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Schwule im Abseits – Russland vor der Fussball-WM

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Pascal Erlachner weiss: Es gibt nach wie vor viele Menschen, «die darunter leiden, dass Homosexualität totgeschwiegen wird. Vor allem im Fussball.» Mit seinem Coming-­out dürfte der Schweizer Super-­League-­Schiedsrichter Anfang Dezember dafür gesorgt haben, dass das Leiden ein wenig gelindert wird und dass andere schwule Schiris oder Spieler – wenn sie sich vielleicht nicht trauen, ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gehen – sich doch etwas weniger allein fühlen.

Im Westen Europas ist Homophobie im Fussball immer noch ein handfestes Problem, wenn auch Schwulsein und Kicken nicht mehr das ganz grosse Gegensatzpaar sind, als das sie lange galten – jedenfalls bei den Herren. Es gibt zahlreiche Initiativen, die sich gegen Homophobie einsetzen, wie Anfang Dezember in England, wo eine Woche lang die «Rainbow Laces»-Kampagne der Organisation Stonewall stattfand. Spieler wie Schiedsrichter waren eingeladen, Regenbogenschnürsenkel an ihren Schuhen zu tragen, an die Klubs wurden Regen­bogen­kapitäns­binden verteilt.

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Im Englischen Profifussball wurde mit der «Rainbow Laces»-Kampagne schon mehrmals ein Zeichen gegen Homophobie gesetzt.

Spätestens seit dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger, genannt «The Hammer», weiss man ja auch in Deutschland, dass auch vermeintlich weiche Schwule zu besonders harten Schüssen in der Lage sind. Was Spieler wie Davy Frick vom Drittligisten FSV Zwickau im Dezember nicht davon abhielt, sich auf dem Spielfeld schwulenfeindlich zu äussern. Nach seiner Gelb-Roten Karte in der Nachspielzeit gegen Halle pöbelte er in Richtung des gegnerischen Trainers: «Nur Schwuchteln hier.» Der DFB-Kontrollausschuss nahm Ermittlungen auf; unter anderem wurde Frick vereinsintern zu einer Geldstrafe verdonnert.

Ob der Spieler daraus lernt, bleibt abzuwarten: Er ist nicht zum ersten Mal durch Beleidigung auf dem Platz aufgefallen.

Russland: Doppelt so viele Hassverbrechen
Ähnliche Situation in Russland, im vergangenen Sommer. Der Franzose Yohan Mollo, Mittelfeldspieler bei Zenit St. Petersburg, wurde bei der Begegnung mit Sibir Nowosibirsk von gegnerischen Fans als «Schwuchtel» beschimpft. Mollo, der sich bei Instagram gerne oben ohne zeigt und über dessen Sexualität wir nichts Genaues wissen,  zeigte ihnen daraufhin den Mittelfinger. Wer wurde bestraft? Nicht die Fans. Mollo wurde von der Russischen Fussball­union für zwei Spiele gesperrt und musste eine Geldstrafe in Höhe von 20 000 Rubel (zirka 290 Euro) zahlen.

[perfectpullquote align=“full“ bordertop=“false“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Schwule in Russlands Fussball? Gott sei Dank habe ich noch keine gesehen.»[/perfectpullquote]

In Russland hat sich die Anzahl der Hassverbrechen gegen Mitglieder der russischen LGBTI-Gemeinde in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Während es wegen Verbrechen gegen queere Menschen im Jahr 2010 «nur» 18 Verurteilungen gegeben habe, seien es 2015 schon 65 gewesen, gaben Expert_innen vom Zentrum für Unabhängige Soziologische Forschung in St. Petersburg unter Berufung auf Gerichtsakten des russischen Rechts­informationssystems RosPravosudje unlängst bekannt (die Zahl der Übergriffe, die nicht aufgeklärt oder gar nicht erst gemeldet werden, dürfte deutlich höher liegen). Die Forscher_innen glauben, die Zunahme sei vor allem dem Gesetz gegen «Homopropaganda» zuzuschreiben, das 2013 landesweit in Kraft trat. Vom 14. Juni bis 15. Juli findet in Russland die Fussball-­WM statt. Auch der eine oder andere schwule Fussballfan wird sich mit dem Gedanken tragen, dieses Grossereignis vor Ort zu erleben.

Nun sind in Russland offen schwule Prominente kaum bis gar nicht bekannt. Erst recht unter Kickern nicht. Und viele möchten auch, dass das so bleibt. Denis Maslow, Geschäftsführer des Erstligisten FC Amkar Perm, gab erst im November in der Sendung Sportexpress zu Protokoll: «Schwule in Russlands Fussball? Gott sei Dank habe ich noch keine gesehen. Hoffentlich werde ich sie nie sehen!»

