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Akzeptanz von Homosexuellen – mehr Schein als Sein?

Im Rahmen des Projekts «Comout» der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen-Appenzell (AHSGA) besuchen schwule und lesbische Personen Schulklassen der Real-, Sekundar- und Gymnasialstufe. Dabei vermitteln sie den Jugendlichen Basiswissen zu den Themen Homosexualität und Coming-out. Jährlich leisten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AHSGA über hundert Einsätze. Im letzten Jahr fanden fünfzehn dieser Besuche an einer Berufsschule in der Stadt St. Gallen statt. Nach der Unterrichtseinheit wurden die Schülerinnen und Schüler mittels Fragebogen zu ihrer Haltung und ihrem Wissen bezüglich Homosexualität befragt wurden. Jürg Bläuer, MSM Bereichsleiter bei der AHSGA, ordnet die Ergebnisse für uns ein.

Jürg, ganz allgemein gefragt: Wie beurteilst du die Resultate der Meinungs­erhebung?
Zuallererst muss betont werden, dass die Umfrage nicht repräsentativ war, sondern eine Momentaufnahme an dieser Schule darstellte. Nichtsdestotrotz gewannen wir spannende Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der jungen Menschen. Es zeigte sich eindeutig, dass die Männer anders eingestellt sind als die Frauen. Letztere reagieren insgesamt offener als ihre männlichen Klassenkameraden. Ausserdem ist klar ersichtlich, dass eine Diskrepanz besteht zwischen der Akzeptanz von Homosexuellen auf einer gesellschaftspolitischen Ebene und der tatsächlichen Akzeptanz der Homosexualität als solcher. So befürwortet zwar die Hälfte der Jungs die rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Sex zwischen zwei Männern halten aber nur 37 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen für gleichermassen in Ordnung wie Sex zwischen einem Mann und einer Frau.

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Es existiert also ein Spannungsfeld zwischen der abstrakten Idee von Homosexualität und der konkreten Vorstellung von zwei Männern oder zwei Frauen, die zusammen sind. Wieso?
Ich glaube, das ist Ausdruck einer vorherrschenden Scheintoleranz. Zumindest nach aussen vertreten unterdessen viele die Ansicht, Schwule und Lesben sollten über dieselben Rechte verfügen wie die Heterosexuellen. Wenn die Menschen aber konkret mit dem Thema konfrontiert werden, kommen dem einen oder der anderen doch noch moralische und religiöse Wertvorstellungen in die Quere. Eine rational hergeleitete Befürwortung der rechtlichen Gleichstellung steht bisweilen einer gefühlten Ablehnung gegenüber.

[perfectpullquote align="left" bordertop="false" cite="" link="" color="" class="" size=""]«Die Jungs sehen die männliche Homosexualität als Bedrohung ihrer eigenen Männlichkeit. Schwulsein passt nicht in ihr Bild vom ‹richtigen› Mann.»[/perfectpullquote]

[/perfectpullquote]em wird die weibliche Homosexualität sowohl von den Frauen als auch von den Männern als «normaler» betrachtet. Wie lässt sich das erklären?
Die Jungs sehen die männliche Homosexualität als Bedrohung ihrer eigenen Männlichkeit. Schwulsein passt nicht in ihr Bild vom «richtigen» Mann. Demgegenüber haben sie mit der weiblichen Homosexualität viel weniger Probleme. Sie geht ihnen nicht so nah, und vielleicht finden sie die Vorstellung von zwei Frauen, die intim sind, sogar anregend. Stichwort Porno. Die Schülerinnen sind Schwulen gegenüber offener. Einen schwulen Kollegen finden viele ziemlich cool. Und sie sind durch Lesben offenbar weniger in ihrem eigenen Frauenbild gestört.

Krass sind die Unterschiede bei der Frage, wie die Jugendlichen auf das Outing eines schwulen Freundes reagieren würden: 43 Prozent der Männer beurteilen dieses als «sehr unangenehm», bei den Frauen sind es nur 19 Prozent. 
Ja, der Klassiker. Die jungen Männer haben Angst davor, dass ein schwuler Freund auf sie stehen könnte, und finden zum Beispiel das gemeinsame Duschen plötzlich seltsam. Oder sie befürchten, die Klassenkameraden könnten sie nun auch für schwul halten, wenn sie mit dem homosexuellen Freund unterwegs sind. Das zeigt, dass Schwulsein in den Köpfen mancher jungen Männer nach wie vor negativ behaftet ist – denn sonst wäre es ihnen egal, was die Leute diesbezüglich denken.

