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Volker Beck: „Ich kann nicht mit 100 noch hier sitzen“

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In drei Wochen wählt Deutschland einen neuen Bundestag: Dass ihm Volker Beck (Grüne) nicht mehr angehört, hat parteiinterne Gründe: Ihm wurde ein sicherer Listenplatz verweigert (in seinem alten Wahlkreis kämpft jetzt Sven Lehmann um den Einzug ins Parlament). Aber die Öffnung der Ehe, für die er viele Jahre gekämpft hat, bescherte ihm einen glücklichen Abschied. Beck im Mannschaft-Interview über einen unvergesslichen Sommer, warum er auf eine aktive Wahlkampf-Teilnahme gut verzichten kann und wie man sich auf eine Niederlage vorbereitet.

Herr Beck, Ihnen wird maßgeblich die Öffnung der Ehe als Erfolg zugeschrieben. Dafür wurden Sie viel gefeiert im Sommer. Das ist ein schöner Abschluss einer Karriere als Politiker, oder?
Auf jeden Fall ein toller Erfolg eines langen Kampfes. Ich war in Sorge, dass wir das nicht mehr rechtzeitig in dieser Legislaturperiode hinkriegen  und dass es in der nächsten Wahlperiode wirklich nicht einfacher wird, wenn die AfD im Bundestag sitzt und die Union dann womöglich noch ängstlicher wird. Deshalb war ich überglücklich, dass wir das jetzt noch durchgeboxt haben.  Es waren 28 Jahre Kampf allein um diese Frage. Das ist eine verdammt lange Zeit. Und wenn es dann endlich durch ist, ist es einfach ein großartiges Gefühl. Auf diesem Weg gab es ja auch viele Niederlagen und viele Durststrecken.  Das ist mit dem Durchbruch  jetzt zwar alles vergessen, Geschichte, aber man weiß eben noch darum. Carolin Emcke hat auf dem Regenbogenempfang der Grünen am 30. Juni abends das Bild geprägt: „Das ist, wie wenn man einem erfrorenen Fuß wieder in warmes Wasser taucht.“ Einerseits tut es ganz gut, es tut aber auch weh und man merkt auf einmal, wie sehr man vorher gefroren hat.“

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Da kann man einfach nur dankbar sein

Deshalb ist es für mich ein ganz einschneidendes Ereignis und ich bin auch sehr froh darum. Ich hatte mich über die ganze Wahlperiode schon auf  den letzten ordentlichen Sitzungstag des Bundestages, den 30.6. orientiert. Wir haben es ja auch mit verschiedenen Instrumenten probiert, u.a. mit der gescheiterten Organklage. Und dass es dann doch noch nach Plan gelaufen ist, da kann man einfach nur dankbar sein.

Dies wurde möglich, weil Merkel im Brigitte-Talk am 26. Juni signalisiert hat, dass sie die Entscheidung zur Ehe für alle als Gewissensentscheidung freigeben könnte. Hat sich die Kanzlerin verplappert oder war es Absicht?
Es gab zwei Tage vorher eine kryptische Äußerung von Horst Seehofer gegeben und ich fragte mich, was will er uns damit sagen? Da hat er so vor sich hin gestoibert. Das war ein Orakel, und ich habe es nicht verstanden. Es war wohl ein Hinweis darauf, dass man sich zwischen CDU und CSU verständigt hatte, wie man mit dem drohenden Schachmatt umgehen würde. Erst hatten die Grünen auf mein Betreiben hin eine Koalition ohne Ehe für alle ausgeschlossen, danach trauten sich auch die FDP und SPD. Die Union wusste, es gibt nur die AfD, die an ihrer Seite für das Nein kämpft.

Volker Beck
Gehört dem nächsten Bundestag nicht mehr an: Volker Beck (Foto: Angelika Kohlmeier)

Die Frage war: Wie würde der Wahlkampf dann aussehen? Bei jedem Auftritt bekäme dann Fragen wie: Was machen Sie denn jetzt? Wollen Sie mit der AfD die Ehe für alle verhindern? Frau Merkel wusste wohl genau, man hätte im Wahlkampf nur noch darüber gesprochen, über die AfD und die Homosexuellen, nicht über Wirtschaftspolitik,  nicht über Europa, nicht über Bildungs- oder Sicherheitspolitik. Und da hat sie das Schlauste gemacht, was sie in dieser Situation tun konnte:  Eine Schlacht, die ich nicht gewinnen kann, bei der ich aber viel zu verlieren habe – die verweigere ich am besten. Sie hat sich da elegant aus der Affäre gezogen. Aber dass es eine Affäre gab, aus der sie sich zu ziehen hatte – das war Ergebnis unserer Arbeit.

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Was machen Sie danach, als Bürger Volker Beck?
Ich arbeite im Moment noch viel und habe viel gearbeitet und ich brauche erstmal, wenn ich hier zusperre, einen Moment Zeit um drüber nachzudenken, in welche Richtung ich weitergehen will. Und wie das so ist, wenn die Anfragen nicht mehr auf einen einströmen. Man muss Prioritäten setzen, zu bestimmten Dingen Nein sagen. Daraus wird sich was ergeben. Ich will nachdenken, lesen, lernen, vielleicht selber ein bisschen was schreiben. Mal schauen.

Sie sitzen nicht mehr im Bundestag, weil Ihnen die NRW-Grünen im Dezember einen sicheren Listenplatz verweigert haben. Zum Grund gibt zwei Theorien: Erstens ein Aufsatz von Ihnen zum Thema Pädophilie und zweitens die Drogengeschichte aus dem Frühjahr 2016 …
… und das dritte ist die Wahrheit. (lacht)

Nämlich?
Ich hatte schon bei der Aufstellung zur Wahl 2013 in meinem Bezirksverband gerade mal eine Stimme mehr, um überhaupt kandidieren zu können. Da war klar, das nächste Mal wird das schwer. Es gab Leute, die mir meine Sturheit und Hartnäckigkeit übelgenommen haben, manchen fanden mich vielleicht auch arrogant oder unnahbar. Das ist eine Form des Selbstschutzes, die auf manche so wirkt. Andere haben mir meine Äußerungen in der Beschneidungsdebatte übel genommen und schätzen vielleicht nicht alle meine außenpolitischen Positionen gleichermaßen. Deshalb war es damals schon knapp. Das ist der wahre Hintergrund.

Teil 2: „Bei Niederlagen ist es nicht schlecht, wenn man vorbereitet ist“

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