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Als Präsident des nationalen LGBT-Sportverbands in Russland setzt sich Alexander Agapow (links) seit Jahren gegen Homophobie im Sport ein.

Protest blieb aus. Vom russischen Fussballverband gab es keine offizielle Reaktion, nicht einmal nach Aufforderung des nationalen LGBT-Sportverbands. Dessen Präsident Ale­xander Agapow setzt sich seit Jahren gegen Homophobie nicht nur im Fussball, sondern im Sport allgemein ein. Und in dem oft frustrierenden Kampf erlebte er im Herbst sogar etwas wie einen Lichtblick. Da schickte die Menschenrechtskommissarin von Moskau, Tatjana A. Potjaewa, ihm ein Grusswort für eine Veranstaltung, die Alexander mit seinem Verband Ende Oktober in der russischen Hauptstadt veranstaltete: ein LGBTI-Fussballfestival, bei dem tagsüber gekickt wurde, abends gab es eine Diskussion über Homophobie im Fussball.

Fussball spielen: ja – über Homophobie diskutieren: nein
«Es ist historisch, dass diese Kommissarin ein LGBTI-Event würdigte. Ich kenne kein ähnliches Beispiel.» Bei aller Freude über dieses Zeichen: Alexander glaubt, dass Zweifel an Potjaewas Motiven erlaubt sind. «Teilweise kam es wohl dazu, weil die WM bevorsteht: Die Stadt will sich offen und respektvoll zeigen. Ich bin nicht sicher, ob wir diese Unterstützung auch noch haben, wenn die WM vorüber ist.»

Der Präsident des queeren Sportverbands sah sich bei der Umsetzung seiner Veranstaltung mit etlichen Problemen konfrontiert. Es war kein Problem, Zusagen von weiblichen Teams zu bekommen, die an dem Turnier teilnehmen wollten. Anders sah es bei der Diskussionsrunde aus. «Kicken wollten sie, aber Menschenrechtsfragen interessierten sie nicht so sehr», klagt Alexander. Ein Team muslimischer Spielerinnen, mit dem er im Vorfeld des Festivals zwei Monate lang verhandelt hatte, sagte schliesslich ab mit der Begründung: Wir wollen mit LGBTI nichts zu tun haben. Was er umso bedauerlicher fand, da es mit dem Grusswort der Menschenrechtskommissarin eine besondere Situation gab.

Das sei das Problem von vielen Schwulen und Lesben in Russland: «Sie glauben nicht an Wandel. Sie akzeptieren den Status quo und versuchen, sich mit der Situation zu arrangieren. Sie wollen ihre Jobs nicht verlieren, trauen sich nicht an die Öffentlichkeit.» Zwar beschwerten sich viele über die Schwierigkeiten, als schwuler Mann oder lesbische Frau offen zu leben, glaubten aber nicht, dass sich etwas ändern lässt. «Sie verhalten sich wie Geiseln», attestiert ihnen Alexander. «Sie akzeptieren ihre Situation und glauben, sie seien machtlos. Sie sehen nicht, dass ihre Teilnahme etwas bewirken könnte.» Wenn man so viel Energie in ein Projekt investiert und dann so wenig dabei rumkommt – «das frustriert», räumt Alexander ein.

Angriffe von aussen wie etwa beim russischen LGBTI-Filmfestival «Side by Side» im Jahr 2013, als es mehrere Bombendrohungen gegen das Event gab, erlebte man bei dem Fussballfestival im Oktober nicht. Das hat aber einen einfachen Grund: Während das queere Filmfest offen kommuniziert, wo seine Events stattfinden, veröffentlichte der LGBTI-Sportverband die Location seiner Veranstaltung nicht. «Wir sorgen uns um die Sicherheit der Teilnehmenden. Darum halten wir die Adresse immer bis zuletzt geheim, bis 24 Stunden vorher.»

Einige Fussballfans wollen nur pöbeln
Eine Voraussage über die Sicherheit bei der bevorstehenden WM lässt sich schwer machen. Das liegt auch an einem ganz grundsätzlichen Problem, das Fussball in Russland hat. Fabio Capello, Exnationaltrainer, nannte als eines der grossen Probleme: die Abwesenheit von Fussballfans im Stadion, so absurd es klingt. Aber seit den Neunzigerjahren hätten sich russische Stadien zu unsicheren Orten entwickelt, wo es immer wieder Kämpfe und Zusammen­stösse gebe.

