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Der König, die «Queens», der Prinz und der Herzog

Die Trauer war gross, als Medien am 21. April 2016 den überraschenden Tod von Prince verkündeten, gerade mal drei Monate, nachdem David Bowie seinem Krebsleiden erlegen war. Beide waren bis kurz vor ihrem Ableben musikalisch aktiv und hatten gerade noch neue Alben veröffentlicht. Sie reihen sich in die Riege von Michael Jackson und Freddie Mercury, deren Tod sie nicht nur in die Unsterblichkeit katapultierte sondern auch die Negativschlagzeilen verstummen liess, mit denen sie zu Lebzeiten zu kämpfen hatten.

Bei Freddie Mercury waren es die ausschweifende Sexualität und seine Besessenheit von Ballettschuhen. Bowie provozierte mit Frauenkleidung und Make-up. Auch Prince wurde zum Vorreiter der queeren Community – sein Auftritt in Bikinihöschen und kniehohen Stiefeln ist nur einer von vielen, mit denen er die Grenzen zwischen den Geschlechtern zu verwischen versuchte und für Aufruhr sorgte. Beim «King of Pop» wurden die kritischen Stimmen vor allem in seiner zweiten Lebenshälfte laut: Sie reichten vom ungewollt öffentlichen Diskurs über seine Hautfarbe über die Hinterfragung seiner Rolle als Erzeuger seiner Kinder bis hin zu den Vorwürfen des Kindsmissbrauchs. Dass die Provokation eine treue Begleiterin von Madonnas Karriere ist, ja von ihr gar instrumentalisiert wurde, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Der grosse Unterschied: Sie ist die einzige des königlichen Quintetts, die noch lebt.

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Es erstaunt daher nicht, dass der plötzliche Tod von Bowie und Prince einen Aufschrei in der LGBT-Community zur Folge hatte. «Mir ist heute wieder bewusst geworden, dass all diese Superstars der Achtziger etwas ganz Besonderes verbindet: Dass sie dieses Konzept des Anständigseins zerstört haben», schreibt Blogger Johannes Kram in seinem Nollendorfblog und zählt nebst dem königlichen Quintett noch die Pet Shop Boys und Boy George auf. Heute sei das Spielen mit Geschlechtsidentitäten zum Trend geworden. Damals sei das aber nicht nur ein Spiel gewesen, sondern ein wesentlicher Teil ihrer Persönlichkeit als Kunstschaffende. Die Helden der Achtziger kämpften im Gegensatz zu ihren Vorgängern aus den Sechzigern nicht gegen die Norm, schreibt Kram. Sie hätten sie einfach geändert. «Sie läuteten eine Zeit ein, in der sehr vieles sehr viel besser geworden ist. Unter anderem, dass sich heute sehr viel weniger Teenager als damals deshalb umbringen, weil sie denken, dass ihr Anderssein das Allerschlimmste ist.»

Der Prinz: Ein Rebell gegen Normen und Plattenfirmen
Ist er schwul? Ist er heterosexuell? Männlich? Weiblich? Diese Fragen stellte sich die ganze Welt, als Prince am Anfang der Achtzigerjahre die Bühne betrat. Doch Prince scherte sich nicht um Geschlechterrollen. Er spielte mit ihnen, um sie dann mit hohen Absätzen und dunklem Lidschatten auf der Bühne zu zerstören. Doch er konnte auch rohe Männlichkeit verkörpern, indem er etwa wallendes Brusthaar und einen gepflegten Bart zur Schau stellte.

Niemand beherrschte den androgynen Look so sehr wie Prince, schreibt das Schwulenmagazin «OUT». Die Zeitschrift bezeichnet ihn als queer und «genderfluid». 1984 sang er im Song «I Would Die 4 U» die Texte «I’m not a woman, I’m not a man, I am something that you’ll never understand». Für das legendäre Cover seiner Platte «Lovesexy» liess er sich von Andy Warhol inspirieren und posierte nackt auf einer Blume, eine Brustwarze mit einer Hand bedeckt.

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[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]Prince scherte sich nicht um Geschlechterrollen. Er spielte mit ihnen, um sie dann mit hohen Absätzen und dunklem Lidschatten auf der Bühne zu zerstören.[/perfectpullquote][/perfectpullquote]Neunzigerjahren änderte Prince seinen Namen in ein unaussprechbares Symbol, das er als «Love Symbol #2» bezeichnete – eine Kombination aus den Geschlechtssymbolen für Mann und Frau. Für die breite Öffentlichkeit, die sich stets darüber lustig gemacht hatte, dass Prince schöner sei als seine Liebhaberinnen, war die Namensänderung ein Witz. Ein Beweis, dass ihm der Ruhm zum Kopf gestiegen war. Für Mitglieder der queeren Community war es aber ein provokatives Statement, mit dem Prince die Einschränkungen der Sprache und der binären Geschlechterteilung deutlich machte. Einige Jahre später änderte er seinen Namen wieder zurück zu Prince. Damit drückte er aus, dass Namen und Titel nichts anderes als ein Label seien, die einem von der Gesellschaft aufgedrückt würden, und dass zwischen Identitäten ein fliessender Wechsel möglich sein sollte.

Wie hoch der Verdienst von Prince für die LGBT-Community zu werten ist, sei dahingestellt. Er war überzeugter Zeuge Jehovas und soll 2008 angeblich auf die Bibel gezeigt haben, als er in einem Interview zu seiner Einstellung zur Öffnung der Ehe befragt wurde.

