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«Wir können nicht faul zuschauen, wie Schwule umgebracht werden»

Markus Kowalski hat den Dokumentarfilm «Queer Lives Matter» gedreht: ein Plädoyer für mehr Engagement von LGBTIQ aus Europa

Szene aus «Queer Lives Matter»: ein Gespräch mit Hijras in Indien (Foto: Markus Kowalski)

Der junge Politikwissenschaftler und Journalist Markus Kowalski hat einen Film gedreht. Titel: «Queer Lives Matter». Am Montagabend erlebt er seine offizielle Premiere beim Independent Film Festival im Berliner Babylon Kino am Rosa-Luxemburg Platz, um 20 Uhr.

Dein Titel bezieht sich recht deutlich auf die Bewegung «Black Lives Matter» – wir sind ja aktuell mitten im «Black History Month». Was haben denn Queers mit Schwarzen gemein bzw. was könnten sie von der BLM-Bewegung lernen?

Beide Gruppen werden diskriminiert. Schwarze erleben täglich Rassismus, queere Menschen sind ständig Homophobie, Transphobie und Interfeindlichkeit ausgesetzt. Durch Black Lives Matter haben sich in kurzer Zeit Aktivisten aus vielen Teilen der USA über Twitter vernetzt, weil sie fassungslos waren über die rassistischen Morde im Land. Gemeinsam konnten sie so weltweit Aufmerksamkeit für diese Missstände erzeugen und politischen Druck ausüben.

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Der Politikwissenschaftler, Journalist und Dokumentafilmer Markus Kowalski (Foto: Andy Zuk)

Davon kann sich die queere Bewegung etwas abgucken. Queere Menschen sind auch von Hass und Gewalt bedroht. In Kapstadt habe ich junge Frauen getroffen, die auf offener Strasse angegriffen werden, weil sie lesbisch sind. LGBTIQ-Aktivisten fangen im Internet-Zeitalter an, sich global zu vernetzen und gemeinsam auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn in der Türkei queere Veranstaltungen verboten werden, weil Erdogan an der Macht ist, dürfen wir das in Deutschland nicht ignorieren. Wie es queeren Menschen anderswo geht, ist eine Frage der Menschenrechte. Das betrifft uns alle.

Nur weil wir hier in Freiheit leben, können wir uns doch nicht faul auf die Couch legen und im Fernsehen zusehen, wie Schwule in anderen Ländern umgebracht werden

Es ist ja niemals möglich überall auf der Welt aktivistisch tätig zu sein, und es ist sicher illusorisch zu glauben, dass irgendwann überall ideale Verhältnisse herrschen werden – für Menschen allgemein und für LGBTIQ im Besonderen. Warum sollten wir hier in Zentraleuropa, nach all den anstrengenden Gefechten der Vergangenheit, die Kampfzone nochmal neu aufmachen und erweitern?

Nur weil wir hier in Freiheit leben, können wir uns doch nicht faul auf die Couch legen und im Fernsehen dabei zusehen, wie Schwule in anderen Ländern umgebracht werden. Und ich finde es anmassend, Gleichberechtigung als Illusion zu bezeichnen. Freiheit für queere Menschen muss es überall geben, nicht nur in Berlin und San Francisco. Menschenrechte müssen überall gelten, auch in Rabat und Kapstadt. Zum Glück gibt es LGBTIQ-Aktivisten, die nicht so zynisch sind und aufgeben, sondern weiter kämpfen.

Wo fängt man da an – und wo hört man auf, ohne die Don Quichotte gegen Windmühlen anzurennen und sich selbst kaputt zu machen?

Deutschland könnte mehr Geld geben. Das könnte vom Staat kommen, aber auch von Organisationen und der LGBTIQ-Community. Zum Beispiel macht Ndumie Funda in Kapstadt beeindruckende Arbeit mit jungen Lesben; aber vieles scheitert dort am Geld.

Du sprichst mit Aktivisten in der Türkei, Indien, Südafrika, Marokko und Griechenland. Warum gerade diese Länder? Gibt’s da überhaupt ein gemeinsames Narrativ?

Ich habe diese Länder exemplarisch ausgewählt, um zu zeigen, dass queere Menschen in jedem Land mit ganz unterschiedlichen Problemen konfrontiert sind. In der Türkei muss die LGBTIQ-Organisation KaosGL darum bangen, vom Erdogan-Regime verboten zu werden. Im benachbarten Griechenland hingegen kommen viele LGBTIQ-Flüchtlinge an, die sich selbst versorgen müssen, weil der Staat ihnen kaum Geld zahlt. In Indien wiederum werden Transgender von der Gesellschaft verachtet und finden beispielsweise keine eigene Wohnung. Shivali Chhetri, die ich im Film treffe muss weiterhin mit ihren Eltern zusammen wohnen. Die Probleme sind in jedem Land anders. Aber alle Aktivisten haben gemein, dass sie für dasselbe Ziel kämpfen. Immer geht es um gleiche Rechte und gesellschaftliche Anerkennung.

