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Pornos als Evangelium: Ein Priester macht sich nackt

Der Geistliche Pierre Valkering aus Amsterdam hat eine skandalträchtige Autobiografie geschrieben – als Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der katholischen Kirche und sexuellen Genuss

Solange der fromme Schein gewahrt bleibt hat die katholische Kirche wenig Probleme mit den Sexabenteuern ihrer Geistlichen (Foto: Bible with Rosary/James Chan / Wiki Commons)

Der Amsterdamer Priester Pierre Valkering (58) muss sein Amt niederlegen, weil er sich nicht ans Zölibatsgebot der katholischen Kirche halten will. Er hat ein Buch über Saunaabenteuer und Darkroom-Besuche geschrieben sowie über die Verlogenheit der Kirche. Diese will er überwinden, um mit Ehrlichkeit zu einem besseren Glauben zu finden und ein glücklicherer schwuler Mann zu werden. Pornos haben ihm dabei den Weg gewiesen.

Vor einer Woche outete sich Valkering während der Sonntagsmesse anlässlich seines 25-jährigen Dienstjubiläums in der Amsterdamer Vredeskerk. Er hatte allen Kirchenbesuchern am Eingang Kaffee und Kuchen angeboten, sie willkommen geheissen und mit der Messe begonnen, so wie immer. Dabei trug er ein rosafarbenes Gewand, als liturgische Farbe passend zur Fastenzeit, und fing plötzlich an über «50 Shades of Gay» im Vatikan zu sprechen. Seine Gemeinde stutzte. Besonders als er ergänzte, dass er selbst auch solche «Schattierungen» habe.

Das Buch «Ontkleed niet naakt staan» von Pierre Valkering, 2019

Zur Überraschung der Anwesenden präsentierte er daraufhin ein Buch, das er in den letzten vier Jahren im Geheimen geschrieben habe: «Ontkleed niet naakt staan», was übersetzt so viel bedeutet wie «Ausgezogen, aber nicht nackt dastehen». In diesem Buch berichtet Valkering sehr offenherzig von seinem Leben, seinen sexuellen Vorlieben und Abenteuern, aber auch von seiner Pornosucht und seinen Fetisch-Vorlieben. Es ist ein de profundis.

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Er habe vor der Messe mit niemandem über das Buchprojekt gesprochen, erzählte er später niederländischen Journalisten, weil er sichergehen wollte, dass seine Vorgesetzten ihm die Jubiläumsmesse und Buchpräsentation-im-Gottesdienst nicht verbieten würden.

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Sofort berichteten mehrere niederländische Medien über das Outing und Buch voller «juicy details». Valkering wurde noch am gleichen Tag in Talkshows eingeladen. Die Antwort der Kirchenoberen kam umgehend: Bischof Jos Punt vom Bistum Haarlem-Amsterdam teilte Valkering am nächsten Tag mit, dass er vom Amt beurlaubt sei und eine «bezinningsperiode» (eine «Zeit zur Einkehr und zum Überdenken») einlegen müsse.

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Würdevolle Ausübung des Amts
In einer öffentlichen Stellungnahme schreibt Bischof Punt, dass er sich bei Valkering bedanke für dessen Ehrlichkeit. Aber: «Er gibt nun öffentlich und unmissverständlich an, dass er sein Zölibatsgelübde gebrochen hat und es auch nicht einhalten kann oder will. Mehr noch, er hat sich weitere sexuelle Freiheiten herausgenommen. Das ist für die römisch-katholische Kirche nicht vereinbar mit einer würdevollen Ausübung des Priesteramts.» Auch über dieses Schreiben berichteten fast sämtliche Zeitungen in den Niederlanden. Die Artikel haben Valkering zu einer Art nationaler Berühmtheit gemacht – die einen reagieren mit Bewunderung auf ihn, die anderen mit Abscheu.

