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«Das Leben als Escort ist stressig»

Foto: Barbara Hess, Model: Timon Friedli, Styling: Mimmi Schöldström Stucki

Fünf Jahre ist es nun her, seit der Autor Oliver Demont «Männer kaufen» veröffentlichte – ein Buch, das die Männerprostitution in der Limmatstadt beleuchtet. Spätestens seit Erscheinen dieses Buches ist es ein offenes Geheimnis: Der «Predigerhof» im Zürcher Niederdorf ist eines jener Lokale, in denen sich Sexarbeiter und Freier begegnen. Markus Stehle und Greg Zwygart verbrachten je einen Abend in der Bar, um Escorts zu treffen und sich mit ihnen über deren Beruf zu unterhalten. Was sie dabei erfuhren, schildern sie in ihren Erfahrungsberichten.

Alexi
In meiner Vorstellung war alles ganz einfach: Ich würde in den «Predigerhof» hineinspazieren, auf einen der jungen Männer zugehen und ihn fragen, ob ich ihn interviewen dürfte. Offen und direkt, kein Problem. Jetzt sitze ich an der Bar des Lokals, und mein Mut hat mich verlassen. Es ist kurz vor 22 Uhr, an einem Mittwochabend Anfang März. Der Predigerhof ist relativ gut gefüllt: In der Mitte des Raums zu meiner Linken steht ein grosser, ovaler Tisch, um den zehn Männer stehen und sitzen. Die meisten von ihnen sind jung, schlank und tragen modische Kleidung, ich schätze sie auf Anfang bis Mitte zwanzig. Einige von ihnen sprechen am einen Ende des Tisches mit drei Männern mittleren Alters, vor allen steht ein Bier oder ein Longdrink. Es wird gelacht, ab und an fällt ein Spruch, gelegentlich bleibt eine Hand auf einem fremden Knie oder Arm liegen.

Am anderen Ende der Tafel sitzt ein zweites Grüppchen junger Männer, drei an der Zahl. Manchmal lassen sie ihren Blick durch den Raum schweifen, meistens aber unterhalten sie sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe, und schauen dabei auf ihre Smartphones. Rechts von mir an der Bar noch einmal drei Männer, alle etwas älter, und schliesslich, alleine an einem Tischchen, sitzt ein einzelner Gast, der ebenfalls mit seinem Handy beschäftigt ist. Dann betritt jemand die Bar, der Neuankömmling wird mit Küsschen, einer Umarmung oder einem kurzen Satz von den anderen begrüsst. Die Stimmung ist relativ locker, die meisten hier scheinen sich zu kennen.

***

Was mich betrifft, so fühle ich mich etwas verloren. Mit der einen Hand umklammere ich mein Telefon, in der anderen Hand halte ich ein Bier, das ich schneller trinke als gewöhnlich. Es fällt mir nicht leicht, auf einen der jungen Männer zuzugehen. Was soll ich schon sagen? «Hallo, du bist doch sicher ein Stricher – darf ich dir ein paar Fragen stellen?» Doch dann löst sich das Problem von selbst, als neben mir plötzlich ein Mann erscheint. Er trägt Bart, ein Baseball-Cap, Jeans und T-Shirt, lächelt mich freundlich an und fragt mich nach meinem Namen. Und was ich denn hier wolle – Sex, vielleicht? Eigentlich, antworte ich, würde ich lieber mit ihm über seine Arbeit und sein Leben hier in der Schweiz sprechen. Für einen kurzen Moment hält er inne, dann meint er: «Kein Problem». Und so setzen wir uns in eine ruhige Ecke und beginnen, miteinander zu reden.

Alexi* stammt aus Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Er ist 33-jährig und seit Januar in der Schweiz. Sein Deutsch ist etwas gebrochen, dennoch kann man sich gut mit ihm unterhalten. «Die Sprache habe ich erst zu lernen begonnen, als ich hier ankam», sagt er. Auf meinen überraschten Gesichtsausdruck hin lächelt er und meint, er lerne schnell. «Ich lüge nicht, ganz ehrlich.» Noch im Verlauf des Monats wird Alexi in die Heimat zurückkehren – ja, er sei als Tourist hier –, doch bereits im April will er erneut in die Schweiz reisen und weiterhin nach einem Job in einem Restaurant Ausschau halten. «Ich bin gelernter Koch», sagt Alexi. «Mit der Stellensuche hat es noch nicht geklappt, deshalb arbeite ich als Escort.»

