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Zurich Pride: die Demo während der Demo

Die Zurich Pride 2018 und die Stonewall-Proteste von 1969 werden wieder gemeinsam diskutiert

Der Zurich Pride fällt eine ungewollte Ehre zu: man spricht auch im Nachgang über sie. In den sozialen Medien findet seit Tagen eine vielschichtige Diskussion darüber statt, wer an eine Pride gehört, wer sie sponsern darf und wie mit Gegenstimmen umgegangen werden soll.

Auslöser war eine Aktion, die sich «gegen die omnipräsenten Sponsoren und die unreflektierte Teilnahme der Polizei» richtete. Bunt, laut und elegant gekleidet intervenierten queere Aktivist*innen in der Parade und konnten auf ihre Kritik aufmerksam machen. Vor dem Wagen der Grossbank UBS standen Menschen mit Transparenten und Schildern. Gleichzeitig erhielten Pride-Besuchende diverse Flugblätter, um auf die Kommerzialisierung, die Anwesenheit der Polizei und die Vereinnahmung durch bürgerliche Parteien an der Pride aufmerksam zu machen.

Was danach geschah, da sind sich die drei involvierten Gruppen – die queeren Aktivisten*innen, die Pride-Organisatoren*innen und die Polizei – uneinig.

Fest steht: acht Menschen wurden von der Polizei vom Umzug in Handschellen entfernt. Die Informations-Plattform «barrikade.info», Teil der emanzipatorischen Kämpfe in der Deutschschweiz, schreib von gewaltvollem Eingreifen der Polizei und Verhaftungen. Im Netz finden sich Videos, wie Aktvisten*innen gegen ihren Willen und mit Körpereinsatz der Polizei weggetragen werden. Der Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich, Mario Cortesi, reagiert auf die Anfrage der Mannschaft leicht genervt. Es gab gemäss Cortesi keine Verhaftungen, sondern Wegweisungen. «Die betroffenen Person haben versucht, Umzugsfahrzeuge aktiv an ihrer Weiterfahrt zu hindern», so der Mediensprecher. Nach einer einmaligen Vorwarnung seien die Personen dann entfernt worden, so Cortesi. Die Polizei wollte damit gemäss eigenen Angaben das Demonstrationsrecht der Zurich Pride gewährleisten.

Augenzeigen widersprechen Polizei
Mehrere Augenzeugen*innen äusserten sich später zum Vorfall in den sozialen Medien. Nebst der Wegweisung/Verhaftung von Protestierenden, stiess vielen das Zerstören der Demonstrationsplakaten der Aktivisten*innen durch die Polizei sauer auf. «Die Aktivisten*innen haben sich in den Umzug gestellt, aber niemanden körperlich angegriffen. Und als der Umzug weitergefahren ist, sind sie nicht im Weg stehen geblieben. Sie wurden daraufhin von der Polizei abgeführt, zu Boden gedrückt und in Handschellen in die pralle Sonne für ca. 30 Minuten gestellt. Als die Aktivist*innen abgeführt wurden, sind die Polizist*innen auf den Schildern rumgetrampelt und haben sie somit zerstört», so ein Augenzeuge. Viele andere empfinden das Vorgehen der Polizei ebenfalls als unverhältnismässig.

Screenshot aus dem Video der Aktivisten*innen, das die Mitnahme zeigt

Die offiziellen Pride-Verantwortlichen wurden gemäss David Reichlin, Vizepräsident der Zurich Pride, erst beim Debriefing im Anschluss an die Demonstration über den Zwischenfall informiert. Er hatte persönlich vorher keine Kenntnis darüber.

Mannschaft nahm ebenfalls mit den queer-feministischen Aktivisten*innen Kontakt auf. Unter der Voraussetzung, anonym bleiben zu dürfen, waren sie bereit, Auskunft zu erteilen.

Aktivisten*innen stören sich
Sie verweisen bei Fragen zur Polizeiaktion auf das im Internet kursierende Video. Ihre Sicht der Dinge bleibt damit leider unbeantwortet. Sie stören sich am Gewaltmonopol der Polizei. «Als Angehörige einer Minderheit, die strukturell diskriminiert wird, müssen wir dieser Gewaltpraxis kritisch gegenüber stehen. Nicht nur aus Gründen unserer Geschichte.» Sie verweisen auf den Ursprung der Prides anlässlich der Stonewall Riots, bei dem sich vor allem trans Menschen of Colour gegen die rassistischen, homo- und transfeindlichen Polizeikontrollen zu wehren begannen. Damit verbunden ist auch die Kritik, dass am Umzug Vertreter*innen der Polizei, namentlich von «PinkCop», mitlaufen. «Menschen, die äusserlich nicht ins optische Schema der*des typischen Schweizer*in passt, werden immer wieder Opfer rassistischer Polizeikontrollen.» Für trans und inter Menschen können Polizeikontrollen gemäss den Aktivisten*innen zu traumatischen Erlebnissen führen, da sie von Polizist*innen häufig misgendert werden würden. «Wenn die Polizei also organisiert an der Pride mitläuft, bedeutet das für viele Menschen, dass sie sich an diesem Anlass nicht mehr wohlfühlen können, was wiederum bedeutet, dass sich die Pride zu einem Anlass einer weissen, mehrheitlich schwulen Mittelschicht entwickelt hat und keineswegs auf eine intersektionale Weise für die Rechte aller LGBTIQs kämpft», so die Kritik an der Pride.

