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Kahl – egal?

Ich war Mitte 20, als der Haarausfall einsetzte. Damals trug ich schulterlanges Haar, das ich mit den zaghaften Ansätzen eines Bartes kombinierte. Ich fühlte mich angenehm unangepasst, ein bisschen wild, ein klein wenig rebellisch. Nicht selten sprachen mich auf der Strasse wildfremde Leute an und teilten mir mit, ich sähe aus wie ein moderner Jesus. Das gefiel mir, ich fühlte mich geschmeichelt. Überhaupt, ich liebte meine Haare! Zeitlebens hatte ich Komplimente dafür erhalten, besonders im Sommer, wenn sich der Schopf ins Goldblond verfärbte. Jahrelang war ich selig, schwebte unbeschwert im Haarhimmel.

Umso schockierender, als irgendwann ungewohnt viele Haare auf dem Kopfkissen liegen und in der Bürste hängen blieben. Es war ein schleichender Prozess, und über Monate war ich der Einzige, dem der Haarschwund auffiel. Dieser äusserte sich darin, dass sich langsam Geheimratsecken bildeten und die Haare am Stirnansatz dünner und brüchiger wurden. Ich realisierte: Früher oder später würde ich das Leben mit einer Glatze bestreiten. Diese Erkenntnis war niederschmetternd, eine Welt brach zusammen. Mir war, als dresche jemand mit einem Vorschlaghammer auf mein Selbstvertrauen ein.

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Emotionale Last
Ähnliches empfinden viele Männer, denen dieses Schicksal widerfährt. Dies zeigen mir nicht nur Gespräche mit Freunden, die unfreiwillig Haare lassen. Auch verschiedene Studien belegen, dass Haarausfall aufs männliche Gemüt schlägt. Vor vier Jahren ergab eine Untersuchung der Charité-Universitätsmedizin in Berlin, dass Haarverlust für Männer eine «enorme emotionale Last» darstellt und zu einer Minderung des Selbstwertgefühls führen kann. Zum gleichen Resultat kam eine multinationale Umfrage, die von Expert_innen verschiedener europäischer Universitäten durchgeführt und in der Fachzeitschrift «Current Medical Research and Opinion» veröffentlicht wurde.

[perfectpullquote align="full" bordertop="false" cite="" link="" color="" class="" size=""]«Früher oder später würde ich das Leben mit einer Glatze bestreiten. Diese Erkenntnis war niederschmetternd, eine Welt brach zusammen.»[/perfectpullquote]

[/perfectpullquote]eam interviewte 1536 Männer zwischen 18 und 45 in britischen, deutschen, französischen, italienischen und spanischen Grossstädten. Dabei gaben knapp 50 Prozent der Befragten an, dass sie Haare verlören. Von den Betroffenen meinten wiederum mehr als 70 Prozent, dass Haare ein wichtiges Merkmal ihres Erscheinungsbildes darstellten, während 62 Prozent die Ansicht vertraten, der Haarausfall ziehe ihr Selbstvertrauen in Mitleidenschaft. Bei jedem Fünften ging das Ausfallen der Haarpracht sogar mit depressiven Verstimmungen einher.

Eine «stille Epidemie»
«Es ist deprimierend, seine Haare zu verlieren» – so lautet denn auch der Titel eines Artikels, den Paul Willis für die Zeitschrift Vice verfasste. Zahlreiche Untersuchungen zeigten, dass haarlose Männer als weniger attraktiv empfunden würden, schreibt Willis. «So überrascht es kaum, dass der Verlust des Kopfhaares für Männer eine schmerzhafte Erfahrung sein kann.» Und für Spencer Corben steht fest: «Haarausfall ist die Achillesferse des Mannes.» Der US-Amerikaner muss es wissen: Zum einen moderiert er seit über sechzehn Jahren die Radioshow «The Bald Truth» («die kahle Wahrheit»). Diese widmet sich neben den verschiedensten Fragen rund um Lifestyle und Sexualität vor allem auch dem Thema Haarausfall.

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Zum anderen hat Corben die «American Hair Loss Association» (AHLA) gegründet – eine Organisation, die sich einem ganz bestimmten Ziel verschrieben hat: Unter anderem will sie die «Öffentlichkeit, medizinisches Fachpersonal, die Mainstream-Medien und den Gesetzgeber über die emotional verheerenden Auswirkungen von Haarverlust informieren», wie die AHLA auf ihrer Website schreibt. Dabei bezeichnet sie die androgenetische Alopezie – dies der medizinische Fachausdruck für den erblich bedingten Haarausfall bei Männern – als eine «stille Epidemie».

Teil des Alterungsprozesses
Davon betroffen sind viele: Gemäss dem Dermatologen Pierre de Viragh, Leiter der Haarsprechstunde an der Universitäts­klinik Bern, ist Haarausfall bei Männern «sehr häufig» und Teil des natürlichen Alterungsprozesses. Jeder Fünfte sei in seinen Zwanzigern schon betroffen, jeder Dritte in den Dreissigern, und ab 40 trete die Alopezie in praktisch allen Fällen ein. «In diesem Alter gehören Geheimratsecken und eine Ausdünnung des Scheitels beinahe immer dazu», so de Viragh im Gespräch mit der Mannschaft.

