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«Man darf als schwules Paar heiraten, wird aber auf der Strasse verprügelt»

Zu Besuch in der LGBTIQ-Notunterkunft «Casa Ruby» in Washigton D.C.

Diskriminierung, Gewalt, Arbeitslosigkeit, Vergewaltigung und Obdachlosigkeit: Die Probleme der LGBTIQ-Community in den von Armut geprägten Aussenquartieren von Washington, D. C. hat Ruby Corado am eigenen Leib miterlebt. Um anderen in derselben Situation zu helfen, hat sie vor fünf Jahren die Anlaufstelle und Notunterkunft «Casa Ruby» eröffnet.

Ruby ist spät dran, aber das Tagesgeschäft im «Casa Ruby» läuft auch ohne die Gründerin wie am Schnürchen. Eine füllige Dame am Empfang stellt sicher, dass Gäste ihre Ankunftszeit und den Grund für ihren Besuch im aufgeschlagenen Ringordner festhalten. Auf einem Tisch gibts typisch amerikanische Süssigkeiten wie Donuts und weiteres, mit Zucker glasiertes Gebäck. Ein Gast surft am Gemeinschaftscomputer im Internet, eine junge Transfrau aktualisiert auf dem Whiteboard das Wochenprogramm und andere schauen den Zeichentrickfilm «Aladdin», der leise im Hintergrund läuft. An den Wänden zeugen farbige Zeichnungen von wiedergefundener Lebensfreude, daneben hängt ein Poster mit klaren Verhaltensregeln für das Casa Ruby.

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Das Erdgeschoss des dreistöckigen Hauses dient als Aufenthalts- und Unterrichtsraum. In Kürze findet hier ein Workshop zur Bewältigung von Traumata statt, zuerst auf Spanisch – der Muttersprache der meisten Personen, die in diesem Aussenquartier der Stadt wohnen –, danach auf Englisch. Thematisiert wird der Umgang mit häuslicher Gewalt, aber auch Gewalt auf der Strasse, sei es durch die Polizei oder Gangs, sei es durch Schläger oder Freier. In den oberen zwei Etagen stehen Bedürftigen bis zu 40 Betten zur Verfügung, die sie täglich ab 18 Uhr in Anspruch nehmen können. Bedarf besteht aus den unterschiedlichsten Gründen: Eltern, die ihr LGBT-Kind aus dem Haus werfen. Der Verlust des Jobs oder der Wohnung aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Geschlechts­identität. Sex­arbeitende, die aus dem Gefängnis entlassen werden und keine Bleibe mehr haben. Oder eben Opfer von häuslicher Gewalt.

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«Casa Ruby» bietet der LGBT-Community einen sicheren Raum, Workshops, eine Kleidertauschbörse, kostenlose Rechtsberatung und bis zu 40 Betten als Notschlafstelle. (Foto: Greg Zwygart)

Die Betten sind als Notschlafstelle gedacht. Für obdachlose Menschen auf der Suche nach einer langfristigen Unterkunft, darunter viele LGBT-Jugendliche, betreibt Casa Ruby ein Programm zur Vermittlung von vergünstigtem oder subventioniertem Wohnen. Auf der Warteliste stehen gegenwärtig über 100 Personen. Die Einrichtung bietet Hilfesuchenden zudem eine warme Mahlzeit pro Tag, eine Kleidertauschbörse sowie kostenlose Beratungen zu Migrations- und strafrechtlichen Fragen.

Vor dem Bürgerkrieg geflohen
Ruby kann ihr Haus nicht unbemerkt betreten. Die Anwesenden grüssen sie herzlich, einige nennen sie zärtlich «Mama Ruby». Die gebürtige Salvadorianerin kennt alle beim Namen und nimmt sich Zeit, jeden einzelnen und jede einzelne zu umarmen und mit ihnen einige Worte zu wechseln. Die junge Transfrau am Whiteboard erzählt aufgeregt von der ersten Hormonspritze, die sie gestern erhalten und ihr ein schmerzendes Bein beschert habe. Ruby nimmt sie in den Arm und rät ihr: «Darum spritze ich mir die Hormone immer in den Oberarm!»

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Die 46-Jährige kennt die Bedürfnisse der Community. Sie fühlt sich mit jeder Person verbunden, die einen Fuss in ihr Haus setzt, weil sie ihr Leiden selbst in irgendeiner Form bereits durchgemacht hat. In ihrer Jugend in El Salvador wurde sie – damals noch ein feminin auftretender Knabe – von ihren Mitschülern auf der Toilette geplagt, oft auch mit Gewalt. Als der Bürgerkrieg Ende der Achtzigerjahre immer brutalere Formen annahm, wurde sie von ihrem Vater in die USA geschickt. Hier lebte sie bei einer illegal eingewanderten Familie, die ihr Geld mit Menschenschmuggel verdiente, und arbeitete ihre Schuld als Haushaltshilfe ab. Sie floh, als sich das Familienoberhaupt an ihr vergehen wollte.

