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Michael Roth: „Man muss verfolgten Schwulen helfen!“

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Interview mit Michael Roth (Teil 2)

Wie viele sind denn mittlerweile nach Deutschland gekommen?
Bislang haben wir vier Tschetschenen bei uns durch ein humanitäres Visum aufgenommen. Anfragen für weitere Aufnahmen im Deutschland kenne ich nicht.

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Wenn wir auf Russland schauen: Die Fußball WM steht bevor, vor vier Jahren haben die Olympischen Winterspiele dort stattgefunden – in einem Land, das es verbietet, positiv über Homosexualität zu sprechen. Ist das nicht problematisch?
Angesichts der Tatsache, dass LGBTI in rund 80 Ländern der Welt strafrechtlich verfolgt werden, ist die Hoffnung, dass wir große Sport- oder Kulturereignisse nur in lupenreinen Demokratien mit einer offenen kritischen Zivilgesellschaft werden durchführen können, etwas naiv. Wir werden alleine mit Aufrufen zum Boykott nicht weiterkommen. Es ist unendlich wichtig, die Menschenrechtssituation in den Gastgeberländern zu thematisieren und darüber zu streiten. Aber wo kannst Du überhaupt noch ein internationales Sport- oder Kulturereignis stattfinden lassen? Es gibt in vielen wohlhabenen, demokratischen Ländern gar keine Akzeptanz mehr für solche Mega-Events, das hat man beim Hamburger Referendum gegen die Olympia-Bewerbung doch gesehen. Kritische Gesellschaften wollen das oft so nicht mehr mitmachen.

Homosexualität habe es in Afrika nie gegeben, es sei unafrikanisch. Unfassbar!

Immer wieder wird uns ja auch vorgeworfen, wir wollten einen westlich orientierten Lebensstil mit einer postkolonialistischen Arroganz exportieren. So ein Unsinn! Ich erinnere dann gerne daran, dass wir seit 1948 das Prinzip der Universalität der Menschenrechte verankert haben. Die Menschenrechtskonvention ist nicht nur im vermeintlichen Westen gültig, sondern in allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, also faktisch fast überall auf der Welt. Das erleben wir ja beispielsweise auch beim russischen Präsidenten, der immer wieder behauptet: Der eigentliche Verfechter europäischer Werte ist Russland. Der Westen hat diese traditionellen, christlichen Werte dekadent und einseitig umgedeutet zugunsten von sexuellen Minderheiten und Genderwahn. Das behauptet zumindest Herr Putin. Ähnliche Diskussionen führt man in manchen Ländern Afrikas, wo sich Politiker und Kirchenleute homophob äußern. Ihrer Auffassung nach hat der Westen Homosexualität importiert. So etwas habe es dort nie gegeben, es sei unafrikanisch. Unfassbar!

Dass Ankara im November ein generelles Verbot für LGBTI Events verhängt hat, wurde in Deutschland in vielen Medien thematisiert und auch von Ihnen kritisiert. Dass in Uganda Anfang Dezember mal wieder ein LGBTI Filmevent von der Polizei aufgelöst wurde, war hier kein Thema. Nicht in den Medien, aber auch von Ihnen hörte man da nichts.
Das ist das Drama einer krisengeschüttelten Welt, wo wir allzuoft den Blick nur auf die schlimmsten Ereignisse richten. Man versucht ein Problem zu lösen, schon kommt die nächste Krise. Manche eklatante Verletzungen der Menschenrechte bleiben eher im Schatten. Das gebe ich selbstkritisch zu. Man darf niemals die Augen verschließen. Das ist aber nicht nur eine Verpflichtung der Politik sondern auch der Medien. Darum brauchen wir weltweit selbstbewusste Zivilgesellschaften, mutige Menschenrechtsaktivistinnen und unabhängige Journalisten. Sie müssen uns immer wieder sensibilisieren und wach rütteln!

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Ganz andere Frage: Wie vertrauenerweckend und souverän wirken auf Sie erwachsene Frauen in Führungsposition, die Kraftausdrücke und Babysprache verwenden?
Ich mag authentische Politikerinnen und Politiker, die nicht nur die Phrasendreschmaschine bedienen, sondern aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Da geht auch manchmal eine Formulierung schief. Diese glatt geschmirgelten Statements sind doch gähnend langweilig und tragen zum Politikverdruss bei.

Sie würden also sagen, dass Frauen wie SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles – denn um sie geht es hier – und auch das übrige Führungspersonal in Ihrer Partei derzeit einen guten Job machen?
Wenn man in einer Partei Verantwortung trägt, die derart von den Wählerinnen und Wählern abgestraft wurde, ist man in einer verdammt schwierigen Lage. Man kann es wirklich nicht allen recht machen. Das erleben wir ja auch im Moment beim Ringen um Regierungsoptionen. Mein Partei braucht jetzt Mut und Selbstbewusstsein. Sonst kommt man aus diesem Keller nie wieder raus. Die Leute wollen doch nicht verzagte und ängstliche Menschen in der Arena stehen sehen. Die wollen von uns hören: Ja, es ist schwer, aber wir machen das. Und wir machen es möglichst besser als vorher. Hier braucht man ein gewisses Grundvertrauen. Da muss sich in der SPD noch einiges zurecht zurechtrücken, ich bin da auch noch nicht zufrieden. Wir haben die Erneuerung der SPD inhaltlich, organisatorisch und personell propagiert. Wir müssen spannender, bunter, authentischer, weiblicher werden. Das geht aber nicht in wenigen Wochen. Umso mehr freue ich mich darauf, dass ich jetzt als Mitglied unseres Parteivorstandes noch unmittelbarer meine Vorstellungen einbringen und am Gelingen dieser großen Aufgabe mitwirken kann.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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