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„Ohne Homophobie funktioniert der Markenkern der Konservativen nicht“

Johannes Kram
Johannes Kram (Foto: Markus Lücke)

Seit mittlerweile zehn Jahren betreibt Johannes Kram das Nollendorfblog – dort schreibt er über Homophobie in all ihren Facetten. 2016 erhielt er eine Nominierung für den Grimme Online Award. Am Mittwoch stellt er nun im Berliner TIPI sein neues Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…“ vor, das sich mit der „schrecklich netten Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ befasst.

Johannes, die Eheöffnung in Deutschland war ein wichtiger Erfolg für Schwule und Lesben in Deutschland. Gab es seither mehr oder weniger Anlässe für Dich, zu bloggen?
Weder noch. Die Ehe bedeutet ja nicht das Ende der Homophobie. Es sogar noch schwieriger geworden, auf Probleme hinzuweisen, weil es diese merkwürdige Stimmung gibt: Was wollt Ihr eigentlich noch, Ihr habt doch jetzt alles erreicht?

Es gibt homophobe Äußerungen, die erwartbar sind – v.a. von der AfD. Welche Wortmeldung hat Dich zuletzt überrascht?
Die AfD ist schlimm und gefährlich, aber die Grenzen des Sagbaren werden nicht nur dort verschoben. Überrascht hat mich das Ausmaß des fundamentalistischen Sprechs von Annegret Kramp-Karrenbauer, mit der sie uns zu gesellschaftszersetzenden Elementen erklärt. Dass sie sich nicht trotz, sondern wegen Homo-Hetze als CDU-Generalsekretärin qualifiziert, überrascht wiederum nicht: Die Konservativen brauchen uns als identifikationsstiftende Projektionsfläche, ohne Homophobie funktioniert ihr Markenkern einfach nicht.

Du warst 2013 Co-Initiator des Waldschlösschen-Appells gegen Homophobie in den Medien. Hat es was genützt?
Homophobie ist keine Meinung. Der Appell bietet eine Definition von Homophobie, mit der wir nicht jedes mal bei Adam und Eva anfangen müssen, um zu erklären, was an Darstellungen problematisch ist. Ich weiß von vielen Diskussionen, wo der Appell dazu beitragen konnte, noch Schlimmeres zu verhindern. Aber es wäre sicherlich gut, wenn er eine größere Rolle spielen würde.

Du bloggst und schreibst fürs Theater, Musical und Operette. Fehlt als Disziplin noch der große Gesellschaftsroman, oder?
Den Ehrgeiz habe ich nicht. Und mir macht das Arbeiten im Team mit anderen Kreativen zu viel Spaß, die Arbeit mit Musik. Zur Zeit gilt: Wenn ich dürfte, würde ich den ganzen Tag Operette schreiben.

Johannes Kram präsentiert sein neues Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber … Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ im Berliner TIPI am Kanzleramt. Dazu hat er sich spannende Gäste eingeladen, u. a. Volker Beck, Romy Haag und Georg Uecker. Es lesen die Schauspieler Matthias Freihof und Pierre Sanoussi-Bliss.
Am 11. April um 20 Uhr, Tickets ab 14,50 € , ermäßigt 12,50 €

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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