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Schwule und Lesben gehören jetzt zur Schlagerfamilie. Oder?

Rex Gildo und Tony Holiday mussten noch heimlich schwul sein und gingen daran zugrunde. Heute dürfen schwule Schlagerstars zur besten Sendezeit in der ARD ihrem Liebsten Heiratsanträge machen

schwule Schlagerstars
Schwule Schlagerstars von Rex Gildo (Foto: Wikipedia, CC BY-SA 3.0 nl) über Patrick Lindner (Foto: Olaf Kosinsky) bis hin zu Eloy de Jong (Foto: Facebook/Promo)

Schwule und Schlager, eine jahrzehnte­lange Annäherung ist durch. Von gegenseitiger Verachtung über Belustigung bis zum Heiratsantrag bei Silbereisen. Ein guter Grund, alle mal zu umarmen.

Breit grinsend sitzt Herbert K. vor der Glotze. «Schlagerboom – Alles funkelt, alles glitzert». Die Sendungen mit Silbereisen sind für den berenteten Staplerfahrer seit vielen Jahren ein Garant für Harmonie. Heile Welt, wenigstens in diesen Stunden samstagabends, wenn die Welt sonst schon soviel Unheil bringt.

Und dann das: Christoff De Bolle von Herberts Lieblingsband Klubbb3 geht nach der Performance auf die Knie – vor einem hübschen jungen Mann. Alles funkelt, alles glitzert.

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Gänsehaut, auch bei Herbert in diesem Moment. Das Publikum steht, Freude überall, begeisterter Applaus. Kein Buh, nirgends. Und als Herbert schliesslich kapiert, was ihn da so rührt, schüttelt er den Kopf, schaut weg und kippt schnell einen Schnaps.

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Nein, eine so öffentliche Verlobung zwischen zwei Männern wie die am 20. Oktober zur besten Sendezeit in der ARD hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Und ein so beiläufiges, und deshalb zeit­ge­mäss-­cooles Coming-­out auch nicht. Für manch älteren Schlagerfan wie Herbert, der aus dem Sechzigerjahre Beatclub über die Siebziger- und Achtzigerjahre-Hitparade irgendwie bei Silbereisens Festen gelandet ist, ist das schockierend, keine Frage.

Rex Gildo sprang aus dem Fenster
Wahr aber ist: Die saubere Welt des schönen Scheins, nach der die Nachkriegs­generation sich so sehnte, und die sich deshalb so blendend verkaufte, hat einige Seelen auf dem Gewissen. Rex Gildo, der laut Plattenvertrag sein Schwulsein verschweigen musste und mit dem Schlagerkollege Christian Anders ein «verbotenes Abenteuer» gehabt haben will, wie dessen Biografie zu entnehmen ist, sprang irgendwann aus dem Fenster.

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Und auch Tony Holiday («Tanze Samba mit mir») musste sein schwules Leben heimlich leben, bevor er 1990 an den Folgen von AIDS starb. Von der Generation Herbert wurden solche Tode nur auf dieselbe Art kommentiert, wie diese Künstler lebenslang öffentlich ihren wahren Gefühle leben mussten. Schweigend.

Ross Anthony, RTL-Dschungelkönig, zieht mit seinem Partner Paul Reeves zwei Kinder gross. (Foto: Andre Weimar)

Demgegenüber schmierte die Verklemmtheit der Schlager-Urzeit geradezu irre klebrige Heteromännerfantasien in die Gum­mi­baum-­Wohnzimmer. «17 Jahr, blondes Haar», sehnsüchtig vorgetragen von Udo Jürgens. Oder: «Da hielt ich ihre Jugend in den Händen», geschmettert vom ebenfalls sehr erwachsenen Roland Kaiser. Heute würden solche Texte spätestens von den Medien zerrissen werden. Doch auch in den Achtzigern hielt dieser Trend nicht mehr lange. Abgelöst wurde er von der Neuen Deutschen Welle, sowie von ganz grossen Gefühlen. Bei «Niemals geht man so ganz» weinte mit Trude Herr die Nation.

Hinter den Kulissen nie Repressalien oder Anfeindungen
Bis schliesslich Schlagerpartys, Retroclubs und später der Hamburger Schlagermove endgültig den Staub vom Vinyl fegten. Die Plattenfirmen wurden einsichtig. Tobias Reitz, schwuler Schlagertexter gegenüber MANNSCHAFT: «Ich habe hinter den Kulissen nie Repressalien, Anfeindungen oder auch nur Skepsis erlebt. Nicht mal ansatzweise. Im Grunde ist der Schlager jetzt das Backstage vom Leben und leben lassen.»

Rex Gildo litt sein Leben darunter, sein Schwulsein verstecken zu müssen; schliesslich hielt er es nicht mehr aus und sprang mit 63 in den Tod. (Foto: Wikipedia, CC BY-SA 3.0 nl)

Schwule und Lesben gehören jetzt zur Schlagerfamilie
Der 39-jährige Düsseldorfer wird es wissen, er schreibt und schrieb unter anderem für Helen Fischer, Klubbb3, Andrea Jürgens, Patrick Lindner. Lindner war einer der ersten, der sein privates Glück nicht länger dem öffentlichen Schein opfern wollte. Routiniert anrührend verkündete er 1999 sein Coming-out durch eine Adoption. Er blieb sich treu, seine Lieder aber wirkten fortan irgendwie deplaziert. Wahrheit ist stärker als Inszenierung.

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Patrick Lindner («Leb Dein Leben») verkündete sein Coming-out vor 20 Jahren (Bild: Olaf Kosinsky)

Wir hätten mit Christoff gerne darüber gesprochen, wie sein Coming-out im Schlagerzirkus angekommen ist: Aber unsere wiederholte Anfrage bei der Plattenfirma wurde nicht beantwortet. Auch der frühere «Caught in the Act»-Schnuckel Eloy, der nach einem sensiblen Song über den Tod seines Ex-Freundes Stephen Gately von Boyzone «nicht eine negative Reaktion» bekommen habe, wie seine Plattenfirma behauptet, liess ausrichten, dass er «zu dem Thema nichts sagen» möchte. Ist wohl doch nicht alles so easy.

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Eloy de Jong durfte in der Zeit bei Caught in the Act nicht schwul sein. (Foto: Promo)

Der vollständige Artikel ist in der deutschen Dezember-Ausgabe der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).

Frank Jaspermöller

Geschrieben von

Frank Jaspermöller war mit 14 Jahren Tellerwäscher, mit 24 Schauspieler, mit 34 Redakteur beim Stadtmagzin Prinz, mit 44 Betreiber eines Fitnessclubs sowie zwischendurch mal eben Eventmanager der Berliner Cocker-Party, Chefredakteur des Männer Magazins und immer wieder Autor für verschiedene Publikationen, u.a. der Tageszeitung Die Welt. Er lebt inzwischen überwiegend auf der griechischen Insel Korfu, wo er sich 2010 ein fast 100 Jahre altes Natursteinhaus samt Olivenhain gegönnt hat. Dort baut, renoviert und erntet er selbst.

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