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Frankreich ersetzt «Mutter» und «Vater» mit genderneutraler Formulierung

Ziel des neuen Gesetzes der Macron-Regierung ist, Diskriminierung von Regenbogenfamilien abzubauen

Plenarsaal der französischen Nationalversammlung (Foto: Richard Ying und Tangui Morlier)

«Déshumanisant» oder eine «très bonne chose»: Ist die französische Gesetzesnovelle, die letzte Woche von der Macron-Regierung eingebracht wurde, «entmenschlichend» oder eine «sehr gute Sache»? Sie will in Schulformularen die Begriffe «Mutter» und «Vater» durch eine genderneutrale Formulierung ersetzen.

Worum geht’s? Französische Schulen sollen künftig in offiziellen Formularen die Rubriken «Mutter/Vater» entfernen und ersetzen mit «parent 1» und «parent 2», also Elternteil 1 und 2. Damit soll vor allem die Diskriminierung von Regenbogenfamilien abgebaut werden.

Schule des Vertrauens
Die Novelle ist Teil eines grösseren Gesetzesprojekts der Regierung, um eine sogenannte «Schule des Vertrauens» aufzubauen, die u. a. die Schulpflicht für Kinder ab drei Jahren vorsieht, um möglichst früh soziale Werte und Bildung an die Jugend weiterzugeben, bevor sie sich radikalisiert oder gesellschaftlich abgehängt wird.

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Valérie Petit, Parlamentsvertreterin für La République En Marche! (REM), sagte laut «Le Figaro» in Bezug auf die alten Schuldokumente, sie würden mit der Standardbezeichnung «Vater/Mutter» der 2013 eingeführten gleichgeschlechtlichen Ehe nicht Rechnung tragen. Ausserdem würde die Existenz von gleichgeschlechtlichen Elternpaaren dabei einfach ignoriert.

Die französische Parlamentarierin Valérie Petit (Foto: Jean-Luc Hauser)

Sie ergänzt: «Wir haben Eltern, die sich mit der Situation konfrontiert sehen, einen Kasten abhaken zu müssen, der ein altmodisches Sozial- und Familienmodell repräsentiert. Für uns ist die Gesetzesnovelle ein Schritt in Richtung mehr soziale Gleichberechtigung.»

Der Parlamentarier Joaquim Pueyot von den Sozialisten pries die Reform als «eine Frage von Respekt und Würde»: «Man kann sich kaum vorstellen welche Folgen es hat, wenn Kindern sich nicht so behandelt fühlen, wie andere auch», sagte er.

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Beängstigende Ideologie?
Die grösste Elternvereinigung Frankreichs, «FCPE» («La Fédération des Conseils de Parents d’Elèves»), nannte das Vorhaben «eine sehr gute Sache»: «Es entwickelt die jüngsten Gesetzte zum Kampf gegen Belästigung und Schikane weiter, denn oft trifft solche Schikane gerade jene Kinder, deren Situation nicht den gängigen Kriterien entspricht.»

Schwule Väter sind die besten Eltern

Nicht ganz so positiv reagierten Konservative oder Vertreter der extremen Rechten. Der Parlamentarier Xavier Breton sagte: «Wenn ich Leute sagen höre, dass es sich hier um ein altmodisches Modell handele, dann möchte ich sie daran erinnern, dass heutige Beziehungen – eingetragene Partnerschaften und Ehen – zu 95 Prozent Mann-Frau-Verbindungen sind.»

Der Parlamentarier Fabien Di Filippo verurteilte die Novelle als Dokument einer «beängstigenden Ideologie, die im Namen von grenzenloser Gleichheit Orientierungspunkte entfernt, inklusive solchen, die die Familie betreffen.»

Oft trifft Schikane jene Kinder, deren Situation nicht gängigen Kriterien entspricht

In der Gesetzesnovelle heisst es: «Um Diskriminierung bei der Schulanmeldung, bei der Registrierung in Klassen, auf Schriftstücken mit Elternerlaubnis und bei allen offiziellen Formularen rund um Kinder zu vermeiden, soll künftig lediglich Elternteil 1 und 2 angegeben werden.»

Adoptionsrecht seit 2013
Über ein entsprechendes Gesetz wird bereits seit 2013 diskutiert, als Frankreich die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte und gleichgeschlechtlichen Paaren auch das Adoptionsrecht zusprach.

Die Novelle braucht jetzt noch die Zustimmung des Senats, danach geht sie wieder zurück in die Nationalversammlung zu einer abschliessenden Lesung.

Wie zu erwarten, hat das Gesetzesvorhaben eine leidenschaftliche Debatte in sozialen Netzwerken hervorgerufen. Auf Twitter schrieb ein Mann namens Gary Roustan, dass sich bisher auch niemand darüber aufgeregt habe, dass auf Steuererklärungen von Ehepaaren «declarant 1» und «declarant 2» stehe. Warum also jetzt der Protest wegen Schulformularen, die genau dies auf Eltern anwenden?

Andere erregten sich über die Frage, wer eigentlich entscheide, welches Elternteil als «1» und welches als «2» zähle.

Alle gleich, alle Verbündete
Es ist nicht die erste Gesetzesänderung der Macron-Regierung, die das Problem von LGBTIQ-Diskriminierung in Frankreich bekämpfen möchte. Erst letzten Monat hat die Regierung eine Kampagne auf den Weg gebracht, die LGBTIQ-Bullying in Grund- und Oberschulen stoppen soll.

Das Bildungsministerium stellte im Januar 2019 das Programm «Alle gleich, alle Verbündete» («Tous égaux, tous alliés») vor. Es sieht vor, dass in allen staatlichen Schulen des Landes Poster und Infomaterial verteilt wird zu LGBTIQ-Themen.

Frankreich führt Kampagne gegen LGBTIQ-Mobbing an allen Schulen ein

Diesen Schritt begrüsste die Anti-Homophobie-Organisation «SOS Homohobie».

Sie sagt, LGBTIQ-Schikane sei eine tägliche Erfahrung für tausende queere Schulkinder in Frankreich, ebenso für Schulkinder mit LGBTIQ-Eltern. Laut einem Report der Organisation sei im vergangenen Jahr die Zahl der gemeldeten homo- und transphoben Zwischenfälle an Schulen um 38 Prozent gestiegen.

Handlungsbedarf ist also definitiv vorhanden.

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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