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Eminem disst Tyler, the Creator – Wie homophob ist HipHop?

Eminem hat ein neues Album gedroppt, auf dem er ordentlich gegen Kollegen austeilt. Einer seiner Diss-Tracks auf „Kamikaze“ richtet sich gegen Tyler, The Creator, den er als Faggot (Schwuchtel) beschimpft. Songs auf dessen letztem Album „Flower Boy“ aus dem Jahre 2017 lassen sich wie ein Coming-out lesen. “I’ve been kissing white boys since 2004″, heißt es da etwa.

Rapper Eminem wird nun für seinen Track kritisiert. Der britische Independent schreibt etwa: „Es ist 2018, aber offenbar hat das Eminem niemand gesagt.“ Denn, so die Zeitung, man disse niemanden (mehr) aufgrund seiner Sexualität. So weit, so richtig.

Im HipHop wurde immer schon gegen Schwule gehetzt
Nun ist das Hetzen gegen Schwule immer schon ein Bestandteil von HipHop gewesen, vor allem Gangster-Rap – was es freilich nicht besser macht oder leichter erträglich. Um Bushidos Album Sonny Black gibt es sogar eine gerichtliche Auseinandersetzung aufgrund seiner schwulen- und frauenfeindlichen Texte.

Wir haben darüber mit der HipHop-Forscherin Sina Nitzsche von der TU Dortmund gesprochen.

Warum sind Schwule und Frauen so ein beliebtes Feindbild für Rapper?
Das hängt vom der Spielart der Rapmusik ab. Es gibt durchaus Künstler*innen und Rapgenres in Deutschland und den USA, die sich gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie und für Menschenrechte, Toleranz und Gleichheit einsetzen, wie zum Beispiel Sokee aus Berlin, Mykki Blanco aus New York City, oder Angel Haze aus Detroit. Andere Genres, wie der zuletzt in Deutschland wieder stärker kontrovers diskutierte Gangsta-Rap, bedienen sich der performativen Grenzüberschreitung als zentrales Stilmittel. Hier finden sich auch Feindbilder aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, wie zum Beispiel Schwule und Frauen.

Forscht über HipHop: Sina Nitzsche (Foto: privat)

Die HipHop-Kultur ist nicht mehr oder weniger homophob als die Mehrheitsgesellschaft

Gehörten homophobe und frauenfeindliche Sprüche beim Aufkommen von HipHop direkt zu dessen Leitmotiven?
Hip-Hop-Kultur ist seit ihren Anfängen eine männlich-dominierte heteronormative Kultur, in der es auch stets homophobe und frauenfeindliche Tendenzen gab. Bereits in „The Message“ einem der bekanntesten Rapsongs und Begründer des Message bzw. conscious rap, wird abwertend von „fags“ gerappt. Im Gangsta-Rap gibt es ebenfalls eine Tradition von Homophobie. Die amerikanische Rapgruppe N.W.A. veröffentlichte zum Beispiel 1988 den Track „Fuck the Police“, der racial profiling und willkürliche Polizeigewalt auf sehr deutliche Weise anprangert. Gleichzeitig ist das Album Straight Outta Compton, auf dem der Track damals erschienen ist, ein Beispiel für die homophoben Tendenzen in der amerikanischen Rapmusik der späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Trotzdem ist die HipHop-Kultur nicht mehr oder weniger homophob als die Mehrheitsgesellschaft.

Zwei Beispiele aus Bushidos Texten: „Kleine Schwuchtel mit dei’m Unterlippenpiercing, ein falsches Wort und deine Zunge spürt Rasierklingen“ oder auch: „Berlin ist mein Hauptquartier, Du Schwuchtel wirst hier ausradiert.“ Sind das Metaphern oder haben wir es hier mit echtem Hass zu tun?
Da diese Zeilen im Rahmen eines Raptextes artikuliert werden, ist dies eine Inszenierungsstrategie und stellt nicht unbedingt den persönlichen Hass des Menschen Bushido dar. Man sieht an diesen Textpassagen, dass das „lyrische Ich“ den Begriff „Schwuchtel“ als Schimpfwort, nicht unbedingt als Synonym für Schwule verwendet, sondern als generelle Abwertung seines Gegenübers. Dies ist natürlich nicht minder problematisch. Man kann daraus keinen politischen Aufruf zu Gewalt gegenüber Schwulen ableiten.

Haben weibliche Vertreter des Genres grundsätzlich andere Feindbilder, haben Rapperinnen auch antischwule Gewaltphantasien?
Nicht grundsätzlich. Rapperinnen dissen tendenziell eher Frauen als männliche Kollegen dies tun, wie zuletzt Cardi B und Nicki Minaj. Homophobie gibt es aber sicherlich auch bei weiblichen Rappern. In den 1990ern, hat die amerikanische Aktivistin Sister Souljah in ihrer Autobiographie No Disrespect Ratschläge gegeben, wie Jugendliche und junge Erwachsene eine starke individuelle und kollektive Identität ausbilden können um die Konsequenzen der Sklaverei und des strukturellen Rassismus zu heilen. Eine queere Identität gehört für sie in dieser Zeit nicht dazu. Die Einstellung zu queeren Identitäten hat sich in der Rapmusik allerdings geändert.

Mehr zum Thema Homophobie im HipHop gibt’s in der kommenden Oktober-Ausgabe der Mannschaft. Hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).

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