in

Aus Sri Lanka geflohen: Coming-out in Deutschland

LGBT Flüchtling
Umeswaran Arunagirinathan, genannt "Dr Umes" (Foto: Promo)

von Fabian Schäfer

Dr. med. Umes steht auf dem Namensschild, das Umeswaran Arunagirinathan auf seinem weißen Kittel trägt. Sein voller Name, elf Silben lang, wäre für die Patienten wohl zu kompliziert. Manche kommen schon mit einem dunkelhäutigen Arzt nicht klar, da soll wenigstens der Name einfach sein. So wie vor Jahren ein Patient im Universitätsklinikum Hamburg, der sich über den pakistanischen Flüchtling beschwert hat, der sich ihm gegenüber als Arzt ausgegeben habe.

Werbung

Flüchtling? Ja, aber auch Deutscher. Pakistan? Nein, Sri Lanka. Umes ist Tamile. Als er zwölf Jahre alt war, hat seine Familie alles Geld genommen, um dem erstgeborenen Sohn vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka zu retten. Schleuser brachten ihn über Singapur, Togo, Ghana und Nigeria zu einem Onkel nach Hamburg-Mümmelmannsberg.

Umes musste Deutsch lernen, zur Schule gehen, er wollte fleißig sein. Seiner Mutter hat er drei Dinge versprochen, als sie ihn 1991 zum Flughafen gebracht hat: Nicht rauchen, keinen Alkohol trinken und als Arzt nach Sri Lanka zurückkommen. Alle drei Versprechen wird er irgendwann gehalten haben.

LGBT Flüchtling
Dr. Umes (Foto: Promo)

Mümmelmannsberg, seine neue Heimat. So niedlich der Name klingt, so trist sind die grauen Hochhäuser, die diese riesige Siedlung im Osten Hamburgs bilden. Umes hat dort schwer Anschluss gefunden, war ein Einzelgänger. Wie sollte er sich mit den Schulkameraden verabreden, wenn er sich nicht mit ihnen verständigen konnte? Die wenigen Freunde, die er hatte, haben ihm nach dem Brief auch noch den Rücken gekehrt.

Werbung

Da war dieser Junge, Umes nennt ihn Martin. Nach der Schule saß Umes häufig auf der Bank am Basketballplatz, um Martin beim Spielen zuzusehen. Ein komisches Gefühl stieg in ihm auf, jedes Mal, wenn er ihn dort sah. „Wenn ich abends im Bett lag, hatte ich das Bild seiner blonden Haare und leuchtenden blauen Augen vor mir“, schreibt er in seinem Buch „Der fremde Deutsche“. Darin schildert Umes den Weg vom unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zum deutschen Arzt.

Mit 15 verknallt – in Martin

Umes, 15 Jahre alt, war verknallt. Der Teenager hatte für seine Gefühle keine Worte, aber was er fühlte, wollte er dennoch loswerden. Als er eines Abends alleine zu Hause war, setzte er sich an die Schreibmaschine seines Onkels und schrieb einen Brief an Martin.

LGBT Flüchtling
„Der fremde Deutsche“ ist im Konkret Literatur Verlag erschienen. S. 144 Seiten, 12,50 Euro

Es wurde ein Liebesbrief. Tagelang hat er ihn bei sich getragen, bis er sich getraut hat, ihn Martin zu geben. Am nächsten Tag ging Umes wie üblich zum Basketballplatz. Schon von Weitem hörte er die verletzenden Worte: „Da kommt die Schwuchtel!“. Martin zeigte den Brief allen Jungs, und sie lasen ihn laut vor. „Für mich ist damit eine Welt zusammengebrochen“, sagt Umes heute. „Mir war damals nicht bewusst, dass ich homosexuell bin. Erst danach habe ich gedacht: Umes, was hast du getan?“

Behandelt wie ein Aussätziger

Er wurde danach behandelt wie ein Aussätziger. Als Schulsprecher und Marathonläufer war er zwar respektiert, andererseits war er immer noch der Schwule. „Wenn ich jemanden bei den Mathehausaufgaben geholfen habe, musste ich immer versprechen, niemandem davon zu erzählen“, erzählt er. „Sonst hätte man denjenigen noch für schwul gehalten.“

Das hat auch an seinem Selbstwertgefühl genagt. „Wenn du ständig hörst, dass du eklig und pervers bist, nimmst du das irgendwann ernst“, sagt er. Später wurde er von Schulkameraden sogar bespuckt und getreten. Ein erniedrigendes Erlebnis, das er nie vergessen wird. Zweimal stieg er aufs Dach seines Hochhauses. Umes war kurz davor zu springen. Nur der Gedanke an seine Mutter hielt ihn zurück.

Das alles hat sich mit dem Medizinstudium in Lübeck verändert. Dabei wäre er nach dem Abitur fast abgeschoben worden, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Nur dank Freunden und Unterstützern konnte er bleiben. Während dem Studium wartete ein neues, liberales Umfeld, aber auch Schichten bei McDonald’s, um seine Familie in Sri Lanka unterstützen zu können. Und eine ernste Beziehung. Hendrik, der erste Mann, den Umes in aller Öffentlichkeit küsste, und der ihn an 2012 an Heilig Abend während des Nachtdienstes im Krankenhaus überrascht hat. Das Geschenk, eine goldene Uhr, trägt er bis heute.

In Hamburg sprechen wir auch Deutsch“

Im August 2008, kurz nach seiner Promotion, wurde er endlich eingebürgert. Als Deutscher gefühlt hat er sich jedoch schon lange vorher. Andere Menschen sehen in ihm dagegen immer noch häufig den Ausländer. Oft bekomme er Komplimente, wie gut sein Deutsch sei. „Ja, in Hamburg sprechen wir auch Deutsch, antworte ich dann.“

Nach dem Studium hat er sieben Jahre lang als Assistenzarzt in Hamburg gearbeitet. Sein Ziel: Herzchirurg. Andere Kollegen haben in dieser Zeit die Facharztausbildung schon durchlaufen, sagt Umes. Nur er nicht. „Für dich ist es schon ausreichend, wo du bist“, habe sein Chef damals zu ihm gesagt. „Das werde ich niemals vergessen.“ Da die Facharztausbildung weder festen Regeln noch einem festgelegten Zeitplan folge, hat er sich entschlossen, seine Heimat Hamburg zu verlassen …

Der vollständige Artikel ist erschienen in Mannschaft (März 2018). Hier geht’s zum Abo!

Kein Platz für Homosexualität in Nordkorea

Homophobie

Aus Homophobie: Schwuler Schwiegersohn aus Nachruf getilgt