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«Über Probleme im Bett spricht Mann nicht»

Analverkehr, Schwanzgrösse, Dauerbeziehung – Warum es sich lohnt, die männliche Sexualität zu erforschen

männliche Sexualität
Bild: iStockphoto

Mit viel Humor und noch mehr Charme schafft es die Psycho­login, Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning, selbst den genierlichsten Gemütern klarzu­machen, warum es sich lohnt, die männliche Sexualität zu erforschen.

Nachdem bereits ihre Aufklärungsbücher «Make Love» und «Make More Love» sowie die dazugehörige, mehrteilige TV-Dokumentation für etliche «Ahs» und «Ohs» in den Betten gesorgt haben, beschäftigt sich Henning in ihrem neusten Werk «Männer: Körper. Sex. Gesundheit.» ausgiebig mit dem vermeintlich starken Geschlecht. Und zwar von der «Verkopftheit» des Verstandes bis zum letzten Nervenende unseres Anus.

Ann-Marlene, wie gut kennt Mann sich in der Regel mit seinem Körper und der männlichen Sexualität aus?
Da fragst du genau die Falsche oder eben doch die Richtige. Denn ich treffe in meiner Praxis natürlich die Leute, die Probleme haben, und die, wie ich feststellen muss, oft Dinge nicht wissen. Sie benutzen ihren Körper häufig automatisiert und bekommen Schwierigkeiten, wenn plötzlich irgendetwas nicht mehr funktioniert. Immerhin hat ja vorher stets alles geklappt. Die Erektion, der Sex, das Kommen. Wenn sich das ändert, dann wollen sich viele Männer möglichst wenig damit beschäftigen. Ganz nach dem Motto: Ich gehe nirgendwo hin, um etwas zu lernen, sondern ich lebe einfach damit. Schade. Mehr Wissen kann nämlich dabei helfen, sich den Spass am Sex zu bewahren. Die Tendenz der Aufklärung ist dahingehend jedoch meist null. Auch, was Prostata-OPs, Sex mit Herzkrankheiten oder das zu frühe Ejakulieren betrifft. Viel zu oft geht es nur um den reinen reproduktiven Aspekt in der Aufklärung. Also darum, Kinder zu machen.

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Mit welchen Sorgen kommen Schwule in deine Praxis?
Die rein klinischen Aspekte betreffen die Homosexuellen auch: Erektionsstörungen und die vorzeitige Ejakulation sind Klassiker. Ausserdem, obwohl ich lange Zeit dachte, das spiele kaum eine Rolle, steht das Thema, keine Lust zu haben, immer mehr im Fokus. Für viele Mann-Mann-Paare scheint es zudem ein Problem dazustellen, wenn einer von beiden keinen Analsex mag. Und es wird häufig über Untreue geklagt. Dass nicht zusammenpasst, dass einer sich alle Möglichkeiten offenhalten und viele Partner haben will, der andere damit aber nicht zurechtkommt.

Mir wurde auch immer eingetrichtert, dass Männer nur das eine wollen. Stimmt nicht!

Zu welchen Erkenntnissen bist du während der Arbeit an «Männer» gelangt?
Das mag etwas arrogant klingen, aber vor allem, dass der Mann ein Mensch ist. Einer, der Gefühle hat. Natürlich wusste ich das schon vorher, nur muss ich das noch einmal betonen, weil viele Männer selbst gar nicht daran glauben. Die Sozialisierung von Jungs, in der ihnen klargemacht wird, dass, selbst wenn sie etwas im Gesicht des Gegenübers lesen können, sie dies bloss nicht aussprechen und dass sie ihre eigenen Emotionen am besten verleugnen sollen, das ist schrecklich. Die Last der Geschlechterrolle. Alles können zu müssen. Indianer weinen nicht. Wie falsch das ist, ist meine wichtigste Erkenntnis. Es gibt etliche gefühlvolle Männer. Männer, die auch reden möchten. Die den Raum zum Austausch nutzen, wenn man ihnen diesen gewährt.

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Etwas, das man gern in die Welt heraustragen darf.
Absolut! Mir wurde auch immer eingetrichtert, dass Männer nur das eine wollen. Stimmt nicht! Viele von ihnen wollen oft gar nicht. Wobei ich natürlich auch in einer sexualtherapeutischen Praxis sitze und besonders diese Kerle vor mir sitzen habe.

