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Neue HIV-Kampagne: gemeinsam gegen die Angst

Die Aids-Hilfe Schweiz lanciert eine neue Kampagne zum Welt-Aids-Tag

Die Aids-Hilfe Schweiz lanciert zum 1. Dezember 2018, dem Welt-Aids-Tag, eine neue Kampagne mit der Botschaft: HIV-positive Menschen mit unterdrückter Virenlast geben das Virus nicht mehr weiter. Medien und rechte Politiker*innen scheinen damit überfordert.

Stand in den letzten 30 Jahren der Schutz vor HIV im Vordergrund, thematisiert die Aids-Hilfe nun die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen. «Das ist keine Stopp-Aids-Kampagne, sondern eine Kampagne für die HIV-Positiven.», sagt Andreas Lehner, der neue Geschäftsleiter. Es gehe darum, der Allgemeinbevölkerung klar zu machen, dass eine HIV-positive Person unter einer funktionierenden Therapie das Virus nicht mehr weitergeben könne.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweizer Aids-Hilfe das Thema in die Öffentlichkeit bringen will. Mit «Fuck Positive» startete sie im Jahr 2013 bereits einen ersten Versuch, das Thema von Sex mit HIV-positiven Menschen in die Bevökerung zu tragen. Die Kampagne wurde kontrovers diskutiert, dann aber nicht weitergeführt. In den Folgejahren ersetze die Aids-Hilfe «Fuck Positive» mit der weniger provokanten Kampagne #undedectable, unter dem Motto, dass HIV-positive Menschen unter erfolgreicher Therapie mit einer nicht-nachweisbaren Virenlast, das Virus sexuell nicht weitergeben können. «Der Motor der Verbreitung von HIV sind diejenigen, die meinen sie seien HIV-negativ, in Wirklichkeit aber HIV-positiv sind.», wie sie schreibt.

Zum Welt-Aids-Tag startet die Organisation nun eine weitere Kampagne. Mit Emojis wirbt sie gegen die Angst und Vorurteile gegenüber HIV-positiven Menschen.

Und wie bereits bei «Fuck Positive» unterläuft den Schweizer Medien der Fehler der (bewussten?) Falschinterpretation der Botschaft. Die Medien zweifeln nun die Sinnhaftigkeit der Kampagne mit Suggestivfragen an und die entsprechenden Autoren*innen scheinen sich von ihrer eigenen Einstellung zu HIV nicht lösen zu können. So fragen mehrere Schweizer Tageszeitungen prominent: «Kommt die neue Kampagne richtig an?» und Kommentatoren*innen sehen schon wieder einen Anstieg von HIV. «Wie leichtsinnig der Fall AIDS verharmlost wird. Ich bin sicher, dass mit dieser Schneemannli-Kampagne die Zahl der HIV Positiven wieder ansteigen wird.» so eine verängstigte Kommantar-Schreiberin unter dem Beitrag des Schweizer Fernsehens und Radio.

Carla Schuler, Leiterin Sozialdienst der Aids-Hilfe beider Basel, erklärt in den Medien: Es sei wissenschaftlich längst belegt, dass eine HIV-infizierte Person bei entsprechender erfolgreicher Therapie nicht infektiös sei. «Gleichwohl werden HIV-Positive heute noch immer stigmatisiert und diskriminiert.» Ziel der Kampagne sei es, HIV-positive Menschen zu entstigmatisieren. Denn noch immer würden Menschen mit dem HI-Virus diskriminiert und ausgegrenzt, dies obwohl die Medizin in den letzten Jahren massive Fortschritte gemacht habe. Fortschritte, von denen die allgemeine Bevölkerung ganz offenkundig immer noch zuwenig weiss.

Jahrelang wurde der Bevölkerung der Slogan eingehämmert «Im Minimum än Gummi drum», also bei Geschlechtsverkehr ein Kondom zu benutzen. Nun machen vermehrt Kampagnen darauf aufmerksam, dass in der Welt der Prävention eben mehrere Schutzmöglichkeiten bestehen und sich auch die HIV-Welt dank modernen Medikamenten verändert hat. Schutz durch Therapie, PrEP oder Kondome: das Kondom als Alleinstellungsmerkmal zur Prävention hat ausgedient. Weder propagiert die Aids-Hilfe Schweiz die Abschaffung des Kondoms, noch forciert sie Menschen, ihre bisherige Präventionsstratgien zu ändern. Lehner dazu: «Wer am Samstag in Disco geht und vielleicht einen One-Night-Stand hat, soll ein Kondom mitnehmen. Das ist wirklich der einfachste Schutz.» Auch Schuler sieht das so: «Unsere Prävention sagt noch immer: Schützen mit Kondomen ist nötig.» Kondome brauche es grundsätzlich, wenn man es mit Sexualpartnern zu tun habe, «die man nicht oder flüchtig kennt».

Streichung der Bundesgelder?

Doch die Aids-Hilfe Schweiz macht das einzig Richtige: die Menschen aufklären und ihnen damit weitere Möglichkeiten offeriert, wie sie ihr Sexleben ohne Angst und Vorurteile leben könnten. Das sehen gewisse Politiker*innen erfahrungsgemäss indes anders. Sebastian Frehner von der rechtskonservativen SVP denkt bereits an Budgetkürzungen: «Da ist offenbar zu viel Geld vorhanden. Wir müssen über eine Kürzung der Bundesbeiträge diskutieren.» Und SVP-Nationalrätin Verena Herzog, unrühmlich bekannt als Kämpferin an vorderster Front gegen Homosexuelle, deren Heirat oder Kinder, findet, die neue Kampagne «banalisiere diese Krankheit und mache die bisherige klassische Anti-Aids-Kampagne kaputt.». Lobende Worte kommen von der linken SP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Yvonne Frei: «Es ist wichtig, dass die Stigmatisierung von HIV-Betroffenen angegangen wird». Die SP-Nationalrätin sieht die neue Aktion als gelungene Ergänzung zur klassischen Aids-Präventionskampagne Love Life, die parallel weiterläuft.

Muss sich die Aids-Hilfe Schweiz nun trotzdem vor Strafaktionen der Parlamentarier fürchten, die über die rund 1,5 Millionen Franken Bundesgelder für HIV-Prävention mitentscheiden dürfen? Gesundheitsminister Alain Berset würde solche Pläne kaum goutieren. Seine Fach­leute im Bundesamt für Gesundheit signalisieren gemäss Medien jedenfalls Unterstützung für die Kam­pagne.

Und die Aids-Hilfe Schweiz weiss: Erst wenn darüber diskutiert wird, wird die Kampagne auch wahrgenommen. Kleine Emojis und deren Botschaft, HIV-positive Menschen nicht mehr zu stigmatisieren – oder die Aufforderung, sich zumindest zeitgemäss zu informieren – löst in der Schweiz immer noch ein kritisches Medienecho aus. Die Kampagne ist bitter nötig.

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