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Jung und schwul auf den Philippinen

Kolonialismus, Katholizismus und Kliniken: Leben in der Geisterstadt, Teil 1

Ein Bericht über das Leben als schwuler Mann in Manila, der Hauptstadt der Philippinen – einer Stadt, gezeichnet von Krankheit und Korruption.

Seit der letzten Risikosituation sind drei Monate vergangen. Für den HIV-Test besuche ich die Manila City Hall, das Herz des Zentrums der korrupten Vergangenheit dieser alten Stadt, das Kolosseum unserer schlechten Gewohnheiten.

Hier waltet Joseph «Erap» Estrada, der ehemalige Präsident der Philippinen, der für die Veruntreuung öffentlicher Gelder in Millionenhöhe verurteilt wurde. Nach seiner Amtsenthebung hat er es geschafft, wieder in ein öffentliches Amt gewählt zu werden. Als Bürgermeister der Hauptstadt ist er nun in seiner zweiten Amtszeit.

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Das Nationale Gesund­heitsministerium spricht von 31 Neu­ansteckungen pro Tag

Soziale Hygiene zum Zweiten
Nachdem ich in der Manila City Hall angekommen bin, suche ich nach der «Social Hygiene Clinic», wie die Kommunalverwaltungen auf den Philippinen ihre kostenlosen HIV-Testzentren gerne nennen. Sie sind notwendige Einrichtungen in einem Land, das steigende Infektionszahlen mit dem Virus aufweist. 2009 bezeichnete UNICEF die Philippinen als eines von nur sieben Ländern mit zunehmenden HIV-Ansteckungen. Die Zahlen steigen immer noch. 2017 sprach das nationale Gesundheitsministerium von 31 (!) Neuansteckungen pro Tag. Seit der Datenerfassung 1984 hat die Regierung 2466 durch AIDS bedingte Todesfälle registriert. (Bis spätestens 2030 soll AIDS beendet sein, das Ziel haben sich AIDS-Hilfen und die UN gesetzt.)

Mein erstes Mal
Ich erinnere mich an das letzte Mal, an dem ich mich in meiner Heimatstadt Parañaque, rund 22 Kilometer vom Zentrum Manilas entfernt, in einer öffentlichen Gesundheitseinrichtung testen liess. Es war vor drei Jahren und mein erster HIV-Test. Ich war 19 und hatte mich noch nicht an die quälende Ungewissheit gewöhnt, die mit solchen Tests einhergeht.

Damals hatten mich eine Handvoll Risikosituationen und deren mögliche Konsequenzen eingeholt. Ich wusste, was im Fernsehen darüber gesagt wurde, und hatte mich mit den Zahlen auseinandergesetzt. Ich hatte furchtbare Angst und hielt nach möglichen Symptomen Ausschau. Eine einfache Erkältung liess mich fiebrig werden, ganz zu schweigen von den Situationen, in denen ich wirklich Fieber hatte.

Wie das Leben so spielt, hatte ich jemanden kennen gelernt. «Sich testen zu lassen, ist eine Verantwortung», sagte er. Es sei meine Pflicht gegenüber dem Partner und denjenigen, mit denen ich eine intime Beziehung führe. Er schlug vor, dass wir uns beide testen lassen, bevor wir uns weiter treffen würden. Ich war einverstanden.

Private Krankenhäuser verrechnen bis zu 2000 Pesos für einen HIV-Test, umgerechnet 37 Franken oder 32 Euro. Dies herauszufinden, war nicht einfach. Mit einer fadenscheinigen Begründung blieb ich zuhause. Als ich sicher war, dass niemand mehr im Haus war, rief ich ein nahe gelegenes Krankenhaus an, um mich nach dem Test zu erkundigen. Man hielt sich kurz, die Informationen waren knapp. Ich würde die 2000 Pesos vor Ort bezahlen und mit meinem Beleg 15 Tage später zurückkehren, um meine Ergebnisse abzuholen. Das waren Geld und Zeit, die ich mit 19 Jahren nicht hatte. Ich war Student an der Universität und gemäss UNAIDS Teil einer Hochrisiko­gruppe – Männer zwischen 15 und 24 Jahren, die Sex mit Männern haben.

