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Lehrerbefragung in Berlin: „Skandal“ oder „haltlose Vorwürfe“?

Einige Medien im rot-rot-grün regierten Berlin empören sich dieser Tage über eine Online-Befragung. Im Auftrag der Senatsbildungsverwaltung werden Lehrer u.a. gefragt, ob sie Schimpfwörter wie „Schwuchtel“ oder „Transe“ ignorieren oder darauf reagieren. Und auch nach der sexuellen Orientierung werden sie gefragt.

„Wenn so ein Fragenkatalog aus der entgegengesetzten politischen Ecke käme, würden linke Parteien von einem Skandal sprechen!“, ätzte Kolumnist Harald Martenstein  im Tagesspiegel. Und weiter: „Die Uni sagt, dass sie die individuellen Daten nicht an ihren Auftraggeber weitergibt, da muss man wirklich viel Vertrauen aufbringen.“ Zudem sei die Abfrage von sexuellen Vorlieben unüblich „in demokratischen Gesellschaften“. (Dieser schwule Schüler aus Greifswald kämpfte dafür, auf Klassenfahrt das Zimmer mit Mädchen teilen zu dürfen.)

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Die Berliner CDU verlangt von der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die Befragung zurückzuziehen. Es sei „völlig unzulässig, seine Beschäftigten über ihre sexuelle Orientierung zu befragen und dabei auch noch Daten zu erheben, die problemlos Rückschlüsse auf die Identität der Befragten zulassen.“ Worauf eine Sprecherin der Senatorin den ehemaligen Koalitionspartner daran erinnerte, dass die CDU im Jahr 2015 den Beschluss, eine wissenschaftliche Studie zu dem Thema durchzuführen, im Abgeordnetenhaus mitgetragen hatte.

Ob ein Lehrer schwul ist, kann er beantworten – freiwillig

Tatsächlich wird die Online-Befragung von der Humboldt-Universität und der Sigmund-Freud-Privat-Universität in Berlin durchgeführt. Die Teilnahme ist freiwillig, erklären sie, und die Angaben würden anonymisiert an den Senat weitergeleitet. Allerdings wusste man an der Spitze der Bildungsverwaltung offenbar nicht, dass für die Studie auch gefragt werde, ob ein Lehrer schwul sei. So eine Frage würde man nicht stellen, hatte die Berliner Zeitung am Sonntag von einem Pressesprecher als Antwort bekommen.

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Der Spiegel hat nun bei Meike Watzlawik nachgefragt. Die Professorin für Entwicklung und Kultur an der privaten Sigmund-Freud-Uni hat zusammen mit Kollegen der Humboldt-Universität die Online-Umfrage ‚Wie viel Vielfalt verträgt Schule?‘ entworfen. „Die Vorwürfe sind absolut haltlos“, so Watzlawik. „Wir wollen niemanden ausspionieren, sondern herausfinden, wie an Berliner Schulen mit dem Thema Vielfalt umgegangen wird. Dazu befragen wir Lehrkräfte an per Zufallsstichprobe ausgewählten Schulen in Berlin. Wir arbeiten nach geltenden wissenschaftlichen Standards, das Ganze ist abgesegnet vom Datenschutzbeauftragten des Landes.“

Ich verstehe die Aufregung nicht

Nach der sexuellen Orientierung frage man, um zu sehen, ob sie sich im Alltag auf den Umgang mit Vielfalt und Diskriminierung auswirke. „Nach der sexuellen Orientierung zu fragen, ist in den Sozialwissenschaften und der Psychologie bei entsprechenden Fragestellungen durchaus üblich. Solange die Befragung anonymisiert wird, so wie wir das machen, sehe ich da auch kein Problem und verstehe die Aufregung nicht.“

Alle kamen zu Wort – nur nicht die, die es betrifft: die schwulen Lehrer. Die Mannschaft erkundigte sich bei der AG Schwule Lehrer bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Deren Mitglied Ulf Höpfner sieht in der Umfrage kein Problem  – im Gegenteil: „Wir haben 40 Jahre für Sichtbarkeit von LGBTI an Schulen gekämpft“, so Höpfner. „Jetzt macht dieser Senat endlich etwas, anstatt wie früher nur darüber zu reden.“ (Schwule Erzieher in Kitas kämpfen noch oft mit Vorurteilen.)

Auch die Fraktionen DIE LINKE und B’90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus bezogen Stellung und taten sich für eine gemeinsame Pressemitteilung zusammen. Zur Abfrage der sexuellen Orientierung bei Berliner Lehrkräften erklären die queerpolitischen Sprecher der Linksfraktion Carsten Schatz sowie der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Anja Kofbinger und Sebastian Walter:

Ziel der Studie sei eine „Sachstandserhebung über die Thematisierung unterschiedlicher sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten“ an Berliner Schulen – seit 2009 ein parteiübergreifendes Ziel der Berliner Politik. „Daraus einen Skandal zu zimmern, der nahe legt, der Senat frage und speichere die sexuelle Orientierung der Lehrkräfte, ist wenigstens böswillig.“

Wir unterstützen lesbische, schwule, trans- und intergeschlechtliche Jugendliche an den Berliner Schulen in ihrem Coming-out

Fakt sei: Wer wissen wolle, wie verschiedene sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identitäten thematisiert werden, durch wen und wann, müsse diese Fragen stellen. Die Senatsverwaltung und die beauftragten Forscher hätten sichergestellt, dass diese Daten anonym und lediglich für den Erkenntnishintergrund der Studie abgefragt werden. Auf das Ergebnis der Studie sei man gespannt, „weil sie uns wichtige Hinweise geben kann, wie wir besser und effektiver für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt eintreten und damit Akzeptanz und Selbstbestimmung stärken können“. Damit unterstütze man lesbische, schwule, trans- und intergeschlechtliche Jugendliche an den Berliner Schulen in ihrem Coming-out und schütze sie gezielt vor Diskriminierung.

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