in

Wegen Morddrohungen: LGBTIQ-Aktivist flieht aus Brasilien

Jean Wyllys war einer der ersten offen schwulen Kongressabgeordneten seines Landes

Jean Wyllys
Jean Wyllys (Foto: Facebook)

Der brasilianische Abgeordnete und LGBTIQ-Aktivist Jean Wyllys hat seine Heimat verlassen. Weil er schwul ist, hatte er Morddrohungen erhalten. Er war einer der ersten offen schwulen Kongressabgeordneten in Brasilien.

Der 44-jährige Abgeordnete der «Partei für Sozialismus und Freiheit» (PSOL) erklärte, dass er auch sein Mandat niederlegen wolle. Er könne in Brasilien nur noch mit zwei Leibwächtern aus dem Haus gehen, weil die Todesdrohungen gegen ihn deutlich zugenommen hätten.

Auf Twitter schrieb er:  «Am Leben zu bleiben, ist auch eine Strategie, um für bessere Zeiten zu kämpfen.»

Werbung


Der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo sagte Wyllys, es sei nicht direkt die Wahl Jair Bolsonaros, die ihn zur Flucht veranlasst habe. Aber seither sei die Gewalt gegen Mitglieder der LGBTIQ-Community deutlich angestiegen. Bolsonaro war im Wahlkampf immer wieder mit homophoben, aber auch rassistischen und frauenfeindlichen Äusserungen aufgefallen.

Da die hasserfüllte Rhetorik immer mehr an Zugkraft gewinnt, wird die Notunterkunft immer voller

«Die Liste der Hassverbrechen wird immer länger, wie das auch während des Aufstiegs anderer Autokraten überall auf der Welt zu beobachten war», sagt Mariana Ribeiro, die Leiterin der Bürgerinitiative Nossas. Die Initiative hat sich mit All Out zusammengetan, um Notfallhilfen für junge LGBTIQ in São Paulo zur Verfügung zu stellen. «Da die hasserfüllte Rhetorik immer mehr an Zugkraft gewinnt, wird die Notunterkunft immer voller», sagte Ribeiro Ende November. Die Aufnahme­kapazität stosse bereits an ihre Grenzen.

«Wir hoffen das Beste für Brasilien, befürchten aber das Schlimmste»

Bisher kaum Asylbewerber aus Brasilien
Wenn es so schlimm kommt, wie viele fürchten, wird man die Zahlen derer im Auge behalten müssen, die das Land verlassen und beispielsweise in Europa Asyl beantragen. Bisher sind es nicht viele. In Deutschland gab es 2017 laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 12 Antragsteller*innen aus Brasilien, für zwei wurde ein Abschiebungsverbot festgestellt (Stand: Dezember 2018). Im selben Jahr waren es in der Schweiz dem Bundesamt für Statistik zufolge 16, wovon 12 vorläufig aufgenommen wurden. Statistisch jedoch nicht erfasst werden die Gründe, die Antragsteller*innen in ihrem Gesuch angeben.

Flucht nach Paris wegen Morddrohungen
Zu denen, die ihr Land bereits verlassen haben, gehört der Performancekünstler Wagner Schwartz. Morddrohungen trieben ihn nach Frankreich. Anlass war seine Performance «La Bête», die in Europa erfolgreich war und ihn in Brasilien zum Gejagten machte. Bei dieser Aktion legt er sich nackt auf die Bühne und fordert das Publikum auf, seinen Körper in beliebige Posen zu rücken. Nach einer Aufführung im September 2017 in São Paulo lud jemand ein Video ins Netz, das zeigte, wie eine Frau und ihre Tochter den Künstler an Füssen und Händen berührte.

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Bolsonaro bezeichnete die Aktion auf Twitter als «Pädophilie im Namen der Kultur», alle Beteiligten seien «Dreckschweine». Millionen Follower*innen sahen und teilten es.

Wegen dieser Performance in São Paulo erhielt der Künstler Wagner Schwartz Morddrohungen: Er floh nach Paris. (Bild: Humberto Araújo)

Nachdem Wagner 20 Tage lang wegen Pädophilievorwürfen zunächst das Land nicht verlassen durfte, floh er schliesslich nach Paris. Doch seine Heimat lässt ihn nicht los. Als wir ihn im Dezember kontaktieren, ist er schon wieder dort und arbeitet an einem neuen Projekt.

Die Macher der Ausstellung gehören erschossen!

Künstler*innen und mit ihnen die Kunstfreiheit stehen in Brasilien unter Beschuss. So wurde im Herbst 2017 die Ausstellung «Queermuseu – Kartografien der Differenz in der Kunst Brasiliens» in der Stadt Porto Alegre wegen eines anhaltenden Shitstorms vorzeitig geschlossen. Bei der Schau ging es vor allem um trans Themen und Homosexualität. Jair Bolsonaro erklärte damals im Fernsehen: «Die Macher der Ausstellung gehören erschossen.»

Seine Anhänger*innen meinten, das sei ein schlechter Witz, aber kein konkreter Schiessbefehl. Aber wer kann in einem Land, in dem so viele Morde geschehen, darüber lachen?

Einen ausführlichen Artikel über die Lage in Brasilien und die Ängste der LGBTIQ-Community findest du in der Januar/Februar-Ausgabe der MANNSCHAFT. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

Schwule Juden

«Schwule Juden schrecken häufig vor Coming-out zurück»

LGBTIQ-Schulungen für Österreichs Asyl-Amt geplant