Filmaufnahmen zu «Queer Lives Matter» in Südafrika (Foto: Markus Kowalski)

Hast du diese Länder vorher recherchiert und dann ausgewählt oder bist du nach dem Zufallsprinzip vorgegangen?

Ich bin in Länder gereist, wo ich spannende Geschichten erwartet habe. Beispielsweise hatte ich von Indiens drittem Geschlecht, den Hijra, gehört und wollte das besser verstehen. Bei der Recherche bemerkte ich, dass Transgender mit Hijra verwechselt werden und darunter leiden. Ihre Geschichte wollte ich unbedingt erzählen. Ich hatte auch andere Ideen, wollte zum Beispiel nach Indonesien. Aber nach Gesprächen mit anderen Journalisten habe ich gemerkt, das wird zu gefährlich. Deswegen bin ich nach Marokko, das war vergleichsweise sicher.

Indonesien: Moralische Panikwelle gegen «homosexuelle Bedrohung»

Was ist mit Queers in Deutschland, Österreich und der Schweiz: wird deren Situation auch thematisiert? Und wie würdest du diese Situation vergleichen mit der weltweiten LGBTIQ-Lage, die du für die Doku unter die Lupe genommen hast?

Zu Beginn der Doku reise ich zum Christopher Street Day nach Berlin. Dort herrscht Party-Stimmung, die Leute tanzen ausgelassen auf der Strasse. Natürlich gibt es auch in Deutschland Diskriminierung. Aber im Vergleich zu Marokko können queere Menschen in Europa relativ frei leben. Uns geht es hier gut, weil LGBTIQ-Aktivisten jahrzehntelang für Gleichberechtigung gekämpft haben. Diesen Kampf müssen Aktivisten in Ländern wie Marokko noch führen. Von diesem Kampf erzähle ich in dem Film.

Viele behaupten, auf dem Berliner CSD würde man eh nur hedonistische Schwule sehen oder Dragqueens. Was haben die mit Queers zu tun?

Ich fände es seltsam, einzelne Gruppen gegeneinander auszuspielen. Wer hedonistisch sein Schwulsein leben will oder als Dragqueen zum CSD geht, bitte. Wer selbst nicht so auftreten will, bitte. Mir geht es darum, dass alle die gleichen Rechte haben, Menschenrechte für alle.

Anders gefragt: Wie definierst du «queer» und wo unterscheidet sich das, für dich, vom alten schwul-lesbischen Weltbild? Gerade angesichts der aktuellen Queer-Debatten.

Ich verwende «Queer» als Sammelbegriff. Im Film führe ich keine Begriffsdebatten, das überlasse ich Anderen.

Filmemacher Markus Kowalski (r.) bei Interviews zu «Queer Lives Matter» (Foto: Markus Kowalski)

Gibt’s bei uns überhaupt ein Bewusstsein oder Interesse dafür, wie es LGBTIQs anderswo geht? Oder sind wir mit unseren eigenen Community-Kriegen so beschäftigt, dass der Blick über den Tellerrand und vielleicht sogar echte Solidarität fehlt?

Es wäre besser, wenn wir öfter über den Tellerrand schauen würden. Gerade weil es uns in Europa relativ gut geht, müssen wir uns für Menschenrechte in anderen Ländern einsetzen. Wenn im Bundestag Marokko zu einem «sicheren Herkunftsland» eingestuft werden soll, heisst das, dass queere Marokkaner bei uns schwer Asyl bekommen werden. Aber Marokko ist nicht sicher für LGBTIQ, das beschreiben die Aktivisten in meinem Film. Als Europäer, die in Freiheit leben können, haben wir eine Verantwortung für LGBTIQ in anderen Ländern, auch für die in Marokko.

Es wäre besser, wenn wir öfter über den Tellerrand schauen würden

Aber kann ein wegen Homosexualität verfolgter Menschen aus Marokko nicht aktuell sowieso schon Asyl bei uns beantragen – derweil das Land grundsätzlich nicht für alle «unsicher» ist? Wenn sich Menschen in Deutschland und Europa bis in die jüngste Vergangenheit als «Heteros» in Scheinehen verstecken mussten, und das teils immer noch tun, warum ist das Marokkanern nicht zumutbar?