Foto: Pascal Tripone

«Seltener Einblick in die männliche Seele»
Obwohl Haarausfall ein normales Phänomen der männlichen Lebensrealität darstellt, hadern die meisten damit. Das dürfte nicht zuletzt daher rühren, dass heute auch Männer einem strikten Schönheitsideal unterliegen. «Als mein Vater noch jünger war, musste ein Chef nur wie ein Chef aussehen – und dicke, kahle Chefs waren damals die stereotype Norm», schreibt Jessica Machado auf thecut.com. Für die neuen Generationen von Männern gälten nun aber andere Standards.

«Studien zeigen, dass sich Männer heutzutage sehr viel mehr Gedanken über Glatzen, Bierbäuche und schlaffe Brustmuskeln machen als ihre Gross- und Urgrossväter.» Dass die Aussicht auf Glatze den Männern Sorgenfalten auf die Stirn treibt, findet Jessica Machado «spannend». Nicht, weil «ich die Ängste der Betroffenen weiter schüren will», stellt Machado klar. «Schliesslich weiss ich als Frau nur allzu gut, wie es sich anfühlt, von anderen kritisch angeschaut und beurteilt zu werden.» Vielmehr sei es faszinierend, für einmal einen Einblick in die Unsicherheiten und die Verletzlichkeit einer ganzen Generation von Männern zu erhalten.

«Ertrag das gefälligst!»
Offen über diese Sorgen zu sprechen, fällt den meisten schwer. «Die Gesellschaft verbietet es den Männern, ihr Unwohlsein mit ihrem Aussehen auszudrücken», sagt Spencer Kobren im Magazin Vice. Vielmehr werde vom Mann erwartet, dass er über solchen Dingen stehe und Bemerkungen zu seiner Optik stoisch ertragen könne. Ganz besonders – so scheint es – hat er mit Äusserungen zu seinem Haarausfall klarzukommen. Die meisten haben wohl schon miterlebt, wie Männer mit Sprüchen zu ihrem lichter werdenden Schopf konfrontiert werden. Der Tonfall der Kommentare reicht dabei von besorgt über erstaunt hin zu höhnisch-spöttisch.

[perfectpullquote align="f[perfectpullquote align="full" bordertop="false" cite="" link="" color="" class="" size=""]e starke symbolische Bedeutung, stehen für Jugendlichkeit und Stärke.»[/[/perfectpullquote]em>

Spencer Kobren bezeichne[/[/perfectpullquote]ezie denn auch als «letzte Bastion der politischen Inkorrektheit». «Kaum einer würde zu jemandem hingehen und die Person auf ihre Gewichtszunahme ansprechen», so Kobren. Demgegenüber gehe es völlig in Ordnung, wenn man zu einem Typen marschiere und sage: «Nun schau sich das einer an! Es sieht so aus, als ob du deine Haare verlierst!?» Gerade auch für die Medien ist der Haarausfall berühmter Männer ein gefundenes Fressen. Wer bei Google die Stichwörter «Prince William» und «Hair» eingibt, erhält knapp vier Millionen Suchergebnisse – eine Flut von Artikeln, die sich der schwindenden Haarpracht des britischen Adligen widmet. Ersetzt man deren Namen mit jenem von Schauspieler Jude Law, erhält man gar zehn Millionen solcher Einträge.

Starke Symbolik
Dass Haare für uns Menschen so wichtig sind, ist eine «historische Tatsache», wie Dermatologe Pierre de Viragh erklärt. «Haare haben seit jeher eine starke symbolische Bedeutung, stehen für Jugendlichkeit und Stärke.» So war zum Bespiel schon die unbezwingbare Körperkraft des alttestamentarischen Helden Samson untrennbar mit seinem Haupthaar verknüpft. Um ihn besiegen zu können, schoren ihm seine Gegner im Schlaf den Kopf. Erst als das Haar wieder nachgewachsen war, gewann er seine Kraft noch einmal zurück. Des Weiteren wird etwa die Zwangsrasur in vielen Kulturkreisen als Mittel der Demütigung eingesetzt. Die Nazis benutzten «das Schneiden von Haaren, um Menschen auf die empfindlichste Art zu erniedrigen», schreibt Redakteurin Claudia Becker auf welt.de. «Im Warschauer Getto machten sich SS-Männer einen Spass daraus, orthodoxen Juden die Schläfenlocke abzuschneiden.» Und nach dem Zweiten Weltkrieg habe man in Frankreich die «Frauen, die mit deutschen Soldaten ein Verhältnis hatten, durch das Scheren des Kopfes bestraft und kahlköpfig unter dem Gespött der Leute durch die Strassen gehetzt».

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