Die Frage, ob er schwul sei, bejaht er. Das ist insofern nicht selbstverständlich, als gelegentlich auch heterosexuelle Männer auf dem Schwulenstrich anschaffen. «Diejenigen Escorts, die ich kenne, sind alle gay», erklärt Alexi, und er kennt viele. Sie stammen aus aller Herren Länder, Brasilien, Marokko, Kolumbien oder der Türkei. Freundschaftlich verbunden ist er dabei mit keinem. «Wir begrüssen uns, halten einen kurzen Smalltalk – das wär’s dann, alles sehr oberflächlich.» Ob die Konkurrenz unter den Escorts gross sei, will ich wissen. «Für mich nicht – ich habe einen grossen Schwanz, das hilft», sagt Alexi lachend – und hält mir zum Beweis sogleich ein Bild unter die Nase, das den Wahrheitsgehalt seiner Aussage bestätigt.

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Ich spreche ihn auf seine Kunden an. Er habe «vielleicht fünf pro Woche», so Alexi, manchmal aber auch weniger. Er empfängt sie in seinem Hotelzimmer, das er ganz in der Nähe des Predigerhofs mietet. Kostenpunkt für die Unterkunft: 100 Franken pro Nacht. «Der Geschäftsführer des Hotels weiss, was ich mache. Er bereitet mir keine Schwierigkeiten.» Im Gegenteil, der Manager sei ein netter Typ, der ihm ab und zu auch einen Kaffee spendiere. Und wie sehen Alexis Bedingungen aus? «Für eine Stunde verlange ich 300 Franken. Das beinhaltet Massage, blasen, ficken und spritzen».

Er erklärt, dass er beim Analverkehr ausschliesslich den aktiven Part übernehme, und stellt eines sofort klar: «Ich mache es nur mit Kondom.» Zwar würden sich viele potenzielle Freier dahingehend erkundigen, ob er auch ungeschützt mit ihnen schlafe. Für Alexi kommt das aber nicht in Frage. «Soll ich für ein paar hundert Franken das Risiko eingehen, krank zu werden?!» Das lohne sich nicht. «Meistens sagen sie dann, sie seien sauber – aber das glaube ich nicht», fährt er fort. Und fügt an, dass ihm aufgrund seiner Einstellung viel Geld entginge. «Wenn ich ihnen klarmache, dass ohne Kondom nichts läuft, verlieren viele das Interesse und gehen.»

[perfectpullquote align=“full“ bordertop=“false“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Viele potenzielle Freier erkundigen sich dahingehend, ob er auch ungeschützt mit ihnen schlafe.»[/perfectpullquote]

Seine Kundschaft besteht mehrheitlich aus bi- oder homosexuellen Männern, «viele von ihnen haben zuhause Frau und Kinder», so Alexi. «Es geht ihnen nicht immer nur um Sex, zum Teil wollen sie einfach reden.» Worüber denn, frage ich. «Immer dasselbe», lautet die Antwort. «Sie beklagen sich über ihren Job, über ihre Familien – was soll ich dazu schon sagen, ausser, dass es mir Leid tut?» Die meisten Kunden seien nett und respektvoll, Gewalt habe er noch nie erlebt, versichert er. Dennoch wird schnell klar, dass seine Arbeit eine Belastung für ihn darstellt. «Es ist katastrophal», sagt er, und macht eine spontane Handbewegung Richtung Bar, wo ein paar ältere Männer stehen. «Manchmal entsprechen die Kunden zwar durchaus meinem Typ, dann ist es okay.» Schlimm sei es aber, wenn eine «alte, stinkende Person» zu ihm komme. Ausserdem, führt er aus, sei er schon zweimal um sein Geld geprellt worden. «Einer ist nach dem Ficken einfach verschwunden, ohne zu bezahlen.» Der andere erzählte ihm, er müsse schnell zum Bankomaten, und kam nicht zurück. «Was will ich machen?», sagt Alexi und zuckt mit den Schultern.

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Zigarettenpause, wir gehen nach draussen. Wie wir vor der Bar stehen, weist Alexi mit dem Kopf quer über die Strasse zum Zähringerplatz, wo eine Treppe zum überdachten Eingang der Zürcher Zentralbibliothek hochführt. «Dort habe ich schon geschlafen», erzählt er. Ich bin schockiert, woraufhin er erklärt, nun ja, er habe schon zweimal den Zimmerschlüssel verloren, und im Hotel sei die Rezeption nach 22 Uhr nicht mehr besetzt. «Dann habe ich die Nacht eben draussen verbracht.» In der Januarkälte, während Schnee fiel. Erneut zuckt Alexi mit den Schultern und meint, das sei kein Problem, «ich bin ein starker Mann». Und überhaupt – er kenne die Misere, habe schon vieles gesehen. «Das ist das Leben eines Escorts, verstehst du? Wenn die Kunden ausbleiben, dann hast du kein Geld.» So einfach sei das. «Ich weiss, was es heisst, hungrig zu sein.» Auf die Frage, was und wo er denn jeweils esse, antwortet er mit «Döner und Eistee». Die Tatsache, dass Alexi womöglich seit Wochen keine selbstgekochte Mahlzeit mehr zu sich genommen hat, hebt meine Stimmung nicht gerade, um es milde auszudrücken.