In meinem Kopf musste der Test an diesem Tag oder gar nie stattfinden. Ich wägte meine Optionen ab. Es gab gemeinnützige Organisationen, die in der ganzen Megastadt verstreut waren und kostenlose, anonyme Tests anboten, bei denen man die Resultate am selben Tag erhielt.

Kliniken wie «Love Yourself» und «The Red Whistle» waren in der Tat eine bessere Option. Freunde von mir hatten sich dort testen lassen und vom effizienten Ablauf und den freundlichen Mitarbeitenden geschwärmt. Nach Erhalt der Ergebnisse habe man vom ehrenamtlichen Berater Kondome und Gleitmittel erhalten, verpackt in die eindringliche Mahnung, stets safen Sex zu praktizieren. Dafür mussten meine Freunde lediglich die Anreise bezahlen und sich tadeln lassen, dass sie mit dem Test so lange gewartet hatten.

Solche Kliniken kamen für mich aber nicht in Frage, da die nächste Einrichtung eine zweistündige Fahrt mit der klapprigen Stadtbahn entfernt gewesen wäre.
Der Test war mehr als nur ein Eintrag auf meiner To-do-Liste, er war eine halsbrecherische Mission, die niemand mitbekommen durfte, bis ich ein negatives Resultat erhielt, am allerwenigsten meine übereifrigen Eltern. Ein positives Resulat stand ausser Frage und überstieg meine Vorstellungskraft. Ich musste daran glauben, negativ zu sein.

Was ich brauchte, war ein Testzentrum, das kostenlose Tests anbot und in der Nähe war. Das führte mich in die «Social Hygiene Clinic» von Parañaque, die nur zwanzig Minuten von zuhause entfernt war. Kurz bevor ich das Haus verliess, rief ich an und sie baten mich, vorbeizukommen. Einfach vorbeikommen.

Obwohl mich meine Überzeugungen und Prinzipien an etwas anderes glauben liessen, begann ich
zu beten.

Hin zum Glauben, weg von Prinzipien
Obwohl mich meine Überzeugungen und Prinzipien an etwas anderes glauben liessen, begann ich zu beten. Ich hatte mich auch in den Monaten vor diesem ersten HIV-­Test wieder an Gott gewandt, mit dem mich meine Eltern in meiner Kindheit bekannt gemacht hatten. Ich trug stets ein Rosenkranz um mein Handgelenk und verwendete ihn sogar, wenn mir langweilig war. Regelmässig rezitierte ich dieselben Worte, das gleiche, unermüdliche Gebet für ein negatives Ergebnis.

Auf dem Weg zum Testzentrum verkündete ich meinen Glauben. Murmelnd hielt ich eine gequälte Andacht, während mir die Pflegerin Blut zog und die Etikette der Spritze beschriftete. Ich stellte mir vor, wie ich in die offenen Arme Gottes fiel. Ave Maria, voll der Gnade, gewähre mir irgendeine andere Strafe.
Ein fehlgeleitetes Bittgebet. Irgendwie hatte ich es geschafft, mich in die Irre zu führen, als ergebe es einen perfekten Sinn. Als könnte ich mich bei einer höheren Macht anbiedern, die mich vor einer Krankheit bewahren würde. Als ob sie eine Infektion verhindern könnte, die sich zu jenem Zeitpunkt schon längst in meinem Blutkreislauf ausgebreitet hätte. Als wäre Krankheit die Konsequenz für die Gottverlassenen. Als trügen die Betroffenen die Schuld.

