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Der Fotograf Sven Serkis erweitert die schwule Bildsprache

Muskelbepackt, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, volles Haar und gut ausgefüllte, enganliegende Boxershorts. Der homosexuelle Mann ist 2018 maskulin, unerschrocken und selbstbewusst. Leider aber auch oft auf seine rein sexuellen Attraktivitätsmerkmale reduziert. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man die unzähligen Selfies von Influencern und Möchtegerns betrachtet, die täglich das Web überfluten.

Wer dem propagierten Bild nicht komplett entspricht – und das dürften zirka 95 % aller Männer sein, egal, ob hetero, bi, trans oder schwul –, scheint es schwer zu haben, ein glückliches Leben führen zu können. Unsere Wahrnehmung wird mit jedem neuen Posting durchtrainierter Instagrammer, mit jedem Film, dessen Hauptdarsteller einem Model gleicht, weiter verzerrt. Wo Frauen sich zunehmend wehren und gegen unrealistische Schönheitsideale im TV und in den Printmedien protestieren, scheinen Männer ihrer Emanzipation Jahrzehnte hinterherzuhinken.

Doch es gibt Ausnahmen. «Nach unseren heutigen Massstäben schöne Männer schön zu fotografieren, das finde ich einfach unglaublich langweilig», sagt Sven Serkis und ist mit dieser Aussage seiner Zeit ein Stück voraus. Anstatt auf den Zug aufzuspringen, mit dem viele seiner Kollegen in Richtung erfolgsversprechender Karrieren fahren, folgt er einem etwas unkonventionelleren Weg.

Identitätssuche als Inspirationsquelle
Die Frage danach, wer wir sind und was uns als Individuen ausmacht, beschäftigt uns alle irgendwann. Schon in seiner Kindheit spürte der 1985 im mittelsächsischen Leisnig geborene Serkis, dass sich in seiner persönlichen Geschichte ein paar Ungereimtheiten auftaten. Bilder, die ihn als Säugling oder seine Mutter mit kugelrundem Babybauch zeigten, waren unauffindbar. Später sollte er herausfinden, dass es dafür einen mehr als triftigen Grund gab.

Bevor er jedoch im Alter von 26 Jahren erfuhr, dass er adoptiert worden war, kündigte sich mit der beginnenden Pubertät eine ganz andere Krise an. Der eher introvertierte Heranwachsende merkte, dass er dem Wunsch seiner Eltern, ihnen irgendwann Enkelkinder zu schenken, zumindest auf herkömmliche Art und Weise nicht würde nachkommen können. Serkis entdeckte, dass er schwul ist, und vertraute dies mit 17 seiner Mutter an. Es folgte ein Zustand der Unsicherheit und Verwirrung, den er aktiv mithilfe einer kleinen Digitalkamera und zahlreicher Selbstporträts bekämpfte. So versuchte er, einen objektiveren Blickwinkel auf die eigene Person zu erlangen. Heute nutzt der ausgebildete Mediengestalter und Fotograf seine Modelle, um sich selbst, seine Bedürfnisse, Fantasien und Ängste genauer erforschen zu können.

Der Berliner Fotograf Sven Serkis. (Bild: zvg)

Attraktivität durch Mut zur Authentizität
Auch wenn Sven Serkis negiert, er habe es bereits erreicht, ist das erklärte Ziel seiner Aufnahmen, einzigartig zu sein. Betrachtet man seine Arbeitsweise, wird schnell klar, dass sie sich deutlich von der anderer Fotografen unterscheidet. Er trifft seine Models meist, ohne vorher allzu viel Kontakt mit ihnen gehabt zu haben. Ohne sie wirklich zu kennen. Das lässt Raum für Neugier und unerwartete Momente. Die Interaktion zwischen ihm und den Menschen vor der Linse dient derweil als unverzichtbares Spannungsfeld, um auch als klassisch schön empfundenen Gesichtern das gewisse Etwas zu entlocken. Das Erkunden von Makeln und Eigentümlichkeiten sowie das gleichzeitige Herausarbeiten von deren Qualitäten haben für Serkis in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Ich will Irritationen hervor­rufen. Vor allem, wenn es um schwule Fotografie geht, würde ich gern mit typischen Ansichten brechen. Männer sollten nicht auf rein sexuelle Aspekte reduziert werden.

Ein präsenter Bezug zur Natur und die Darstellung der Fragilität nackter Körper sind Elemente, die sich wie rote Fäden durch sein Werk ziehen. «Kleidung ist Geschmackssache», erklärt er. Je weniger das Gegenüber trägt, umso mehr lässt sich für ihn die unberührte und doch stets individuelle Leinwand erahnen, die ein jeder Mensch von Geburt an in sich trägt. Sie dient Serkis als unverzichtbare Projektionsfläche. Ergänzt durch den verbalen Austausch mit denjenigen, die er fotografiert, hilft sie ihm bei der Suche nach der eigenen Identität. Unterstützt die Beantwortung bisher ungelöster Konflikte und offener Fragen. «Das Fotografieren ist eigentlich wie ein Gespräch, das man führt. Würden mich die Leute nur auf einen Kaffee treffen, würden sie vermutlich gar nicht viel von sich preisgeben. So aber werden die Barrieren recht schnell abgebaut, und irgendwann fallen auch die Hüllen. Das finde ich spannend.»

ONE X, 2017 with @stefancasula

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