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Ein Houseboy für (fast) alle Fälle

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Probe aufs Exempel
Alles gut und recht: Aber funktioniert das auch wirklich so reibungslos? Wir – das sind mein Partner und ich – reisten letzten Februar nach Vietnam. In Ho-Chi-Minh-Stadt, auch unter seinem alten Namen Saigon bestens bekannt, können wir nur einen Tag verbringen.

Ein paar Wochen vor unserer Abreise prüfe ich das Angebot für Ho-Chi-Minh-Stadt. Drei Führer stellen sich vor, wir entscheiden uns für Steven. An die Zentrale schicke ich die gewünschten Angaben und Alan meldet sich einen Tag später mit der Nachricht, dass meine Anfrage eingegangen sei und er Stevens Verfügbarkeit prüfe. Wiederum einen Tag später gibt er grünes Licht, Steven freue sich, uns seine Stadt zeigen zu dürfen. Für seine Achtstundendienstleistung ist eine Anzahlung von 50 Dollar nötig, am Ende des Tages schulden wir Steven dann 1 200 000 Dong, was in etwa 52 Dollar entspricht.

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Kaum ist die Anzahlung getätigt, setzt sich Steven mit mir per Mail in Verbindung. Wir vereinbaren einen Zeit- und Treffpunkt. Er werde um 9 Uhr da warten, wo unser Bus uns ablädt und er sei ganz in Blau gekleidet.

[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]Der Verkehr verlangt einem eine gehörige Portion Selbst- und Gottvertrauen ab. Wer beim Überqueren der Strasse hadert, der bringt alles durcheinander.[/perfectpullquote]

[/perfectpullquote]dass asiatische Städte – um es mit einem englischen Ausdruck zu sagen – sehr «busy» sind. Viele Menschen, viel Verkehr, für Europäer oft ein Tohuwabohu. In Vietnam sind es die Scooter: Sie sind überall und zwar in sehr grosser Anzahl. Alles, so scheint es, wird auf Motorrollern transportiert. Das Gemüse zum Markt, die Kinder in die Schule, die Menschen zur Arbeit und so weiter.
Scooter prägen das südostasiatische Strassenbild. Alle Verkehrsteilnehmende kommen trotzdem erstaunlich gut miteinander zurecht.

Der Verkehr verlangt einem eine gehörige Portion Selbst- und Gottvertrauen ab. Wer beim Überqueren der Strasse hadert, der bringt alles durcheinander. Fussgänger und Rollerfahrer beugen sich einem ungeschriebenen Gesetz. Der Fussgänger überquert die Strasse zügig, der Rollerfahrer passt auf. Trotzdem sind wir froh, haben wir Steven zur Seite. Er führt uns sicher durch und über die Strassen. Wir haben ihn übrigens am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit getroffen, ganz in Blau gekleidet.

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Als erstes spendiert er uns in einem der unzähligen Coffee Shops einen Eiskaffee. Viele wissen nicht, dass Vietnam der zweitgrösste Kaffeeproduzent der Erde ist und über eine gepflegte Kaffeekultur verfügt.

Unser Houseboy ist Grundschullehrer
Saigon ist eine hübsche und relativ übersichtliche Stadt. Viel französischer Kolonialflair ist noch zu spüren. Die meisten Sehenswürdigkeiten können zu Fuss erreicht werden. Steven, der in Wirklichkeit Nguyen Phuoc Cuong heisst, führt uns durch das Kriegsopfermuseum und den Wiedervereinigungspalast, zeigt uns einen buddhistischen Tempel, verhandelt mit dem Taxifahrer und steht für uns an der Museumskasse an. Steven weiss viel über die Geschichte, Land und Leute.

Steven erzählt im Wiedervereinigungspalast seine Anekdote.

Er erklärt, wo gewünscht, fragt nach, wenn er etwas selbst nicht weiss, bleibt aber immer sehr diskret und ist keiner der aufdringlichen oder geschwätzigen Sorte. In einer ruhigen, verkehrsfreien Seitenstrasse – als Book Street bekannt – trinken wir in einem der vielen Bücherläden eine Erfrischung und plaudern locker und ungezwungen. Steven sagt, dass er vom Job als Houseboy im Internet gelesen habe. Er habe sich beworben und Alan hätte ihn in einem Saigoner Hotel interviewt und ihn auf die Liste der Houseboys genommen. Das war 2015; seither führt er rund 16 Mal pro Jahr Touristen wie uns durch seine Stadt.

[perfectpullquote align=[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]das Kriegsopfermuseum und den Wiedervereinigungspalast, zeigt uns einen buddhistischen Tempel, verhandelt mit dem Taxifahrer und steht für uns an der Museumskasse an.[/perfectpullquote]

Steven ist 29 Jahre a[/perfectpullquote]Sternzeichen Drache, wie er lachend sagt. Nein, schwul sei er zwar nicht, aber was das denn für eine Rolle spiele, fragt er. Im Alltag ist er Grundschullehrer und erteilt Englischunterricht für Erwachsene. Sein grosser Traum sei es, in die USA auszuwandern. Warum gerade die USA? Das könne er nicht genau sagen, sie faszinieren ihn einfach.

Lunch mitten auf dem Markt
Ob wir vietnamesisches Essen mögen, will er wissen. Klar tun wir das. Steven führt uns durch die Markthalle und steuert zielbewusst auf einen bestimmten der schier unzähligen Garküchenstände zu. Das sei der beste und günstigste weit und breit, versichert er. Er bittet uns, mitten im hektischen Markttreiben auf Plastikstühlen Platz zu nehmen, ordert das Essen und Zuckerrohrsaft, wir bezahlen. Die vietnamesische Küche zeichnet sich durch ihre frischen Zutaten und ihre angenehme Schärfe aus. Das Essen schmeckt hervorragend, das Ambiente ist einmalig.

[perfectpullquote align="full" cite="" l[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]er Stippvisite herausgeholt: völlig stressfrei und absolut entspannt. [/perfec[/perfectpullquote]Anschliessend spazieren wir gemütlich durch [/perfec[/perfectpullquote]das Rathaus, die Kathedrale Notre Dame und das berühmte von Gustave Eiffel erbaute Hauptpostamt. Zwei Tage in Saigon würden reichen, meint er, um alles in und um die Stadt gesehen zu haben. Wir hatten leider keine zwei Tage und haben trotzdem einen wunderbaren Tag verbracht. Dank Steven haben wir wohl das Maximum aus unserer Stippvisite herausgeholt: völlig stressfrei und absolut entspannt. Und wir haben einen neuen Freund gefunden, am anderen Ende der Welt.

Fotos: Michel Bossart

Anmerkung der Redaktion zur journalistischen Unbefangenheit
Unser Journalist hat von «Holiday Houseboys» keine Gutschrift oder Vergünstigung für diesen Erfahrungsbericht erhalten.

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