Zurück am Tisch. Alexi erzählt, wie er seine Kunden akquiriert. «Das Meiste findet online statt, auf PlanetRomeo zum Beispiel. Das funktioniert am besten.» In seinen Profilen gibt er sich klar als Escort zu erkennen. «So wissen die Leute von Anfang an, was Sache ist.» Alexi verbringt viel Zeit auf den Apps, schreibt mit potenziellen Kunden hin und her. Allzu hoch ist die Erfolgsquote nicht, «die meisten wollen dann doch nicht», meint er. Noch schwieriger sei es, die Freier im direkten Kontakt in der Bar anzuwerben.

[perfectpullquote align=“full“ bordertop=“false“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Fast jeden Tag muss ich mich fragen, ob genug Geld da ist, um das Hotel zu bezahlen, um Essen zu kaufen.»[/perfectpullquote]

Viele würden mit den Escorts reden, etwas trinken, zum Teil stundenlang. «Doch plötzlich heisst es, sie seien müde. Sie gehen, du selbst kannst nichts machen.» Alexi sagt es ganz unverblümt: «Escort zu sein bedeutet Stress für mich – fast jeden Tag muss ich mich fragen, ob genug Geld da ist, um das Hotel zu bezahlen, um Essen zu kaufen.» Er verdiene nicht sehr viel, «aber immer noch mehr als in Bulgarien», wie er klarstellt. In seiner Heimat arbeitet er bereits seit acht Jahren als Escort, nun geht er dieser Tätigkeit zum ersten Mal im Ausland nach. «Zuhause bin ich gelassener, weniger nervös», sagt er. «Aber ich habe dort einfach zu wenig Einkommen.» Anstrengend sind für Alexi nicht nur die finanziellen Sorgen, auch das Fehlen sozialer Kontakte setzt ihm zu. Er hat «eigentlich keine Freunde hier», wie er sagt, und so verbringt er den Grossteil seiner Tage im Hotelzimmer, für Ausflüge fehlt schlicht das Geld. «Die ganze Zeit im Zimmer – das ist scheisse.»

***

Schliesslich kommen wir auf seine Familie zu sprechen. Vor dieser hält Alexi geheim, dass er als Escort arbeitet. «Ich sage einfach, dass ich im Restaurant eine Stelle habe.» Auch dass er schwul ist, wissen seine Verwandten nicht. Alexi lebt alleine in Sofia, einen Freund hat er nicht. Warum er nicht out sei? Nun, so genau könne er das nicht sagen. Seine Familie hätte zwar keine Probleme mit Schwulen, meint er, und wirkt dabei noch nachdenklicher als zuvor. Trotzdem, er könne die Reaktionen nicht abschätzen. «Meine Mutter, zum Beispiel … vielleicht wäre sie traurig oder wütend». Ob ich ihn fragen dürfe, wovon er träumt? «Ich will einfach ein ruhiges Leben führen können», antwortet Alexi. «Und eine Person finden, die ich wirklich liebe.» Auch Kinder hätte er gerne. «Wenn ich gestorben bin, soll in ihnen weiterleben, was ich ihnen beigebracht habe.»

Ich danke Alexi für das offene Gespräch und beginne, meine Sachen zu packen. Dabei merke ich, dass mir die Unterhaltung von eben ziemlich nahe geht. In den letzten eineinhalb Stunden sass mir ein ausgesprochen sympathischer und reflektierter Mann gegenüber, der äusserlich stark, gleichzeitig aber sanftmütig und verletzlich wirkt. Für mich erhielten Worte wie «Sexarbeiter» oder der bisweilen salopp und abschätzig dahingesagte Ausdruck «Stricher» ein Gesicht an diesem Abend, sie wurden menschlich. Zu erfahren, welche Schicksale sich hinter diesen Begriffen mitunter verbergen, hat mich – um ganz ehrlich zu sein – betroffen gemacht. Wir stehen auf und treten in die Nacht hinaus. «Ich muss da lang», sagt Alexi, lächelt und zeigt Richtung Limmat. Wir verabschieden uns mit einer kurzen Umarmung, dann geht jeder seines Weges.

Text: Markus Stehle

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