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«Freddie Mercury hat sich nie in eine Schublade stecken lassen»

Rami Malek verkörpert im Film «Bohemian Rhapsody» den legendären Queen-Sänger

Rami Malek verkörpert im Film «Bohemian Rhapsody» die einzigartige Legende Freddie Mercury. Mit der MANNSCHAFT sprach der Schauspieler über diese grosse Herausforderung und den geheimnisvollen Mythos, der den ikonischen Superstar bis heute umgibt.

Nach einer acht Jahre langen Produktion ist er nun im Kino, der biografische Film über die Rockband Queen und deren Frontmann Freddie Mercury. In Malaysia aber läuft der Film in einer zensierten Fassung. Wie die Malay Mail berichtet, fehlen dort ganze 24 Minuten: Man hat die Szene entfernt, in der sich Freddy vor seiner Partnerin Mary Austin als bisexuell outet. Auch das nachgestellte Making-of des «I Want to Break Free»-Videos fehlt, in dem die Bandmitglieder Drag tragen.

Familienfreundliches Porträt
Dabei ist der Film schon zahmer als ursprünglich geplant. Meinungsverschiedenheiten über Inhalt und Richtung des Films sorgten zu Beginn des Projekts zwischen dem zunächst geplanten  Hauptdarsteller Sacha Baron Cohen und den überlebenden Bandmitgliedern von Queen, die über ein Mitspracherecht verfügten, für Reibereien. Cohen wollte das ausschweifende Leben Freddie Mercurys mit all seinen Höhen und Tiefen zeigen. Der Band schwebte hingegen ein familienfreundliches Porträt vor. Nach Cohens Abgang Ende 2013 wurde der Schauspieler Ben Whishaw («Skyfall») als mögliche Besetzung für die Rolle von Freddie Mercury gehandelt, bis schliesslich Rami Malek Ende 2016 bestätigt wurde.

Aufgewachsen in Indien und Sansibar
Malek recherchierte nicht nur den grossen Ausnahmekünstler auf und abseits der Bühne, sondern auch seine Kindheit. Freddie Mercury, der mit bürgerlichem Namen Farrokh Bulsara hiess, stammte aus einfachen Verhältnissen. Als Sohn einer von den Parsen abstammenden Familie wuchs Freddie – wie er in der Schule gern genannt wurde – mehrheitlich in Indien und im Sultanat Sansibar auf, ein Teil des heutigen Tansania. Als Freddie 17 Jahre alt war, flüchtete er mit seiner Familie am Vorabend der Sansibarrevolution nach England, wo er Kunst und Grafikdesign studierte und schliesslich den Gitarristen Brian May und den Schlagzeuger Roger Taylor kennen lernte und mit ihnen die Band Queen gründete. Es war zu dieser Zeit, dass Freddie seinen Nachnamen zu Mercury änderte.

Der schwule Unterton im Bandamen war gewollt
Er litt an einem vergrössertem Überbiss, den er in späteren Jahren mit einem Schnauz zu kaschieren versuchte. Als Einwanderer in England musste er sich daran gewöhnen, dass die wenigsten so aussahen wie er – ein Gefühl, das Malek als Sohn ägyptischer Einwanderer in den USA nur zu gut kennt. «Freddies Leben ist die sehr komplexe und facettenreiche Geschichte einer Suche nach Identität. Nicht nur, was das Leben in einem fremden Land angeht, sondern später natürlich auch in sexueller Hinsicht», sagt er.

Freddie war Namensgeber der Band Queen und gestaltete sowohl den Schriftzug als auch das Logo. «Der schwule Unterton im Namen war mir durchaus bekannt, ist aber nur eine Facette davon», soll er später einmal in einem Interview gesagt haben.

