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40 Jahre AG Schwule Lehrer – «vom Triebtäter zum Vorbild»

Die Arbeitsgemeinschaft wurde vor 40 Jahren in Berlin gegründet, nun wurde mit einem Festakt gefeiert

Schwule Lehrer
Beim Festakt der AG Schwule Lehrer wurde Detlef Mücke Mitte) geehrt Foto: Kriss Rudolph

«Vom Triebtäter zum Vorbild» – unter dem Titel fand am Donnerstagabend der Festakt zum 40. Jubiläum der AG Schwule Lehrer im Rathaus Berlin Charlottenburg statt. Am 13. Dezember 1978 war die Arbeitsgemeinschaft in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gegründet worden.

Bis 1968 stellte der Paragraph 175 homosexuelle Handlungen in der DDR unter Strafe. Lehrer konnten wegen ihrer homosexuellen Orientierung aus dem Schuldienst entlassen werden. In Westdeutschland galt dies sogar noch ein Jahr länger. Im Osten wurde das diskriminierende Gesetz im Jahr 1988 ganz fallen gelassen. Im Rahmen der Rechtsangleichung nach der Wiedervereinigung wurde die bestehende Straflosigkeit auch in die BRD übernommen – vollständig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde der Paragraph 175 allerdings erst im Jahr 1994. Bei der ersten Schwulen-Demo in Westberlin an Pfingsten 1973 trugen die homosexuellen Lehrer Tarnkapuzen, aus Angst, ihren Job und ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Diese Tarnung findet sich im Logo zum 40. Jubiläum der AG nun wieder.

Am Donnerstagabend fand nun in Berlin der Festakt anlässlich des 40-jährigen Bestehens der AG statt. In einem Grusswort wies Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) darauf hin, dass es massgeblich auch dem beharrlichen Engagement der Arbeitsgemeinschaft Schwule Lehrer zu verdanken zu, dass «die Rahmenlehrpläne heute völlig anders aussehen und dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Schulbüchern und Lehrplänen nicht mehr abgewertet wird».

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Trotz aller spürbaren Fortschritte räumte Lederer aber ein, dass zwischen rechtlicher Gleichstellung und tatsächlicher Akzeptanz noch immer eine Lücke klaffe. «Dass schwul auf den Schulhöfen als Schimpfwort gebraucht wird, gehört leider noch nicht der Vergangenheit an. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Lehrer*innen auch heute noch Mut und Selbstbewusstsein abverlangt, mit ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität offen umzugehen», so der Senator.

Für schwule Lehrer gab es faktisch Berufsverbote

Marlis Tepe, Bundesvorsitzende der GEW, dankte den schwulen Lehrern im Namen der Gewerkschaft. Sie erzählte von ihrer Studienzeit in Hamburg vor 45 Jahren, damals habe sie mit schwulen Referendaren und Erziehern in einer WG gewohnt. «Für schwule Lehrer gab es faktisch Berufsverbote, wenn sie raus aus der Grauzone gingen und Farbe bekannten», sagte sie in ihrem Grusswort. «Es war nötig, sich politisch zu organisieren, um sich wirksam zur Wehr setzen zu können.»

Heute sei der erkämpfte Status durch den Rollback in der Gesellschaft wieder gefährdet. Viele Kollege trauten sich nicht, sich zu outen. Darum ihre Aufforderung an die versammelten Lehrer*innen und Gäste, weiter gegen die Anfeindungen von rechts zu kämpfen.

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Tom Erdmann, Landesvorsitzender der GEW, nannte als einen der erreichten Fortschritte, das sexuelle und geschlechtliche Vielfalt mittlerweile sensibel im Referendariat behandelt werden müsse. Allerdings kritisierte er, dass LGBTIQ noch fast gar nicht vor in Schulbüchern vorkomme.

Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wies darauf hin, dass das seit 2006 geltende Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) auch homosexuelle Lehrer schütze. Eine ADS-Befragung im Jahr 2017, die man mit Unterstützung der AG Schwule Lehrer unter mehr als 800 LGBTIQ-Lehrkräften durchführte, hatte herausgefunden, dass immerhin 53,5 % der Lehrer*innen geoutet sei. Lediglich 8,0 Prozent der teilnehmenden Lehrkräfte gaben in der Befragung an, dass sie von ihrem derzeitigen Arbeitgeber über den Diskriminierungsschutz des AGG informiert wurden. Und nur 17,0 Prozent bestätigen, dass es an ihrer derzeitigen Schule eine Beschwerdestelle gibt, an die sich eine Lehrkraft wenden kann, wenn man sich wegen eines im AGG genannten Grundes diskriminiert fühlt.

Senatsvertreter entschuldigt sich
Mark Rackles. Staatssekretär im Senatsverwaltung für Bildung, lobte die Arbeit der AG in Berlin als vorbildlich; sie habe bildungspolitisch Einfluss genommen. Er entschuldigte sich im Namen des Berliner Senats für die Diskriminierung und Stigmatisierung von LGBTIQ-Lehrern in der Vergangenheit.

Hunderte Schüler demonstrieren für schwulen Lehrer

Auch der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, schickte ein Grusswort: Das Grundgesetz als Grundlage der demokratischen Ordnung in Deutschland konstatiere in seinen ersten drei Artikeln: «Die Würde des Menschen ist unantastbar», «Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit» und «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich». Krüger weiter: «Seit insgesamt 40 Jahren macht sich die Arbeitsgemeinschaft schwuler Lehrer nun für diese Grundrechte stark. Sie setzen sich dafür ein, ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein dafür zu fördern, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt eine Realität ist, der entsprechende Sichtbarkeit und Anerkennung zusteht.»

Homophober Grundkonsens in der deutschen Gesellschaft
In seinem Festvortrag lobt der Historiker Martin Lücke die «mutige Menschenrechtsarbeit» der AG Schwule Lehrer und erinnerte an den homophoben Grundkonsens, den es vor 40 Jahren in der Gesellschaft gegeben habe. Daher stamme der Begriff «Triebtäter» als Fremdzuschreibung: Man habe Homosexuellen «einen besonders grossen Appetit» auf Sex unterstellt und die Schüler in Gefahr gesehen. Auch der Begriff «Vorbild» sei eine Fremdzuschreibung, so Lücke. Ausserdem stelle sich die Frage: Will man das überhaupt, für die Gesellschaft, die einen jahrelang stigmatisiert hat, eine Vorbildfunktion einnehmen?

Nicht alles lässt sich ändern. aber nichts verändert sich von selbst

«Nicht alles lässt sich ändern. aber nichts verändert sich von selbst», zitierte Lücke den Schriftsteller James Baldwin. Das passe zum Mut und zur Initiative der AG. Ihre 40-jährige Geschichte nannte er eine «Erfolgsgeschichte», deren Protagonisten sich bewusst seien, dass noch nicht alles erreicht ist.

Schwule Lehrer
Detlef Mücke (Foto: Kriss Rudolph)

Schliesslich wurde der pensionierte Lehrer Detlef Mücke mit viel Applaus geehrt. In Erinnerung an die Tarnkapuzen der Demos in den 70ern schenkte ihm die AG eine Mütze. Mücke ist einer der Gründerväter der AG Schwule Lehrer und hatte sich schon in den 70er Jahren als einer der ersten Lehrer in seiner Schule in Berlin-Neukölln als Schwuler geoutet. Im Jahr 2005 wurde der heute 74-Jährige für seine Verdienste um die Gleichberechtigung und Achtung Homosexueller in Schule und Gesellschaft mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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