Du widmest ein ganzes Kapitel dem Thema Penisgrösse. Warum sind wir so fixiert auf den Schwanzvergleich?
Wer so ein Ding vor sich hängen hat, der beschäftigt sich eben gern damit. Bedenkt man, wie gross der Penis vom Vater wirkt, wenn man ihn als kleiner Junge zum ersten Mal sieht, und wenn man sich klarmacht, wie in den Medien dauerangepriesen wird, dass es toll ist, einen grossen Schwanz zu haben, dann erklärt sich die Antwort von selbst. Letzteres war übrigens schon bei den alten Griechen und Römern so. Die Antike ist voll von Phallussymbolen. An Streitwagen, an Wegweisern zu Bordellen oder in der Kunst. Das Gemächt ist ein wichtiges Potenzsymbol. Wobei das überhaupt nicht im Zusammenhang steht. Grösse allein heisst nichts. Es kann gut sein, dass jemand mit einem grossen Penis im Bett gar nicht lange durchhält und sogar zeugungsunfähig ist. Aber eine dicke Wölbung in der Hose, à la Tom of Finland, hinterlässt eben Eindruck. Und darauf stehen wir. Auf das Versprechen dahinter.

Penisgrösse spielt eine kleinere Rolle als vermutet: Ann-­Marlene Henning. (Bild: Juliane Werner)

Das Versprechen auf potenten Sex?
Ja. Man könnte meinen, sofern es sich um einen grossen Penis handelt, spürt man auch mehr. Rein physiologisch und ganz ohne den Einsatz des Beckenbodens ist das schon so, aber, wenn ich in meine Vergangenheit schaue, dann denke ich oft an einen Penis zurück, bei dem ich dachte, dass er relativ kein ist. Am Ende war es der geilste Sex, den ich je hatte. Dieser Typ wusste einfach, wie er mit seinem Stab umgeht. Das ist zwanzig Jahre her und noch immer unvergessen. Wenn ein Mann nicht nur stupide reinstösst, sondern seinen Schwanz nach rechts, links, oben und unten bewegt, dann spürt jede Analöffnung etwas.

Auch bei schwulen Männern gibt es eine grosse Gruppe, die Analsex ablehnt – als passiver Part oder generell. Warum lohnt es sich dennoch, sich auf dieses Abenteuer einzulassen?
Die anale Stimulation lohnt sich für jeden. Warum? Weil der Anus ein unheimlich sensibler, erotischer Bereich ist. Und gerade beim Mann ist dadurch auch die Stimulation der Prostata möglich. In der Praxis haben mir vor allem Heterosexuelle davon berichtet, dass sie bei der Krebsvorsorge, wenn der Arzt einen Finger in den Anus einführt, dies als einen völlig neuen Lustgewinn wahrgenommen haben. Wenn ein Paar sich traut, damit zu spielen, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, kann das eine absolute Bereicherung sein. Dass viele Leute an Dreck und Ekel denken, ist hingegen eine völlig übertriebene Vorstellung.

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Während Mädchen in der Entwicklung ihrer Sexualität gerne unterschiedlichste Ufer erforschen, scheint das bei Jungs noch immer ein Tabu zu sein.
Ich glaube, der Grund sind homophobische Tendenzen in der Gesellschaft. Der weisse, heterosexuelle Mann regiert die Welt. Alles Andere stellt eine Bedrohung dar. Bei Frauen ist gleichgeschlechtlicher Sex kein Problem. Da kann man sogar Fantasien mit bedienen und das Ganze in Pornos einbauen. Ich habe mir über die Jahre viele Gedanken diesbezüglich gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass etwas in sich aufzunehmen zwar kein passiver Akt ist, weil man selbst daran teilhaben und diesen beeinflussen kann, aber es eben dennoch oft so wahrgenommen wird. Wenn Männer passiv sind, dann macht das vielen Angst. Ein Mann macht etwas, das er von der Natur aus nicht machen sollte. Er lässt sich penetrieren, obwohl er doch das Organ hat, das zum Penetrieren da ist.

Testosteron ist ein Lusthormon und das hat man bei Schwulen in der Doppelpackung.

Wie bewahrt man sich die Lust auf Sex im Alter?
Was den Sex vor allem killt, ist die Beziehungslänge. Es kommt also gar nicht unbedingt auf das Alter an. Natürlich haben wir aber vor allem mit fortgeschrittenem Lebensalter auch länger andauernde Partnerschaften. Frisch verliebte, ältere Paare haben in der Regel viel Sex. Beziehungslänge ist also eine Gefahr und man muss sich dieser stellen. Tacheles reden, mehr ausprobieren und sich vor allem mit dem eigenen Körper befassen. Alternativen suchen. Denn es geht eigentlich immer noch mehr, als man denkt.

männliche Sexualität

Ann-Marlene Henning, Jesper Bay-Hansen
Männer: Körper. Sex. Gesundheit.

Sachbuch, Rowohlt Taschenbuch, 304 Seiten.

Das vollständige Interview steht in der November-Ausgabe der MANNSCHAFT. Hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).

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