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Liebe und Respekt gehören zu den Grundregeln im «Casa Ruby». (Foto: Greg Zwygart)

Stets als «gay» beschimpft, schlug Ruby den Begriff im Wörterbuch nach. Er wurde in erster Linie als «glücklich» definiert. Doch als schwuler Mann fühlte sie sich nicht glücklich, im Gegenteil. Erst als sie Mitte der Neunzigerjahre eine Transfrau kennenlernte, wurde ihr klar, wer sie wirklich war. Die Transition zur Frau kostete sie den Job in einem Vermietungsbüro. Sie war mehrmals obdachlos, nahm die Couch bei Freunden in Anspruch oder schlief in einem Obdachlosenheim. Zusammen mit anderen Transfrauen kaufte sie Hormone auf dem Schwarzmarkt, spritzte sich gefährliches Silikon in den Körper, um sich so die erhofften Rundungen zu verschaffen, und prostituierte sich. 1995 erfuhr sie, dass sie HIV-positiv war.

Prekäre Lage für Transfrauen
Im selben Jahr starb eine von Rubys Freundinnen an den Folgen eines Autounfalls, nachdem sich das Personal in der Notaufnahme geweigert hatte, die Transfrau zu behandeln. Schockiert über die Stigmatisierung vieler Transfrauen beschloss Ruby, sich zu engagieren. Sie leistete Freiwilligendienst als Präventionsarbeiterin in einer lokalen Klinik für sexuelle Gesundheit und als Hilfskraft im Hospiz der Missionarinnen der Nächsten­liebe, das von Mutter Theresa gegründet wurde. Hier wurden im Sterben liegende Krebs- und AIDS-Patient_innen von den Nonnen in ihren letzten Stunden begleitet. «Diesen Menschen waren Geld, Status und materielle Dinge egal», erinnert sie sich. Sie sah den Nonnen zu, wie sie die Patient_innen umarmten. «Sie wollten nur etwas Liebe erfahren. Und das haben die Nonnen ihnen gegeben.»

Ich habe früh realisiert, dass die Gesellschaft gewisse Gruppen als weniger wünschenswert erachtet.

Ruby blühte in ihrer Arbeit auf und gründete gemeinsam mit anderen engagierten Menschen die Organisation «D.C. Trans Coalition». «Ich habe früh realisiert, dass die Gesellschaft gewisse Gruppen als weniger wünschenswert erachtet und diese an den Rand drängt, darunter LGBT-Menschen, Sexarbeiter_innen und Migrant_innen», sagt sie. «Der Grund ist, dass Menschen nichts über uns wissen. Deshalb war mein erstes Ziel, Menschen aufzuklären. Ihnen zu sagen, dass Menschen Liebe verdienen, auch wenn sie anders sind.»

2003 wurde eine gute Freundin Rubys von einem Freier erschossen, nachdem dieser nach dem Sex erfahren hatte, dass sie eine Transfrau war. Der Mord war nur einer von vielen in einer Welle von Hassdelikten gegenüber Transfrauen in Washington, D. C.

Ruby Cordado hat Gewalt sowie Arbeits- und Obdachlosigkeit erlebt. Mit «Casa Ruby» will sie der LGBT-Community in Washington, D. C. etwas zurückgeben. (Foto: Greg Zwygart)

Rubys wahrer Tiefpunkt kam allerdings 2008, als ihr damaliger Freund sie während mehreren Stunden zusammenschlug und vergewaltigte. Auslöser dafür war seine Frage gewesen, ob sie mit ihm zusammenziehe wolle. Sie hatte verneint. Der Vorfall wurde gemeldet, und beide landeten im Gefängnis. Obwohl Ruby bekräftigte, dass sie eine Frau sei, musste sie sich in einer «demütigenden Prozedur vor dem Gefängnispersonal ausziehen». Aufgrund ihrer äusserlichen Geschlechtsorgane steckte man sie in ein Männergefängnis.

Als sie am nächsten Tag entlassen wurde, hatte die Erfahrung bereits grosse psychische Schäden angerichtet. Ruby fiel in einen Teufelskreis aus Drogen, Depressionen und Suizidgedanken. Drei Jahre später liess sie sich in eine Klinik einweisen. «Was werden wir ohne dich tun?», wurde sie von Mitgliedern der Community gefragt, die sie täglich besuchten. Da wurde Ruby klar, dass sich etwas ändern musste, wenn sie nicht «wie andere Transfrauen auf der Strasse enden» wollte.

