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Ausgefallen, mutig und bizarr – die queeren Kurzfilme bei der Berlinale

Am 22. und 25. Februar sind im Rahmen der Berlinale im «Queer Mix» acht queere Kurzfilme zu sehen. Sie sind ausgefallen, ernst, mutig, regen zum Nachdenken an und sind teilweise auch bizarr. Einer von ihnen wird mit dem Teddy für Besten Kurzfilm ausgezeichnet. Zwei – «T.R.A.P» und Onde o Verão Vai (episódios da juventude) – sind auch im Rennen für den mit 20’000 Euro dotierten «Audi Short Film Award».
Tickets für den Queer Mix sind jeweils drei Tage vor Aufführung ab 10 Uhr vormittags erhältlich. Hier findest du alle Filme im TEDDY-Programm 2018.

T.R.A.P.

Mystischer Ort, verwunschene Geschichte: Eine Gruppe von Rittern, geht am Ufer des Río de la Plata an Land. Sie sind auf der Suche nach einem Grab, an dem sie ein Ritual abhalten wollen. Während sie durch den Dschungel ziehen, geschehen Dinge, die sie im Heute landen lassen. Sie haben Sex, finden ein Auto, genießen mit einem Bier in der Hand den Sonnenuntergang. Dann erklingt im Radio eine Nachricht, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt, und es gibt kein Zurück mehr. Im Süden Argentiniens ist es im vergangenen Sommer zu Demonstrationen gegen das italienische Mode- und Textilunternehmen Benetton gekommen. Die Firma besitzt dort riesige Ländereien, die ursprünglich den Mapuche gehörten. Die Mapuche-Ureinwohner versuchen seit Jahren, ihren Besitz zurückzuerhalten, um selbstbestimmt zu leben. Die Demonstrationen waren mit Ausschreitungen auf beiden Seiten verbunden; dabei verschwand Santiago Maldonado, der mit den Mapuche demonstrierte. „Nie wieder“ hieß es seit dem Ende der Diktatur in Argentinien, nun ist es wieder soweit. Es gibt keine Flucht vor der Realität, es gilt sich ihr zu stellen. Der Filmemacher bricht vorherrschende Stereotypen auf, um so seine eigene Geschichte jenseits des hegemonialen Anspruchs zu erzählen.

Onde o Verão Vai (episódios da juventude)
(deutsch: Wohin der Sommer geht (Episoden aus der Jugend))

Die Hitze des Sommers flirrt. Eine Gruppe von Freunden fährt in den Wald. Die Körper sind dicht gedrängt in diesem Auto. Vier auf der Rückbank, zwei vorne. Im Wald finden sie eine Schlange. Die Schlange ringelt sich über den Fuß des jungen Mannes. Das Mädchen hält sie in den Händen. Zwei Männer essen Pfirsiche. Die Männer küssen. Nach dem Kuss ist der Tag vorüber.
Die Komposition der Gruppe in einem Bildrahmen erinnert an die frühen Filme von Asghar Farhadi, in denen ebenfalls immer wieder der Einzelne der Gruppe gegenübersteht. Die Inszenierung der Jugend ist modern und gleichzeitig in ihren Blicken und Gesten ein Verweis auf die Malerei des Barock, ohne jemals das Heute zu vergessen. In vier Kapiteln eignet sich der 21-jährige David Vicente den Anfang aller Erzählungen der monotheistischen Religionen an und interpretiert ihn neu. Reframing his-story.

Contra-Internet: Jubilee 2033

Inspiriert von Derek Jarmans queerem Punk-Film Jubilee von 1978, erzählt Contra-Internet: Jubilee 2033 die Geschichte um Ayn Rand und Mitglieder ihres Kollektivs – darunter u.a. Alan Greenspan – die sich im Jahr 1955 auf einen LSD-Trip begeben. Zach Blas erschafft, mit Susanne Sachsse in der Rolle der Ayn Rand, einen psychedelischen Fiebertraum, in dem die Philosophin und ihre Anhänger*innen in das dystopische Silicon Valley der Zukunft versetzt werden. Während die Campusse von Apple, Facebook und Google brennen, verrät ihnen ihre Reiseleiterin – die künstliche Intelligenz Azuma –, dass Ayn als Philosophin für Tech-Manager*innen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, da ihre Schriften den Unternehmergeist fördern. Inmitten der Trümmer erfahren Rand und das Kollektiv von der Existenz des Internets und werden Zeugen von Kämpfen zwischen Techies und Anti-Campus-Groupies. Sie treffen auf die contra-sexuelle Internetgegner*in Nootropix, die das Ende des Internets predigt. Rand und das Kollektiv brauchen eine Verschnaufpause und finden sich am Silicon Beach wieder, wo sich Stücke aus polykristallinem Silizium mit Sand und Ozean vermischen.

