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«Schwule Pässe gibt es im Fussball nicht»

queere Fußballfans
Queere Fußballfans in Köln: Patrik Maas, Guido Rosenow, Kay Kremer und Stephan Köker (v.l.n.r.) (Foto: Fabian Schäfer)

von Fabian Schäfer Stephan Köker ist schon da, sitzt in der rechten Ecke, „ihrer“ Ecke. Der schwullesbische Fanclub Andersrum rut-wiess (Facebook-Profil) schaut im Piranha jedes Auswärtsspiel. Heute, fast am Ende der Saison, kommen weniger als sonst. Das verlängerte 1.-Mai-Wochenende nutzen viele lieber, um wegzufahren als dazu, dem 1. FC Köln beim Abstieg zuzusehen. „Am Ende der Saison fühlst du dich leer. Es war ein einziges Auf und Ab“, sagt der 34-Jährige. Die Stimmung ist schon vor dem Spiel im Keller.

Bessere Laune hat Kay Kremer. Sie kommt in die Bar, hängt ihre Jeansjacke an die Garderobe, Regenbogen-Pin am Revers. „Ist mein Bier schon warm?“, ruft die kleine Frau mit den kurzen grauen Haaren dem Wirt zu. Sie lacht, und kneift dabei die Augen ganz fest zu. „Drei Stück“, bekommt sie im typisch kölschen Singsang als Antwort. Man kennt sich. Wieder das Lachen.

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Anpfiff, konzentriertes Zuschauen, keine Fragen mehr
Nach den zwei trudeln noch vier weitere Mitglieder vom Fanclub ein, darunter Patrik Maas, der ihn vor über zehn Jahren mitgegründet hat. Zur Begrüssung küsst er Stephan kurz auf den Mund, Kay bekommt einen Luftkuss, „bin doch erkältet.“ Alle haben ihren Platz gefunden, alle haben ein Bier vor sich stehen, ausser Kay, die Kiba trinkt, „ohne Sprudel!“, wieder das Lachen, das Spiel geht los, Anpfiff, konzentriertes Zuschauen, jetzt bitte keine Fragen mehr.

Der SC Freiburg dominiert das Spiel. Stephan verschränkt die Arme, sein Kölner Trikot sieht man unter der grauen Sweatjacke jetzt noch weniger. 6. Minute, Freistoss für Freiburg, Kopfschütteln, Augen verdrehen. Eine Flanke in den Kölner Strafraum, die Wiederholung zeigt, worüber sich die sechs Fans ohnehin schon lange einig waren: „Abseits!“.

Ein Fehlpass nach dem anderen
Die Kölner machen einen Fehlpass nach dem anderen, Stephan kann nur mit dem Kopf schütteln. Er ist ein ruhiger Zuschauer, nur in ganz ärgerlichen Situationen entfährt ihm ein tiefes, lautes „OAH Mann!“. Der Risikomanager einer Versicherung ist gebürtiger Kölner, mit 10 war er zum ersten Mal im Stadion. Er ist immer Fan gewesen. Wenn man in Köln aufwächst, komme man nicht daran vorbei, sagt er. Seit vier Jahren schaut er mit dem schwullesbischen Fanclub die Spiele, „weil sich das so ergeben hat“, er hat eine Dauerkarte, ist bei jedem Heimspiel dabei, auswärts, wenn es passt.

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Mit anderen Fans von Andersrum rut-wiess ist er zu den Kölner Europa-League-Spielen gefahren. Eine Sensation, zum ersten Mal seit 25 Jahren hat der FC europäisch gespielt. Im September waren sie in London, im Dezember in Belgrad. Sie sind ein paar Tage länger geblieben, für Sightseeing, aber auch schwules Leben. In London haben sie Arsenals LGBTIQ*-Fanclub, die „Gay Gooners“ getroffen, waren abends in der Szene feiern. „In Belgrad war das schwieriger“, sagt Stephan. Laut Reiseführer gebe es zwei Schwulenclubs dort, „aber mit Türsteher und Klingel und so, das haben wir dann doch nicht gemacht.“

„Warum sollte ich so ein Land unterstützen?“
Nur eins der drei Europa-League-Auswärtsspiele hat der 34-Jährige zu Hause geschaut: Das gegen BATE Baryssau, den weissrussischen Rekordmeister. „Es gibt eben Reiseziele, die man bewusst nicht ansteuert.“ Genau wie die Weltmeisterschaft in Russland (Mexiko wurde wegen homophober Fangesänge bestraft) , die für die Fans von Andersrum rut-wiess tabu ist. „Russland, Qatar, da können wir uns ja überall nicht blicken lassen“, sagt Marco. „Wenn ich wohin reise, dann tue ich dort etwas mit meinem Geld. Das mache ich mir bewusst. Warum sollte ich so ein Land unterstützen?“, fragt er, wieder erwartet er keine Antwort.

Queer gewinnt – schwule Pässe gibt es nicht

Mittlerweile ist Halbzeit, Köln liegt 0:1 zurück, „so ein Driss“, sagt Stephan. Das kölsche Wort für Scheisse klingt irgendwie niedlicher. Die Fans gehen nach draussen. Auf Patrik Maas‘ Trikot ist die Regenbogenflagge, dazu der Spruch „queer gewinnt – schwule Pässe gibt es nicht“. Diese Aufwärmtrikots hat Köln 2014 beim Spiel gegen Bielefeld als Zeichen gegen Homophobie getragen. Patriks Trikot hat damals der Abwehrspieler Dominic Maroh getragen und man merkt seinen Stolz, wenn er davon erzählt. „Das sass aber auch schon mal besser“, sagt einer, und Patrik streichelt sich nur lächelnd über den Bauch.

queere Fussballfans
Aktion des schwullesbischen Fanclubs Andersrum rut-wiess (Foto: Andersrum rut-wiess)

Als Fussballfans unter Schwulen
Patrik, Landesgeschäftsführer der Aidshilfe NRW, erzählt von den Anfängen des Fanclubs. Wenn sie nach einem Spiel in Kölns Szenemeile, der Schaafenstrasse, ins „Corner“ wollten, haben sie damals noch „Sorry Jungs, hier nicht“ gehört. „Jetzt spielt man dort die FC-Hymne, wenn wir reinkommen.“ Diese doppelte Diskriminierung – als Fussballfans unter Schwulen, als Schwule unter Fussballfans – sei auf beiden Seiten weniger geworden.

Stärker wird dafür die Nervosität in der zweiten Halbzeit. Falls Köln doch noch gewinnt, besteht noch eine klitzekleine Chance, in der ersten Liga zu bleiben. Der Ton unter den Fans wird lauter, das Spiel schneller, nur sieben Minuten nach dem Anpfiff fällt das 2:0. Stimmen- und Schimpfgewirr, Mann ey, Scheisse, Was soll das, Spiel doch da rüber. Jetzt, wo der Abstieg immer näher und unausweichlicher wird, liegen die Nerven blank. Der sechste Abstieg in 20 Jahren, die Kölner Fans sind einiges gewohnt, aber dieser „unnötigste Abstieg“, wie Stephan sagt, tut offenbar weh …

Die komplette Reportage ist erschienen in der Juni-Ausgabe der Mannschaft. Hier geht’s zum Abo (Deutschland), hier auch (Schweiz).

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