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Manche Jungs sehen die männliche Homosexualität als Bedrohung der eigenen Männlichkeit. (Bild: ©iStock.com/bokan76)

Haben dich die Ergebnisse überrascht?
Nein, nicht wirklich, um ehrlich zu sein. Davon auszugehen, dass unsere Gesellschaft wirklich schon so weit ist, wie manche gerne glauben, ist fast schon naiv. Als wir die Ergebnisse auf unseren Onlinekanälen publizierten, zeigten sich manche sehr erstaunt. Heute seien die Leute doch tolerant und akzeptierend, so der Tenor. Es waren ehrlich gesagt eher diese Reaktionen, die mich überraschten.

Bei der Frage nach der Entstehung von Homosexualität bestehen noch Wissenslücken. Fast die Hälfte der Jugendlichen geht davon aus, Homosexualität sei eine Entscheidungssache. Bestehen Bemühungen, die Aufklärung zum Thema an den Schulen zu institutionalisieren?
Eigentlich ist das bereits der Fall. In der Schweiz sieht der Lehrplan 21 vor, dass die Schulen auf die Thematik eingehen müssen. Die Frage ist nur, in welcher Form sie das tun. Welche Lehrmittel werden verwendet, und wer vermittelt den Inhalt? Es ist wichtig, dass die Lehrpersonen qualifiziert informieren und dementsprechend ausgebildet werden. An der Pädagogischen Hochschule St. Gallen zum Beispiel absolvieren alle Studierenden im Verlauf ihrer Ausbildung einen Workshop, in dem sie von Lesben und Schwulen mit Wissen aus erster Hand versorgt werden.

Wie kann man jungen Männern die Angst nehmen vor Homosexualität? Was müssen sie begreifen?
Es gilt, ihnen ein männliches Rollenbild mitzugeben, das nicht so stark auf Kategorien wie Macht und Dominanz beruht. Sie müssen verstehen, dass sie nicht den Macho zu spielen brauchen und dass ein Mann ganz viele Seiten haben und leben kann – unabhängig davon, ob er schwul, hetero oder bi ist. In letzter Zeit waren in gewisser Weise vielleicht auch wir selbst, die LGBT, auf dem Holzweg. Wir trugen dazu bei, dass klare Kategorien geschaffen wurden.

[perfectpullquote align="f[perfectpullquote align="full" bordertop="false" cite="" link="" color="" class="" size=""]war und für manche vielleicht auch heute noch ist – wir sollten nicht vergessen, dass es die eine schwule Identität mit all ihren Klischees nicht gibt.»[/[/perfectpullquote]em>

Jene des Schwulen, des H[/[/perfectpullquote] so weiter. Womöglich sollten wir künftig vermehrt darauf hinarbeiten, dass nicht mehr so trennscharf definiert wird, und stattdessen aufzeigen, dass nicht automatisch «schwul», «lesbisch» oder «bi» ist, wer auch mal gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen macht.

Jürg Bläuer – MSM-Bereichsleiter und Projektleiter Comout, AHSGA.

Das heisst, man würde weniger stark auf der «schwulen» oder «lesbischen» Identität beharren.
Sozusagen. Im Zuge der Emanzipations­bewegung haben wir Schwulen – verständlicherweise – nach einer eigenen Identität gesucht. Im Sinne von: «Wer sind wir, was macht uns Schwule aus?» Das war sinnstiftend und gemeinschaftsbildend, einte und stärkte uns. So wichtig das für viele war und für manche vielleicht auch heute noch ist – wir sollten nicht vergessen, dass es die eine schwule Identität mit all ihren Klischees nicht gibt. Wenn wir selbst aus diesem Denkschema rauskommen, dann geraten die Jugendlichen vielleicht auch weniger rein.

Sollen sich homosexuelle Lehrpersonen im Schul­betrieb outen? Dieser Frage widmete Pascal Rotach seine Master­arbeit, die er zum Abschluss seiner Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen verfasste.

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