Sogar die landesweiten NOS-Nachrichten haben ihn interviewt, was vergleichbar ist mit der ARD-Tagesschau:

Es gab in jüngster Vergangenheit mehrere Priester, die offen über ihre Homosexualität sprachen, zum Beispiel der Niederländer Antoine Bodar. Aber der entschied sich für ein zölibatäres Leben und folgt damit den Vorgaben der Kirche. Als sich der polnische Priester Krysztof Charamsa 2015 outete und zugab, eine Beziehung mit einem Mann zu führen, verlor er seine Position im Vatikan. Er wurde gezwungen, sein Priesteramt niederzulegen.

Bei der Sonntagsmesse in Amsterdam sagte Valkering dazu: «In Rom steht ein riesiger rosafarbener Elefant.» Zu diesem «Elefanten» erschien unlängst das Buch des französischen Soziologen Frédéric Martel mit dem Titel «Sodoma». Laut Martel führen vier von fünf Geistlichen im Vatikan ein homosexuelles Doppelleben. Martel interviewte 41 Kardinäle, 52 Bischöfe und mehr als 200 Priester und Seminaristen. Die meisten blieben anonym.

Anonymität und Doppelleben
Valkering will die Anonymität und das Doppelleben durchbrechen. Er stammt selbst aus einer streng katholischen Umgebung. Aufgewachsen in Santpoort und Apeldoorn, durchlebte er dort eine sorglose Kindheit. Bis er merkte, dass er anders als die anderen war. Wie genau «anders» erkannte er als 11-Jähriger, als er in einem Klatschblatt namens Margriet ein Interview mit TV-Präsentator Albert Mol las, der über seine Homosexualität sprach. «Sofort begriff ich, dass alles in dem Artikel auch auf mich zutraf», schreibt Valkering in seinem Buch.

Der holländische Schauspieler Albert Mol 1962 (Foto: Nationaal Archief Materiaalsoort)

In der Schule faszinierten ihn zunehmend Jungs in Jeans und Cordhosen, eine damals «rebellische» Kleidung. Die zog ihn magisch an: «Ich konnte die Jungs zwar nicht haben, aber diese Hosen!»

Es folgten acht einsame Jahre, in denen Valkering mit niemandem über seinen sexuelle Orientierung sprechen konnte. Allein Gott war sein Ansprechpartner

Es folgten «acht einsame Jahre», in denen Valkering mit niemandem über seinen sexuelle Orientierung sprechen konnte. Allein Gott war sein Ansprechpartner. Seine Religiosität trieb Valkering zum Priesteramt, das für ihn die einzige gesellschaftlich akzeptierte Position darstellte, in der es möglich war, nicht zu heiraten. Dennoch war seine «befreite» Art unverheiratet zu leben nicht das, was die Kirche wünschte.

Valkering wurde während des Selektionsprozesses für die Übernahme einer Kirchengemeinde erklärt, dass er als Priesterkandidat nicht offen mit einem Mann zusammenleben könne. Daraufhin mietete Valkering eine zweite Wohnung und beantragte eine eigene Telefonnummer auf seinen Namen. Das Resultat war frommer Schein, aber es gab keine weiteren Klagen oder Einwände von seinen Vorgesetzten.

Vatikan
Das Buch «Sodoma» des Soziologen Frédéric Martel in der englischen Ausgabe

Solche «spastischen Aktionen» hängen laut Valkering zusammen mit der verlogenen Kultur der katholischen Kirche. Diese Kultur wolle er beenden. Auch er beruft sich auf das Buch von Martel und sagt: «Der Kreuzzug gegen Homosexuelle wird geführt von denjenigen, sie selbst homosexuell sind. Dadurch passiert viel im Dunkeln. In solch einer Atmosphäre der Geheimhaltung war es auch möglich, dass Kindesmissbrauch stattfand.»

In solch einer Atmosphäre der Geheimhaltung war es auch möglich, dass Kindesmissbrauch stattfand

Mit diesem Statement hat er natürlich sofort viele Menschen auf seiner Seite, schliesslich ist Kindesmissbrauch das Thema der Stunde. Durch das offene und ehrliche Sprechen über sexuelles Verlangen soll, laut Valkering, die «verkrampfte Kultur» der Kirche durchbrochen werden und auch das ewige Vertuschen und Verstecken. Erst danach sei ein Heilungsprozess möglich. Und Heilung sucht auch Valkering, etwa von seiner Pornosucht.

