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«Colette» im Kino: «Echte Menschen, die Sex haben und rülpsen und furzen»

Wash Westmoreland hat das Traumprojekt seines verstorbenen Mannes realisiert – ihm widmet er diesen Film

Colette
Colette (Keira Knightley, re.) und ihre Geliebte Missy (Denise Gough) (Bild: dcm)

Die bisexuelle Schriftstellerin Sidonie Gabrielle Colette (1873–1954) zählt zu den bedeutendsten Autorinnen Frankreichs. Ihr Schreibtalent wurde anfangs von ihrem Mann ausgenutzt, doch später emanzipierte sie sich von ihm. Sie war die erste Frau, die in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhielt. Der Film des offen schwulen Regisseurs Wash Westmoreland («Still Alice») kommt jetzt ins Kino.

Mr. Westmoreland, «Colette» ist ein Film, an dem Sie viele Jahre gearbeitet haben, nicht wahr?
Das können Sie laut sagen. Vor über 17 Jahren haben wir angefangen daran zu arbeiten, ich habe also gut ein Drittel meines Lebens damit verbracht, diesen Film Wirklichkeit werden zu lassen. Aber die Welt war vorher scheinbar noch nicht reif für Colette.

Wie nahm denn damals alles seinen Anfang?
Eigentlich damit, dass mein inzwischen verstorbener Ehemann und Film-Partner Richard Glatzer, der stets ein begeisterter Leser war, um 2000 herum anfing, die Bücher von Colette zu verschlingen. Er war begeistert, und als er auch einige Biografien über sie las, meinte er irgendwann, dass man einen Film über sie drehen müsse. Gesagt, getan. Wir verbrachten den Sommer 2001 in Frankreich und konzentrierten uns beim Schreiben auf die Ehe von Colette und Willy. Was wir im Sinn hatten, war eine Art «origin story», über Colettes Geburt als Schriftstellerin sozusagen. Doch als wir nach unserer Rückkehr in Los Angeles Kontakt zu Produzenten aufnahmen, stießen auf Desinteresse.

Warum?
Unsere Geschichte oder eher: Colettes Leben war einfach zu radikal. Dass sie gegen Ende ihrer Ehe eine Beziehung zu einer Frau einging, die ihre eigene Maskulinität auslebte und zu einer Vorreiterin der heutigen Transgender- und Butch-Lesben-Bewegungen wurde, war für Hollywood viel zu sehr Nischenthema. Aber heute sind solche Nischen zum Glück mehr und mehr im Mainstream angekommen. Mittlerweile fordert das Publikum ja ein, auch solche Geschichten erzählt zu bekommen.

Sie nannten den Film gerade eine „origin story“. Warum haben Sie diesen vergleichsweise kleinen Ausschnitt aus Colettes Leben gewählt und nicht noch mehr erzählt?
Colette hat ein Leben gelebt, das locker für zehn Staffeln einer HBO-Serie reichen würde. Alles in einem Film unterzubekommen, war schlicht unmöglich, wir mussten also zwangsläufig vieles weglassen. Und ihre Künstler-Werdung erschient uns einfach wichtig – und der Moment, wo sie erstmals ein Buch unter eigenem Namen veröffentlicht, als guter Schlusspunkt. Aber ohne Frage gäbe es genug Stoff für ein wunderbares Sequel!

Darüber, ob Colettes Bücher nun Kitsch oder große Literatur waren, wurde viel diskutiert. Was ist Ihr Standpunkt?
Ich halte sie ohne Frage für eine große Schriftstellerin. Man kann in ihren Büchern mitverfolgen, wie sie sich weiterentwickelt hat, und die Arbeiten, die sie nach der Trennung von Willy verfasste, gehören für mich zur besten Literatur jener Zeit. Wer auch nur eine Seite von „Chéri“ liest und danach noch behauptet, das sei keine gute Literatur, sollte sich mal untersuchen lassen.

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So modern und subversiv Colettes Lebensstil war, so traditionell kommt «Colette» als Kostümfilm daher…
Moment, da würde ich widersprechen. Natürlich ging es uns bis zu einem gewissen Grad um Schönheit und Opulenz, denn das machte die Zeit damals ja durchaus aus. Aber uns ging es auch um Realismus, deswegen hat diese Schönheit ihre Macken. Der Zahnpastafleck, denn Colette bei ihrem ersten gesellschaftlichen Event in Paris auf ihrem Kleid hat, steht ziemlich sinnbildlich für das, was uns vorschwebte. Die Menschen, die wir zeigen, haben echte Körper, sie machen Fehler und eben auch Flecken. Echte Menschen, die Sex haben und rülpsen und furzen. In den meisten Kostümfilmen wartet man zwei Stunden, bis das Paar sich verlobt. Hier vögeln Colette und Willy schon nach fünf Minuten in der Scheune. Außerdem ist das Ausleben sexueller Lust in «Colette» nichts, wofür die weibliche Protagonistin bestraft wird, wie es sonst so oft der Fall ist. Denn das wäre natürlich ein Verrat an der echten Colette gewesen.