Eine starke Community im Rücken
Mit einem Scheck über 12 000 US-Dollar, den Ruby für ihren Arbeitsausfall erhalten hatte, eröffnete sie 2012 das Casa Ruby, damals nur im Erdgeschoss. Für eine Miete von monatlich 1500 US-Dollar sollte so den bedürftigsten Mitgliedern der LGBT-Community ein sicherer Unterschlupf geboten werden. Heute verwaltet die Einrichtung ein Budget von 1,3 Millionen US-Dollar und ist die grösste Notunterkunft für LGBT-Menschen in Washington, D.C. Ende Oktober konnte im Vorort Langley Park eine Niederlassung eröffnet werden, die auf die Prävention von Geschlechtskrankheiten spezialisiert ist. Ein weiteres Haus mit sechzig Betten ist in Planung. Ein Grossteil der Gelder kommt über Spenden und über Beiträge des US-amerikanischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention zusammen. Längst nicht alle Hilfesuchenden sind lesbisch, schwul, bisexuell oder trans – auch heterosexuelle Cis-Menschen suchen das Casa Ruby auf, wo sie stets mit offenen Armen empfangen werden. «Wir selbst wurden vor Jahren von den grossen Einrichtungen abgewiesen, weil wir nicht heterosexuell oder cis waren», sagt Ruby. «Wir nehmen alle auf und akzeptieren sie so, wie sie sind.»

Liebe, Aufklärung und Stärke durch Einheit sind nach wie vor die Eckpfeiler von Rubys Arbeit und der Schlüssel ihres Erfolgs. Wie die Nonnen, die im Hospiz die sterbenden Patient_innen begleiteten, begegnen Ruby und ihr Personal den Hilfesuchenden mit viel Liebe und Verständnis. Mit Aufklärung wollen sie gegen Hass und Intoleranz vorgehen. «Eltern glauben, ein homosexuelles oder transgeschlechtliches Kind zu haben, sei etwas Falsches, weil das ihnen von der Gesellschaft eingetrichtert wird», sagt sie. «Statt ihr Kind zu lieben, wie es ist, versuchen die Eltern, es zu ‹reparieren›. Sie traumatisieren es. So wird ein Elternhaus schnell zur Hölle auf Erden.»

Ich kenne Millionäre, die ihr Kind vor meiner Türe abgesetzt haben, damit ich es wieder ‹repariere›.

Ein Grossteil der Hilfesuchenden im Casa Ruby stammt aus einem latino-afroamerikanischen Umfeld. Das soll nicht heissen, dass nur diese Kreise von Gewalt und Obdachlosigkeit betroffen sind. «Hass kennt keine Hautfarbe und keine soziale Klasse», sagt Ruby. Diese Gesellschaftsschichten seien allerdings besonders von Armut und Arbeits­losigkeit betroffen, da stelle die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität eine zusätzliche Hürde dar, die man überwinden müsse. «Ich kenne Millionäre, gut verdienende Ärzte, die ihr Kind vor meiner Türe abgesetzt haben, damit ich es wieder ‹repariere›.»

Das Klima des Hasses und der Intoleranz habe sich seit dem Amtsantritt von Donald Trump weiter verschlechtert. Ruby erhält laufend Drohungen und Hassbriefe über ihre Kanäle in den sozialen Medien. «Man darf heiraten, wen man will, kann aber als schwules Paar in den Strassen zusammengeschlagen werden», sagt Ruby. «Wir dürfen Kinder adoptieren, aber hasserfüllte Menschen kommen in dein Haus und zerstören alles, was dir gehört.»

Wir nehmen alle auf und akzeptieren sie so, wie sie sind.

Im März warf ein Mann einen Ziegelstein durch das Fenster des Casa Ruby und attackierte eine Transperson – es war der dritte Vorfall von Vandalismus innerhalb von zwei Wochen. Als Reaktion darauf sammelte eine Schwulenbar 17 000 US-Dollar, ein Crowdfunding brachte zusätzlich 15 000 US-Dollar aus dem ganzen Land ein. Dass die Community in solchen Momenten zusammenkommen und sich für eine Sache engagieren könne, berührt Ruby und bestätigt, dass ihre Strategie von Liebe und Aufklärung die richtige ist. Daran soll auch ein LGBT-feindlicher Präsident im Weissen Haus nichts ändern können.

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