Manchmal klappte er nach dem Nachtgebet seinen Laptop auf und schaute bis zum Morgengrauen Sexfilme, vorzugsweise solche aus den 1970er- und 80er-Jahren, vorzugsweise mit langhaarigen Jungs, die vorzugsweise Jeans und Cordhosen tragen. Dieses Nicht-aufhören-Können vom Pornogucken habe sein Leben negativ beeinträchtigt, genauso wie die damit verbundenen Scham- und Schuldgefühle. Das Schreiben des Buchs habe ihm geholfen, die Sucht zu überwinden.

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Obwohl er Pornografie durchaus kritisch beurteilt, sucht er in seiner Autobiografie nach einer Erklärung, warum sie ihn so anzogen hat. Er schreibt: «Pornos können uns etwas vom Leben zeigen, das auf sexuellem Gebiet dem entspricht, was im Evangelium steht: Menschen, die erkennbar Genuss verspüren, demonstrieren eine Freiheit, nach der wir alle verlangen und von der auch das Evangelium handelt.» Eine kühne These, über die sicher noch viel nachgedacht werden kann.

Verdrängte Sexualität wird verzerrte Sexualität
In seiner Autobiografie schreibt Valkering detailliert über seine früheren Saunabesuche sowie Besuche von Darkrooms und Sexkinos in der Zeit vor zirka 15 Jahren. Er gibt zu, dass diese Besuche vielleicht «sündhaft» gewesen seien, aber auch «sehr aufregend». Er glaube daran, dass man ehrlich über Dinge sprechen müsse, sagte er im Interview mit der Zeitschrift Gaykrant. «Jesus hat uns genau dazu aufgefordert – nichts zu verbergen und sich selbst so schlicht zu präsentieren, wie man ist.» Seiner Meinung nach führe das Tabu der Homosexualität in der Kirche zu Selbsthass, Verkrampfungen und seelischen Fehlentwicklungen: «Verdrängte Sexualität wird zu verzerrter Sexualität.»

Seit 1994 ist Valkering Priester an der Vredeskerk in Amsterdam. Im Sommer 2016 hatte er dem Papst bei einem Besuch ein Buch überreicht mit Trostgebeten von Pfarrer Jan van Kilsdonk, die dieser zusammen mit jungen Schwulen sprach, die an Aids erkrankt waren und im Sterben lagen. Valkering hat für die Buchausgabe ein Vorwort geschrieben.

Das Buch «Dag jongen van licht. Toespraken bij het afscheid van homoseksuele mannen» von Jan van Kilsdonk

Bei der Coming-out-Messe überreichte Valkering die erste Kopie seiner Autobiografie dem LGBTIQ-Aktivisten und Politiker Boris Dittrich, der daraufhin eine Ansprache hielt. Das zweite Buch bekam Valkerings Mutter. Sie wusste bis dahin nichts von der Autobiografie ihres Sohns. «Ich weiss nicht, ob sie das wirklich lesen und damit umgehen kann», erklärte Valkering später der Zeitung De Volkskrant. «Ich wollte bei der Messe eigentlich zu meinen Eltern sagen: Es wird nicht einfach sein, dieses Buch zu lesen, aber ihr lernt mich darin sehr gut kennen.» Im grossen Trubel der Coming-out-Messe habe Valkering laut Volkskrant dann aber vergessen, diese Worte tatsächlich zu sprechen. Seither haben sich seine Eltern nicht öffentlich geäussert.

Während Valkering selbst weiter durch holländische Talkshows wandert und gegen die Doppelmoral und Geheimniskrämerei der katholischen Kirche ankämpft, macht er gleichzeitig Werbung für sein Buch. Es kommt Mitte April in die holländischen Buchläden und ist in Deutschland u.a. via Amazon zu beziehen. Ob’s eine Übersetzung geben wird, steht bislang nicht fest.

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