Die Sorgen, die mich zum Beten bewegt hatten, sind dieselben, die diese Epidemie überhaupt mitverantworten. Man denke an die katholische Kirche, die jegliche Ansätze zur Sexualkunde unterdrückt und die Gratisvergabe von Kondomen verhindert. Man denke an die Regierung, die mit nützlichen Massnahmen viel zu lange zugewartet hat. Man denke an die Elite, an die Gebildeten wie mich, die sich mit Gebeten oder anderen Scheinbildern von den kranken Massen abheben. Wir alle sollten zur Verantwortung gezogen werden. In einem Entwicklungsland sind HIV-Patient*innen die Letzten, bei denen man nach Schuldigen suchen muss.

Man denke an die katholische Kirche, die jegliche Ansätze zur Sexualkunde unterdrückt und die Gratis­vergabe von Kondomen verhindert.

Mahnmal
Einige Dinge gingen mir damals durch den Kopf, als ich auf die Ergebnisse meines ersten HIV-Tests wartete. Zuerst dachte ich an den Mann, den ich gerade erst näher kennen lernte. Dieser zärtliche, bleichgesichtige Mann. Er versicherte mir, dass er sich weiterhin mit mir treffen würde. Egal, wie das Ergebnis ausfallen würde.

Beten gegen Homosexualität
Ich dachte an meine Mutter, die Zahnärztin. Die Frau, die ich liebte. Im selben Jahr hatte sie herausgefunden, dass ich schwul bin. Sie bat mich, nein verlangte, dass ich jeweils vor dem Einschlafen ein heilendes Gebet sprechen sollte. Ich dürfte keinen Abend verpassen. Sie bügelte meine Hemden, bereitete mir das Frühstück vor, scheuerte den Boden, zog meine Backen­zähne – als Gegenleistung musste ich bloss ihren Gott um Vergebung bitten.
Während mir mein Berater erklärte, dass es bei einem HIV-Test nur zwei mögliche Resultate gebe – reaktiv oder nicht reaktiv –, fragte ich mich, ob meine Mutter recht hatte. War meine schwule Identität all diese Mühe wert? Konnte ich diese Dämonen vertreiben und mir trotzdem treu bleiben? Man drückte mir einen Zettel in die Hand. Nicht reaktiv.

Ich dachte an den Priester, der an einem Sonntag in der Kirche vor der versammelten Gemeinde verkündete, dass Tod und AIDS die Strafe Gottes für Homosexuelle seien. Ich dachte an den stets unsichtbaren Feind. Ich dachte an die Geister, die Staatsgelder kassieren. Ich dachte ans Überleben, obwohl man uns lieber tot sehen würde. Ich dachte an das Leben als eine Empörung und als Proklamation: Wir sind immer noch da …

Der vollständige Essay (Teil 1) ist in der September-Ausgabe der Mannschaft erschienen, Teil 2 folgt im Oktober. Hier geht’s zum Abo (Deutschland)– und hier auch (Schweiz).

Illustration: Sascha Düvel

Die Philippinen

Der Inselstaat der Philippinen befindet sich in Südostasien und umfasst über 7500 Inseln. Die Bevölkerung zählt rund 106 Millionen Menschen, davon leben geschätzte 22 Millionen im Ballungsraum der Hauptstadt Manila. Im Zuge ihrer 333-jährigen Kolonialherrschaft führten die Spanier das Christentum ein, 81 % der Bevölkerung bezeichnen sich heute als katholisch. Die katholische Kirche ist auch heute noch stark in der Politik und in der Bevölkerung verankert und verfügt über grossen Einfluss auf Themen wie Verhütung, Sexualkunde und LGBTIQ-­Angelegenheiten. Die Philippinen gehören nicht nur bei den HIV-Neuinfektionsraten zu den Spitzenreitern in Asien, sondern auch bei den Schwangerschaftsraten bei Minderjährigen. Mit der Ausnahme des Vatikans sind sie das einzige Land der Welt, in dem Scheidungen rechtlich nicht möglich sind. Auf gesetzlicher Ebene bestehen für LGBTIQ-­Personen keine spezifischen Rechte, weder eine Form der Partnerschaft noch ein landesweiter Schutz vor Diskriminierung. Zurzeit wird im obersten Gerichtshof eine Klage zur Öffnung der Ehe behandelt.

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