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Homophobie im Fussball: Wie sich Vereine wegducken

In Dubai ist es schön warm. Der HSV hat Anfang des Jahres 2017 sein Winter-Trainingslager in der grössten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate aufgeschlagen. Kann man machen.

Der norwegische Fussball-Serienmeister Rosenborg Trondheim wollte im kommenden Januar auch dorthin, sagte das Trainingslager aber vor kurzem ab – wegen Fan-Protesten und massiver Kritik der Medien. Dabei ging es vor allem um die in Dubai übliche Kriminalisierung Homosexueller sowie den menschenverachtenden Umgang mit weiblichen Opfern sexueller Gewalttaten. Rosenborg-Sportchef Stig Inge Björnebye gab zu, man habe das Problem unterschätzt. Sowas nennt man Haltung. (So setzten britische Vereine kürzlich eine Woche lang ein deutliches Zeichen gegen Homophobie im Fussball.)

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Homophobie im Fußball
Fussballfans zeigen Flagge gegen Homophobie bei einem Spiel von Werder Bremen (Foto: Fussballfans gegen Homophobie)

Wir haben ein paar deutsche Bundesliga-Vereine gefragt, wo sie ihr Trainingslager aufschlagen und welche Rolle Menschenrechtsfragen bei der Wahl des Ortes spielen. Tabellenführer FC Bayern München zog es vor, nicht zu antworten. Nun, laut Homepage werden die Bayern ihr Trainingslager in Katar bestreiten. Dort ist Homosexualität bekanntlich verboten. In Katar findet im Jahr 2022 die Fussball-Weltmeisterschaft statt. Der ehemalige FIFA-Präsident Blatter forderte kurz nach der Vergabe homosexuelle Fans auf, aus Respekt vor dem Gastgeberland auf Sex während der WM zu verzichten. Es hagelte Kritik, Blatter entschuldigte sich.

Dortmund antwortet nicht, Frankfurt will sich nicht äussern
Auch Borussia Dortmund antwortete nicht auf unsere Anfrage. Die Homepage verrät: Die Herren fahren nach Marbella.

Eintracht Frankfurt liess uns wissen: „Wir möchten uns zu dem Thema nicht äussern“ Laut Homepage geht es nach Alicante. Auch der Hamburger SV bleibt diesmal in Europa: „Wir als HSV fahren im Januar ins spanische Jerez, um uns dort im Trainingslager auf die Rückrunde der Bundesliga vorzubereiten“, liess man uns wissen.

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Welche Verbesserungen erreicht Rosenborg Trondheim mit diesem Boykott für die Homosexuellen in Dubai?

Werder Bremen schrieb uns: „Wir fahren nach Spanien.“ Ausserdem hatte man eine Gegenfrage für uns parat: „Ist ein Boykott der richtige Weg? Welche Verbesserungen erreicht Rosenborg Trondheim mit diesem Boykott für die Homosexuellen in Dubai?“

Gute Frage. Wir haben uns für die Antwort „Kein Boykott ist auch keine Lösung“ entschieden. Fragten aber auch bei Bundesstiftung Magnus Hirschfeld nach, die gemeinsam mit der Universität Vechta die Initiative „Fussball für Vielfalt“ ins Leben gerufen hat. Der Vorstand Jörg Litwinschuh teilte uns mit:

Ich wünsche mir, dass der mächtige deutsche Fussballsport hier Regenbogenflagge zeigt

„Ich halte nicht viel von Boykotts oder -aufrufen. Ich glaube, dass dies den Menschen in den betroffenen Ländern nicht wirklich hilft. Ich hoffe, dass die Bundesliga und die Nationalmannschaft andere Zeichen setzen und ihre Einflussmöglichkeiten nutzen so wie der DFB z.B. in Zusammenarbeit mit Thomas Hitzlsperger. Zeichen der Akzeptanz von Vielfalt kann man auf unterschiedliche Art und Weise setzen. Ich wünsche mir, dass der mächtige deutsche Fussballsport hier Regenbogenflagge zeigt.“

Ein anderes Beispiel zeigt, dass viele Bundesliga-Verein kein Interesse haben, sich dem Problem Homophobie im Fussball zu stellen. Der FSV Zwickau ist so ein Verein. Der 27-jährige Davy Frick spielt dort. Frick hatte sich in der Partie gegen den Halleschen FC am 10. Dezember unsportlich verhalten: Der mit einer Gelb-Roten Karte bedachte Frick pöbelte beim Verlassen des Spielfeldes in Richtung der gegnerischen Bank: „Nur Schwuchtel hast du. Nur Schwuchtel“ (siehe Video ab Sek. 39). Nun muss der Drittligist aus Zwickau die ersten drei Pflichtspiele im neuen Jahr ohne Frick auskommen. Das Sportgericht des Deutschen Fussball-Bundes verurteilte den Spieler zu der Sperre.

Die Reaktion von Zwickaus Sportchef David Wagner – ein Musterbeispiel im Verharmlosen. Gegenüber BILD sagte Wagner: „Natürlich sagt man so etwas nicht in der Öffentlichkeit. Aber ich möchte mich auch vor den Jungen stellen. Auf dem Platz sind extrem viele Emotionen dabei.“

Problembewusstein sieht anders aus. Also fragten wir Frick für ein Interview an. In unserer Mail schrieben wir:

„Es soll in dem Interview nicht darum gehen, Herrn Frick an den Pranger zu stellen: Wir möchten gerne verstehen, warum ein Mensch ’schwul‘ oder ‚Schwuchtel‘ als Beleidigung versteht und diese Worte entsprechend benutzt. Wir möchten gerne wissen, ob Herr Frick jemals einem schwulen Mann oder einer lesbischen Frau begegnet ist und wie er sich vorstellt, wie Homosexuelle ticken und was sie von anderen, heterosexuellen Menschen unterscheidet. Uns interessiert, was Ihr Spieler für Vorstellungen davon hat, wie ein Mann im 21. Jahrhundert auszusehen und wie er sich zu verhalten hat. Wir helfen gerne dabei, etwaige Missverständnisse auszuräumen.“

Wir warten seit einer Woche auf eine Antwort. Vergeblich.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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