbolik hin oder her: Toleranz, Respekt und Verständnis gehen trotzdem anders.

Warum all die Angst vor Schwulen?
Wer sich bei Gegnern der Eheöffnung umhört, stösst auf Argumente wie «die Menschheit stirbt aus, wenn jeder schwul oder lesbisch ist», was – je nach Erhebung – bei einem Anteil von einem bis zehn Prozent der Bevölkerung höchst unwahrscheinlich ist. Ins gleiche Horn bläst Jarosław Kaczyński, der Chef von Polens rechtsnationalistischer Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Seiner Meinung nach bedrohen Schwule und Lesben «die polnische Identität, die Nation, deren Existenz und damit auch den polnischen Staat».

Wow – wie mächtig doch die LGBTIQ-Community ist! Zusammen mit künstlicher Intelligenz wird sie demnächst die gesamte Welt «homogenisieren» … Glaubt Herr Kaczyński auch an den Osterhasen? Oder gar an das fliegende Spaghettimonster der Pastafari-Bewegung? Dabei müsste er die Schwulen doch lieben: Dank Gays erhöhen sich für ihn und seine Zeitgenossen die Chancen bei fortpflanzungswilligen weiblichen Pendants zu landen – und hurra! – die Menschheit wird überleben.

«Wehret den Anfängen!»
Herr Kaczyński und alle anderen Homo-, Hetero- und Xenophoben dieser Welt: Es wird Zeit, miteinander über die vielfältigen Unterschiede und deren Chancen zu reden, anstatt uns Menschen über unsere Unterschiede in «wertvolle oder unwerte Leben» einzuteilen. Eine Denkart, die sich wieder in der Mitte der Gesellschaft eingenistet hat, wie in der vor einigen Tagen publizierten «Mitte-Studie» der Friedrich-Ebert-Stiftung nachzulesen war. Die Studie hat die Themen Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und den Orientierungsverlust der Mitte untersucht.

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Vor 80 Jahren gab es diese Denke vom «wertvollen und unwerten Leben» schon einmal. Sie endete in der bisher grössten Katastrophe der Menschheit mit Millionen von Toten. Und eine Wiederholung gilt es zu verhindern. Denn Abneigung und Hass lösen keine Probleme. Erst recht nicht in Zeiten von Globalisierung, digitaler Transformation und Zukunftsunsicherheit. Stattdessen braucht es gegenseitigen Respekt auf Augenhöhe und den Konsens, dass das unversehrte und freie Leben den höchsten aller menschlichen Werte bildet – egal, wie bunt der Hintergrund eines Menschen auch sein mag.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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