Du kannst ja gern nach Marokko ziehen und in eine Scheinehe mit einer Frau gehen. Ich dagegen habe Verständnis für jeden, der von dort weg will und in Freiheit leben will.

Es gibt auch Viele die sagen, man müsse Menschen in der muslimischen Welt ihren eigenen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zugestehen und man dürfe nicht unsere westlichen Massstäbe als Ideal dort anwenden – das wäre «kultureller Imperialismus».

Freiheit, gleiche Rechte und Achtung der Menschenwürde sind Massstäbe, die «uns» nicht gehören. Du sagst es doch selbst. Bis vor wenigen Jahren mussten sich queere Menschen in Deutschland verstecken und fürchten, von der Polizei verhaftet zu werden. Dass wir hier jetzt frei leben können, ist eine grosse Errungenschaft. Es ist nichts Verwerfliches, das auch für andere Länder zu fordern.

Es kann doch kein «kultureller Imperialismus» sein, Freiheit und gleiche Rechte zu fordern

Es ist schlicht ein Menschenrecht, seine sexuelle und geschlechtliche Identität frei leben zu können. Das steht allen Menschen zu. Es kann doch kein «kultureller Imperialismus» sein, Freiheit und gleiche Rechte zu fordern. Die queere Menschen in Marokko, die ich getroffen habe, wollen das doch auch. Sie benutzen die gleichen Symbole, die Regenbogenflagge und die Transflagge.

Szene aus dem Film «Queer Lives Matter» (Foto: Markus Kowalski)

Du bist 25 und studierst Politikwissenschaft. Wieso wolltest du einen Film machen?

Ganz einfach, weil ich Dokumentarfilme liebe! Mich hat «Projekt A» inspiriert, das ist eine filmische Reise zu anarchistischen Projekten in Europa. Aber auch «Out There» von Stephen Fry, eine Reise zu den Homophoben dieser Welt. Seit Jahren schon wollte ich einen Film machen. Als ich in Athen gelebt habe, hab ich einen jungen schwulen Aktivisten getroffen, der sich leidenschaftlich für queere Menschen einsetzt. Da war mir klar, ich muss einen Film über queere Aktivisten machen. Also habe ich mir eine Kamera gekauft und bin spontan los gereist.

Überall musste ich erst Vertrauen aufbauen, bis die Aktivisten bereit waren, sich mit der Kamera begleiten zu lassen

Ein grosses Abenteuer. Wie waren die Reaktionen auf deine filmische Reise: Haben sich überall von alleine die Türen geöffnet, war es schwer an Menschen ranzukommen?

Gerade in der Türkei und Marokko, wo das politische Klima für LGBTIQ repressiv ist, war die Recherche schwierig. Überall musste ich erst Vertrauen aufbauen, bis die Aktivisten bereit waren, sich mit der Kamera begleiten zu lassen.

Du hast dein Filmprojekt teilweise über Crowdfunding finanziert. Wer hat dich unterstützt?

Ich war dankbar, dass mich über 90 Personen unterstützt haben. Viele haben mir geschrieben, dass sie die Geschichten dieser LGBTIQ-Aktivisten unbedingt auf der Leinwand sehen wollen und deswegen Geld gegeben haben. Manche Unterstützer kannte ich persönlich, die meisten nicht. Insgesamt kamen rund 2.800 Euro zusammen. Das ist für ein Filmprojekt bescheiden, aber ich konnte immerhin einen professionellen Cutter bezahlen. Der Rest kam von Stiftungen und aus meinem privaten Geldbeutel.

«Als Schwarzer wird man eher übersehen»

Du arbeitest neben dem Studium derzeit als Print-Journalist. Wird man dich künftig öfter im Fernsehen und auf der Leinwand sehen?

Ich finde Journalismus im Videoformat unglaublich spannend, also ja, weitere Filmprojekte sind natürlich schon in Arbeit.

Wo kann man nach Montagabend deine Doku sehen?

In den kommenden Wochen wird es Vorführungen mit Podiumsdiskussionen im ganzen Land geben, demnächst in Berlin, Hamburg und Halle. Auf Filmfestivals wird die Doku auch laufen, im April in Lissabon. Ich poste alle Termine auf Facebook und Instagram.

Bist du mit den Leuten aus deinem Film noch in Kontakt?

Ja, aus einigen Begegnungen sind Freundschaften entstanden. Und natürlich halte ich zu den meisten Personen Kontakt. Ich will ja wissen, wie es mit ihrer politischen Arbeit weitergeht.

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