Über seine Sexualität verlor er gegenüber der Presse aber nie ein Wort. Der Film «Bohemian Rhapsody» zeigt seine Beziehung zu seiner langjährigen Freundin Mary Austin, aber auch, wie er später seinen Lebensgefährten Jim Hutton kennen lernt. Freddie selbst nennt sich an einer Stelle bisexuell, Mary sagt, er sei schwul. «Freddie liess sich in keinem Interview je dazu verleiten, irgendetwas zu sagen, was er nicht sagen wollte», sagt Malek. «Darin war er ein Meister. Er hat sich nie in irgendeine Schublade stecken oder sich ein Label verpassen lassen, sondern einfach immer nur versucht, sich selbst zu sein.»

In «Bohemian Rhapsody» kommen auch die extravaganten Bühnenshows von Queen zur Geltung. (© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.)

«Freddie versteckte sich nie»
Nicht wenige Stimmen monieren, dass ein öffentliches Coming-out zu Lebzeiten Freddie Mercurys viel bedeutet hätte und einen grossen Beitrag zur Akzeptanz von homo- und bisexuellen Lebensweisen hätte leisten können. Auch im Kampf gegen die Stigmatisierung von Menschen, die an AIDS erkrankt waren, hätte er viel bewirken können, zumal er selbst 1991 im Alter von 45 Jahren an den Folgen der Immunschwäche starb. «Nach allen Einblicken, die ich in seine Persönlichkeit gewinnen konnte, war der Grund dafür, dass er all das nicht wollte, weniger die Angst um seine Karriere», sagt Malek. Er habe sich einfach nicht auf irgendetwas festlegen wollen. «Ihm ging es um grösstmögliche Freiheit. Heute zeige ich diese Seite von mir, morgen jene, aber immer bin ich mir selbst treu. Akzeptiert das oder lasst es bleiben, aber ich verbiege mich nicht. Das war sein Motto.»

In München bewegte er sich sehr frei in der Schwulenszene
Obwohl Freddie nie offen über sein Innenleben sprach, so versteckte oder verleugnete er sich auch nicht. In seinen Jahren in München bewegte er sich sehr frei in der Schwulenszene. Malek ist überzeugt, dass sich Freddie auch heute noch genauso verhalten würde, wenn er noch am Leben wäre: «Kompromisse eingehen, sich verstecken und verbiegen, das war einfach nicht Teil seiner DNA, ganz gleich ob im 16. Jahrhundert, in den Achtzigerjahren oder in der Zukunft.»

«Bohemian Rhapsody» zeigt auch Freddies Beziehung zu seinem langjährigen Manager Paul Prenter, der sein engster Vertrauter war, bevor es zum Zerwürfnis kam. Der Superstar hatte eine solch elektrisierende Präsenz, dass wohl jede Person, die näher mit ihm zu tun hatte, sich auf die eine oder andere Weise in ihn verknallte, so Malek.

«Bohemian Rhapsody»

Entblösste Brusthaare, ein wirbelnder Mikrofonständer und die Faust gegen den Himmel gerichtet. Spätestens wenn Freddie Mercurys vier Oktaven umfassende Stimme durch das Stadion dröhnte, war man sich bewusst, dass auf der Bühne eine Legende stand. Einen unverwechselbaren Superstar zu verkörpern, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, vor denen ein Schauspieler stehen kann. An Mut und Risikobereitschaft mangelt es Rami Malek also auf jeden Fall nicht. Und auch nicht an Talent, wie der 37-jährige schon in Filmen wie «The Master» oder zuletzt «Papillon» mit Charlie Hunnam bewies. Für seine Hauptrolle in der Serie «Mr. Robot», die nächstes Jahr in die vierte und letzte Staffel geht, wurde er sogar mit dem Emmy ausgezeichnet. «Bohemian Rhapsody» verfolgt den Aufstieg von Queen, Mercurys Solokarriere und das Revival der Band für das legendäre «LiveAid»-Konzert 1985. Ebenfalls thematisiert wird Mercurys Erkrankung an HIV/AIDS.

Die Schauspieler weisen frappierende Ähnlichkeiten mit ihren Filmrollen auf: Rami Malek links als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Gitarrist Brian May (© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.)

«Bohemian Rhapsody» läuft ab 31. Oktober im Kino.

Der vollständige Artikel ist in der November-Ausgabe der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).

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