Alexander war zuletzt als Jugendlicher bei einem grossen Spiel. Damals wurde er von einem Fussballfan homophob beleidigt und angegriffen.

«Das war jemand, der nicht wegen des Fussballs hinging», sagt Alexander. «Er ging ins Stadion, weil er sich mächtig fühlte in einer Gruppe, mächtig genug, um andere zu schlagen. Etwa, wenn sie das falsche Team unterstützten.»

Mit Regenbogenfahne zur Fussball-WM?
Schwule Fussballfans, die zur WM nach Russland reisen, werden es sich genau überlegen, ob sie auf dem Weg zum Stadion oder während des Spiels eine Regenbogenfahne schwenken. Die europäische Fanorganisation «Football Against Racism in Europe» (FARE), die sich dem Kampf gegen Diskriminierung im Fussball widmet und auch mit Aktivist_innen in den Vereinigten Staaten, Südafrika, St. Lucia und Brasilien zusammenarbeitet, warnte kürzlich, das öffentliche Austauschen von Zärtlichkeiten könnte aggressive Reaktionen von Einheimischen hervorrufen. «Ihr könnt zur WM gehen, müsst aber besonders vorsichtig sein», erklärte FARE-­Chef Piara Powar. So sei es in Russland für Schwule etwa gefährlich, Händchen haltend in der Öffentlichkeit zu gehen oder offen über ihre sexuelle Orientierung zu reden. Anfang dieses Jahres will FARE einen Verhaltensleitfaden herausbringen für Fans, die nach Russland reisen. Der Februar steht ohnehin als Fussball-gegen-Homophobie-­Aktionsmonat im Kalender, bereits im achten Jahr. Europaweit sind Aktionen geplant.

[perfectpullquote align=“full“ bordertop=“false“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Ihr könnt zur WM gehen, müsst aber besonders vorsichtig sein.»[/perfectpullquote]

Natürlich hat Russland Vorwürfe zurückgewiesen, wonach homosexuelle Fussballfans bei der Weltmeisterschaft 2018 gefährdet seien. Der frühere Nationalspieler Alexei Smertin, der einst unter anderem beim Londoner Spitzenclub FC Chelsea unter Vertrag stand und mittlerweile Abgeordneter eines russischen Regionalparlaments und WM-­Botschafter ist, gab im Guardian Entwarnung. «Es wird definitiv kein Verbot für Regenbogensymbole in Russland geben», erklärte Smertin. «Es ist ganz klar, dass man hierherkommen kann und nicht dafür bestraft wird, seine Gefühle zu zeigen.» Solange man es nicht an einer Schule tut, versteht sich – das wäre strafbar nach dem Gesetz gegen Homo­propaganda.

Reist Hitzlsperger nach Russland?
Alexander und sein Sportverband planen für 2018 etliche Events, darunter auch wieder ein Fussballfestival: mit Tournier und Diskussion, eventuell eine Konferenz, zu der sie auch Thomas Hitzlsperger einladen. Der frühere Nationalspieler, der sich nach dem Ende seiner Karriere geoutet hatte, wurde im Frühjahr 2017 vom Deutschen Fussball-­Bund (DFB) als neuer «Botschafter für Vielfalt» ernannt.

Allerdings sind die Hoffnungen, die der russische LGBTI-Aktivist in den DFB-Botschafter für Vielfalt setzt, begrenzt. Die Position des Botschafters limitiere Hitzlsperger, glaubt Ale­xander. «Er ist nicht so frei in seinen Äusserungen wie vorher.» Zwar wäre seine Anwesenheit von grosser Bedeutung. Aber der DFB könnte ihm nahelegen, nicht nach Russland zu reisen, denn sein Auftritt könnte als Einmischung in interne Angelegenheiten verstanden werden.

[perfectpullquote align=“full“ bordertop=“false“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Wir wollen Dinge erarbeiten, die Russland und Deutschland hoffentlich näher zusammenbringen.»[/perfectpullquote]

Hitzlsperger hatte nach seiner Ernennung zum Botschafter erklärt, er wolle den DFB im Kampf gegen Homophobie bei der WM 2018 in Russland unterstützen. Wie er sich das vorstellt, erzählt er uns in der aktuellen Ausgabe der MANNSCHAFT (hier geht’s zum Abo).

Momentan deutet jedenfalls vieles daraufhin, dass der Wunsch Denis Maslows von Amkar Perm nach einem homobefreiten Fussballrussland in Erfüllung gehen dürfte.

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