Wie fiel eigentlich Ihre Wahl auf Keira Knightley als Hauptdarstellerin?
Natürlich kann ich nicht behaupten, dass sie die erste Wahl war, denn als wir 2001 das Drehbuch schrieben, war sie natürlich noch ein unbeschriebenes Blatt und viel zu jung. Doch als wir das Projekt nach «Still Alice» wieder aus der Schublade holten, war sie es dann. Richard und ich hatten sie das erste Mal vor vielen Jahren in «Stolz und Vorurteil» wahrgenommen, und waren davon begeistert, mit wie viel intellektueller Schärfe sie schon damals Mr. Darcy auseinandernahm. Da kam uns erstmals der Gedanke, dass sie eine gute Colette sein könnte. Außerdem hat sie neben dem Intellekt auch die Sinnlichkeit, den trockenen Humor und eine gewisse Bodenständigkeit. Und ein unbeugsames Rückgrat. Ich glaube nicht, dass irgendjemand Keira aufhalten kann, genauso wenig wie jemand Colette aufhalten konnte. Dass sie, was längst nicht für alle Schauspielerinnen gilt, auch mit einer emotionalen Durchlässigkeit gesegnet ist, kommt noch dazu. Wenn ich ihr Gesicht betrachte, stelle ich mir vor, dass es so auch gewesen sein muss, Greta Garbo zu filmen.

ColetteIn den Nebenrollen tummeln sich in «Colette» allerlei Schauspieler*innen, die nicht heterosexuell oder nicht cis-gender sind. Nicht nur für einen Kostümfilm ungewöhnlich, oder?
Es wird ja in diesen Tagen viel diskutiert über Diversität, Offenheit und Inklusion, wenn es um die Besetzung von Schauspieler*innen geht. Und ich bin vollen Herzens dafür. Für mich gibt es da eigentlich gar nichts mehr zu diskutieren, denn es ist essentiell, dass Kunst die Welt reflektiert, in der wir leben. Gerade Kostümfilme waren bisher eine Bastion der weißen Oberschicht, was aber nicht zwingend die Gesellschaften repräsentierte, aus denen heraus diese Geschichten geboren wurden. Deswegen war die Casting-Philosophie bei «Colette» nun: natürlich sollen die Schauspieler*innen spielen, aber lasst uns alle miteinschließen. Also spielen nun Trans-Männer Cis-Männer, Trans-Frauen verkörpern Cis-Frauen, eine offen lesbische Schauspielerin spielt heterosexuell und dunkelhäutige oder asiatisch-stämmige Darsteller*innen sind in Rollen zu sehen, die historisch gesehen sicherlich weiß waren. Ich habe diese Vielseitigkeit bewusst gesucht und finde auch, dass das funktioniert. Auch vom Publikum habe ich keine großen Beschwerden gehört, dass die Besetzung nicht funktioniere, schließlich haben wir talentierte Leute besetzt. Colette war eine Regelbrecherin, deswegen fand ich unseren Ansatz hier noch passender und wichtiger als sonst.

Mussten Sie diese Entscheidungen gegen Widerstände durchboxen?
Zum Glück nicht, denn wir hatten tolle Produzent*innen. Christine Vachon ist schon eine Vorreiterin in den Neunziger Jahren, und auch unsere britischen Partner Elizabeth Karlsen und Stephen Woolley haben sich schon früh, etwa bei «The Crying Game», über Konventionen hinweggesetzt. Deswegen herrschte zum Glück Einigkeit darüber, dass die Zeit reif war für unsere Art der Besetzung.

Colette
Wash Westmoreland & sein verstorbener Ehemann Richard (Foto: Twitter)

Eingangs haben Sie Ihren verstorbenen Mann erwähnt, der überhaupt erst die Initialzündung zu«Colette» gegeben hatte. Wie viel von ihm steckt noch im Film?
Oh, jede Menge. Seinen Witz und seine Klugheit stecken letztlich in jeder Minute des Films, schon allein weil fast 90 % des Drehbuchs noch seiner ursprünglichen Fassung entsprechen. Er kämpfte die letzten vier Jahre seines Lebens gegen seine ALS-Erkrankung. Als wir gemeinsam «Still Alice» inszenierten, konnte er schon nur noch über sein iPad kommunizieren und war trotzdem jeden Tag am Set. Die Oscar-Verleihung, bei der Julianne Moore für unseren Film den Oscar gewann, verbrachten wir auf der Intensivstation. Ein paar Freunde waren dabei und hatten Champagner ins Krankenhaus geschummelt. Als Julys Name vorgelesen wurde, haben wir so laut gejubelt, dass das Pflegepersonal angestürmt kam, weil sie dachten es sei etwas passiert. Wir wussten, dass Richards Kampf nicht mehr zu gewinnen war, aber ich fragte ihn trotzdem, was er als nächstes machen wolle. «Colette» war seine Antwort, die er da nur noch mit dem Fuß tippen konnte. Diese Geschichte war sein absolutes Traumprojekt, deswegen habe ich den Film auch für ihn gedreht.

Eine letzte, ganz andere Frage noch, weil wir einfach zu neugierig sind: Wurde es für Sie in der Filmbranche je zum Problem, dass Sie Ihre Karriere mit dem Inszenieren von Schwulenpornos wie «Dr. Jerkoff and Mr. Hyde» begannen?
Interessanterweise eigentlich nicht. Genauso wenig wie es Diablo Cody je geschadet hat, dass sie früher Stripperin war. Dass jemand wie ich heute einen Oscar-prämierten Film mit Julianne Moore oder ein Biopic über Colette drehen kann, ist für die meisten in Hollywood scheinbar eher eine neue und moderne Variante des klassischen amerikanischen Traums. Jeder kann dort alles erreichen, auch ein schwuler Sexfilmer aus England. Schließlich habe ich immer meine Steuern bezahlt!

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