Pop Rox

Jesse ist kreativ und überhaupt nicht auf den Mund gefallen. Wie aber soll sie ihrer besten Freundin gestehen, dass sie verliebt ist? Und zwar in sie! Es vorspielen mit Fingerpuppen? Zu albern. Einen Liebesbrief schreiben? Vielleicht. Oder es ihr einfach sagen? Mit großer Anteilnahme und einer Prise Ironie beschreibt der Film die Gefühlswelt des verliebten Teenagers, hin- und hergerissen zwischen wilder Entschlossenheit und der Angst, enttäuscht zu werden.

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Juck

Juck ist Sex. Juck ist Energie. Juck ist Protest. Juck ist Therapie. Juck ist Aktion. Juck ist Dominanz. Juck ist Provokation. Juck ist Toleranz. Juck ist Bewegung. Juck ist Fantasie. Juck ist Erregung. Juck ist Utopie. Juck ist, sich selbst zu sehen, auch wenn es schwer ist. Juck ist, sich nicht für seine Existenz zu entschuldigen. „Weiblichkeit ist ein Wort, das wir mit allem füllen können, was wir wollen“, sagen sie. Sie füllen es mit Juck.

Three Centimetres

Ein Moment des Stillstands, der Schwebe. Vier Freundinnen sitzen in der Gondel eines Riesenrads; die Kamera nimmt das Mittelmeer vor der libanesischen Küste mit in den Blick, beobachtet, wie die Mädchen einsteigen, dreht eine Runde, fährt mit ihnen bis nach oben. Dann stoppt das Rad und auch die Kamera hält inne. Die Unterhaltung ist bereits zuvor ins Stocken geraten, als Manal gesteht, dass sie mit einer Frau zusammen ist.

Je fais où tu me dise

Nach Léchez-nous, Miaou, Miaou! (Generation 2016) erzählt Marie de Maricourt erneut von einer schillernden Rebellion sexueller Identität. Sarahs Sehnsüchte scheinen in ihrem Elternhaus keinen Platz zu haben. Die fremdbestimmte Atmosphäre in dem gutbürgerlichen Haushalt erlebt die junge Frau beengender als ihren Rollstuhl. Mithilfe einer heimlichen Komplizin findet sie jedoch Wege, das düstere Anwesen in einen Tempel der Wonne zu verwandeln.

Evidentiary Bodies

Ein Publikum, versunken in drei Leinwände, spürt die Umklammerung der Krankheit, die Isolation des physischen Körpers. Die endlose Filmschleife läuft, doch sie kann der Protagonistin keinen Halt geben. Die Zeit ist dehnbar, der Körper verändert sich und der Film beginnt erneut. Eine Trilogie des Selbst, Zeugin von Verfall und Leid, das Undenkbare vollbringend, unaufhaltsam, ein Totentanz. Drei umgibt, umschließt, umarmt die Eine, die nicht für sich stehen kann. Wir – menschliche Wesen auf einem kleinen Globus, vereint durch evolutionäre Struktur und biologische DNA – haben die Chance, durch Empathie und Identifikation mit dem empfindsamen Körper zueinanderzufinden. Ein unausgesprochenes Plädoyer an die Zuschauer*innen, Mitgefühl zu spüren, Verletzlichkeit zuzulassen, die Evidenz des Körpers zu erkennen, eines Körpers, der auch ihr eigener Körper ist.

Eiskunstläufer Hendrickx wollte sich nicht in Sotschi outen

TEDDY Award

Das sind die ersten Anwärter auf den TEDDY Award