Die Platte «Lovesexy» von 1987 verkörpert den androgynen Look von Prince. (Bild: ©Warner Bros)

Prinz rebellierte nicht nur gegen Gesellschafts­normen, sondern auch gegen die Musikindustrie. Dass Plattenfirmen eine eiserne Kontrolle über ihre Künstler ausübten, war bis in die Neunzigerjahre die unausgesprochene Regel. Undenkbar in der heutigen Zeit, in der Taylor Swift einen Giganten wie Apple in die Knie zwingt oder Jay-Z seinen eigenen Streamingservice anbietet. Dass Warner Bros. die Rechte an seiner Musik behalten sollte missfiel Prince so sehr, dass er den Disput in der Öffentlichkeit austrug und sich «Sklave» auf die Wange schrieb. Mit einem hastig zusammengestellten Album zeigte er Warner Bros. den musikalischen Mittelfinger und schloss einen neuen Deal mit dem Label EMI, der ihm die Freiheit gab, neue Musik nach Lust und Laune zu veröffentlichen.

Doch der Drang, seine Musikrechte zu kontrollieren, kulminierte in einem Wahn, der ihn die letzten zehn Jahre seines Lebens beschäftigen sollte. 2007 verklagte er zusammen mit Universal eine Mutter, die auf YouTube ein Video von ihrem Sohn veröffentlichte, der zu einem Song von Prince tanzte. 2014 forderte er von zwanzig Personen je eine Million Dollar Schadenersatz, weil sie Songs von ihm gepostet oder über Filesharingplattformen geteilt haben sollen.

Der Herzog: Das Alien aus der Zukunft
Prince war jedoch kaum der erste, der die Welt mit der Hinterfragung von traditionellen Geschlechterrollen herausforderte. Wegen seiner androgynen Bühnenpräsenz gilt David Bowie – auch bekannt als der dünne weisse Herzog – als Pionier für LGBT-Musikschaffende.

David Bowie

Ins Rampenlicht katapultiert wurde Bowie 1972 mit seinem Alter Ego «Ziggy Stardust», einem bisexuellen Rockstar aus dem Weltall mit feuerroten Haaren, Make-­up, Nagellack und einem hautengen Bodyanzug. Zum Superstar wurde er sozusagen über Nacht: Mit einem einzigen Auftritt in der BBC-Fernsehsendung «Top of the Pops», die in 15 Millionen britische Haushalte ausgestrahlt und von Jugendlichen und jungen Erwachsenen fieberhaft verfolgt wurde. Während er die Zeilen zu «Starman» sang, legte Bowie seinen Arm um den Gitarristen Mick Ronson und schaute ihm verführerisch in die Augen. Was für heutige Verhältnisse harmlos wirkt, schlug 1972 ein wie eine Bombe – oder eben ein Ausserirdischer.

[perfectpullquote align=[perfectpullquote align="right" cite="" link="" color="" class="" size=""]nung, dass anderes existierte.»[/perfectpullquote]

Für eine ga[/perfectpullquote]jungen, sexuell verwirrten Menschen bedeutete die Ankunft von Ziggy Stardust den Aufbruch in eine neue Welt. Der offen schwule Journalist Dylan Jones widmete dem knapp vierminütigen Auftritt und dessen Auswirkungen ein ganzes Buch mit dem Titel «When Ziggy Played Guitar». «Es war berauschend, leicht gefährlich und transformierend», schreibt Jones, der zum Zeitpunkt der Sendung zwölf Jahre alt war. «Für mich und diejenigen, die so wie ich waren, fühlte es sich an, als sei die Zukunft endlich da.» Dave Gahan, Frontmann von Depeche Mode, sagte einmal: «Bowie gab mir die Hoffnung, dass anderes existierte. Ich dachte, er sei nicht von dieser Welt.»

1972 outete sich Bowie gegenüber einem Magazin als schwul. Vier Jahre später bezeichnete er sich als bi­sexuell. Im Interview mit dem «Rolling Stone» sagte er, sein Coming-out als Bisexueller sei «der grösste Fehler, den ich je gemacht habe» und «ich bin ein ungeouteter Heterosexueller». Biografen schreiben, dass Bowie selbst nie schwul oder bisexuell war, vielmehr sei er von der Sexualität fasziniert gewesen und vom Schockpotenzial, das sie in der damaligen Gesellschaft noch barg. Zudem habe die Kreation seines Alter Egos Ziggy Stardust nicht nur das Publikum verwirrt, sondern auch Bowie selbst.

Ein Wesen nicht von dieser Welt. David Bowie und sein Gitarrist Mick Ronson im Jahr 1972. (Bild: ©Taschen Books)

Auch wenn David Bowie schlussendlich nichts weiter war als ein gewöhnlicher Heterosexueller, hatte er den Weg geebnet für LGBT-Persönlichkeiten in der Populärkultur. «Es geht nicht darum, ob er sich von Männern angezogen fühlte oder nicht. Er projizierte eine Andersartigkeit, mit der sich Tausende von LGBT-Menschen identifizieren konnten», schrieb der Journalist Aaron Hicklin in seinem Nachruf für «OUT». Der Journalist Arnold Wayne Jones geht einen Schritt weiter. In seinem Artikel für die LGBT-Plattform «Dallas Voice» schrieb er, dass es dank Bowie überhaupt möglich sei, dass wir unsere Sexualität mit der heutigen Selbstverständlichkeit leben können. «Am Anfang der LGBT-Bewegung stand vielleicht Stonewall, aber kannst du dir vorstellen, dass sie ohne Bowie in allen Schichten der Gesellschaft Anklang gefunden hätte?»

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