Stonewall Riots am 28. Juni 1969

Auch das Sponsoring und die Mitwirkung grosser Unternehmen wie UBS, Credit Suisse, SBB oder Post ist den queeren Aktivisten*innen ein Dorn im Auge. Firmen missbrauchen gemäss der Gruppe die Pride als Werbefläche, um ihre Marken als Unterstützer*innen gesellschaftsliberaler Bewegungen zu inszenieren, so der Vorwurf. «Oft sind sie das aber nicht oder allerhöchstens nur bedingt. Banken beispielsweise helfen Kriegsmittel zu finanzieren und unterstützen Firmen, die die Bodenschätze und Menschen nichteuropäischer Länder ausbeuten. Verglichen mit ihren Massnahmen für queere Mitarbeitende in der Schweiz ist ihr Engagement für eine bessere Welt sehr viel kleiner, als dass sie die Welt ungerechter machen.» Die Aktivisten*innen befürchten eine «Unterstützungs-Abhängigkeit» von Firmen, was «die politische Positionen und insbesondere Selbstständigkeit verunmöglicht.» Besonders gefährlich sei diese Abhängigkeit, «wenn mensch bedenkt, dass diese grossen Brüder schnell wieder verschwinden, sollte sich der politische Wind drehen.», so das Statement. Die Aktivisten*innen fordert eine Pride ohne Sponsoren*innen: «Politische Demonstrationen sollten unabhängig organisiert werden.» Sie müssten aus einem politischen Interesse und einer Notwendigkeit heraus entstehen. «Ein schickes Festival sollte nicht der primäre Anreiz für politische Kundgebungen sein», so die Antwort.

Vertständnis für Unternehmen
Eine Ansicht, über die die LGBTIQ-Community uneinig ist. Einerseits finanzieren Grossfirmen einen beträchtlichen Teil des Festivals mit und ermöglichen eine Pride in diesem Ausmasse überhaupt, anderseits taucht die kritische Frage nach Pinkwashing immer wieder auf. Ein User auf Facebook, selber Arbeitnehmer bei einem dieser grossen Firmen, gibt zu bedenken, dass das Engagement dieser Firmen nicht selten durch die eigenen Mitarbeiter*innen initiiert und intern hart erkämpft werden musste. «Für viele Menschen ist ihr Unternehmen aber nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern ihre erweiterte Familie. Und darum ist es wichtig, auch im Unternehmen ’sich selbst‘ sein zu können, sich wohl zu fühlen und akzeptiert zu werden. Als Zeichen dafür freue ich mich über die starke Präsenz von Unternehmen und Unternehmensnetzwerken an der Pride.»

David Reichlin, Vizepräsident der Pride, gibt sich auf die Kritik angesprochen, gesprächsbereit und wirft den Ball den Aktivisten*innen zu. Er beklagt, dass die Pride keinerlei Kontaktmöglichkeiten zur Aktivisten*innen-Gruppe hatte. «Es gab im Vorfeld lediglich mit der «Autonomen Schule Zürich» und unserer Präsidentin Lea Herzig einen von beidseitigem hohen Respekt geprägten Austausch». Auch gab er das Versprechen, sehr offen für Vorschläge der Kritiker*innen zu sein. «Ich könnte mir sogar eine Podiumsdiskussion zu genau diesem Thema sehr gut vorstellen», so Reichlin. Anne-Sophie Morand, die Leiterin des Politikressorts der Zurich Pride, ärgert sich desweilen auf Facebook und wünscht sich gute Neuigkeiten über die Pride: «Ich finde es sehr schade, dass wir hier über Randalierer reden, anstatt über die sehr gelungene Pride. Die Medien sollten vielmehr über die sehr gelungene Pride berichten, die dieses Jahr schlichtweg ein voller Erfolg war» und sie widerspricht den Aussagen der Aktivisten*innen: «Die Randalierenden haben den Umzug gestoppt, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen», so Morand.

Vielfalt der Community
Wie es im Streit zwischen der Pride und den Aktivisten*innen-Gruppen weitergeht, ist unklar. Die acht festgehaltenen Personen wurde noch am gleichen Tag wieder auf freien Fuss gesetzt. Das Erreichen von Gleichstellung, ein Leben frei von Diskriminierungen und Solidarität untereinander – diese Kämpfe werden unterschiedlich vorbereitet und geschlagen. Und ist am Ende ein Zeichen der unglaublichen Vielfalt innerhalb der LGBTIQ-Community.

Der Pride-Umzug zog 24’000 Menschen an (Bild: Pixxpower)

Diese strich auch Florian Vock in seiner viel beachteten Rede hervor. «Unsere Community lebt von den Orten, an denen wir zusammenkommen, uns stärken und tanzend Revolutionen planen. Diese Orte dürfen niemanden ausschliessen. Wir brauchen mehr kommerzfreie und offene Räume für unsere Community!» Was bedeute es für eine Community, wenn junge Schwule die alten Schwulen im Club abschätzig anschauen und alte Schwule junge Schwule ebenso abschätzig belächeln, fragte er die Zuhörher*innen. «Hören wir auf damit! Manchmal sind wir einsam, weil wir als Community mit unseren eigenen abschätzigen Blicken andere Menschen einsam machen» so Vock.

Die Aktivist*innen haben ein Ziel erreicht: Die Community macht sich über diese Themen Gedanken. Hierbei muss man nicht einer Meinung sein. Eine Gemeinschaft, die für Diversität steht, wird das aushalten.

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