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«Bottom Shaming» – wenn «passive» Schwule beleidigt werden

Ein männlicher Fussballfan, der kein Bier trinkt und sich vegan ernährt. Eine filigrane Ballerina, die auf Heavy Metall steht und das ABC rülpst. Ein weibliches Topmodel, das zuhause Holz hackt und Traktor fährt. Klingt alles irgendwie seltsam und passt nicht so richtig? Klar, diese Beschreibungen spielen mit Klischees. Sie sollen aber etwas aufzeigen: Mit vielen Rollen, die Menschen im Alltag einnehmen – sei es diejenige des Fussballfans oder der Ballerina, sei es diejenige einer Mutter oder eines Vaters – sind gewisse Erwartungshaltungen verknüpft. Dieses Rollendenken hilft uns, den Alltag zu strukturieren und zu vereinfachen. Wir können abschätzen, wie sich unser Gegenüber verhalten wird. Dementsprechend sorgt oftmals für Erstaunen oder Verwirrung, wer anders ist und handelt als angenommen.

Mann und Mann als Mann und «Frau»?!
Besonders bedeutsam – und seit Jahren öffentliches Diskussionsthema – sind Fragen rund um weibliche und männliche Rollenbilder: Was macht Frauen aus? Wann ist ein Mann ein Mann? Und wie soll das Verhältnis zwischen Mann und Frau ausgestaltet werden? Die Definition der weiblichen und männlichen Geschlechterrollen ist eine Typisierung, die auch Homosexuelle betrifft. So gibt es kaum einen Schwulen, der noch nie mit folgender Frage konfrontiert war: «Wer von euch beiden ist im Bett eigentlich die Frau?» Die logische Antwort ist natürlich: Keiner ist «die Frau»! Wir sind beide Männer! Schliesslich ist dies der entscheidende Punkt schwuler Beziehungen. Und das ist ja eigentlich auch allen klar.

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Heterosexuelle Normen, so weit das Auge reicht
Warum also die häufige Frage, wer beim Sex die «aktive» und wer die «passive» Rolle übernimmt? Für heterosexuelle Menschen werde es auf diese Art und Weise einfacher, den Sex zwischen zwei Männern nachzuvollziehen, schreibt Journalist Madison Moore auf thoughtcatalog.com. Das heisst nichts anderes, als dass Heteros schwulen Geschlechtsverkehr ihrem eigenen Rollenverständnis entsprechend interpretieren.

Grund dafür ist nicht zuletzt der sogenannte Heterosexismus. Darunter ist ein gesellschaftlich tief verankertes Denk- und Verhaltenssystem zu verstehen, das Heterosexualität als die überlegene sexuelle Orientierung einordnet. «In unserer Kultur ist Heterosexismus meist omnipräsent», sagt der Zürcher Psychotherapeut und Buchautor Tim Wiesendanger. Dabei würden gesellschaftliche Umgangsformen vorgegeben, denen sich kaum jemand entziehen könne. «Menschen aller sexuellen Orientierungen verinnerlichen heterosexistische Wertvorstellungen», sagt Wiesendanger.

Bottom Shaming

Der «Held» und die «Hure»
Das Problem dabei ist, dass in diesen Umgangsformen und Wertvorstellungen noch immer althergebrachte und sexistische Rollenbilder mitschwingen. «Männer gelten als dominant und sexuell aggressiv», sagt der amerikanische Psychotherapeut Matthew Dempsey. «Sie erscheinen dadurch als stark, mächtig und somit wertvoller.» Frauen hingegen würden nach wie vor als feminin, verletzlich, unterwürfig und sexuell passiv betrachtet – und somit auch als schwächer und weniger wertvoll. Stereotype wie diese führen denn auch dazu, dass gleiches Verhalten von Frau und Mann oft ganz unterschiedlich interpretiert wird. Dieses Phänomen beschreibt Autorin Monika Preuk auf FOCUS Online mit dem klassischen Beispiel: «Ein sexuell aktiver Mann ist ein ‹Draufgänger›, die ebenso aktive Frau eine ‹Schlampe›.»

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Die Macht des Schubladendenkens
Auch unter Schwulen ist die Frage nach der aktiven oder passiven Rolle im Bett immer wieder Thema. Sei es, wenn man sich mit Freunden über nächtliche Errungenschaften und sexuelle Abenteuer unterhält, sei es im Club oder in der Bar, wenn man andere Männer ansieht und ihnen oft aufgrund ihrer blossen Erscheinung automatisch die eine oder andere Rolle zuschreibt. Grossen, kräftigen Kerlen unterstellen wir meist den Part des Aktiven, bei zierlichen Twinks hingegen geht man von devoten Passiven aus. Und da sind sie: Die Vorurteile, die in unseren Köpfen eine Party feiern und sich ungehemmt austoben.

Klare Verhältnisse?
Von einem pragmatischen Standpunkt aus gesehen mag die Aktiv-passiv-Etikettierung durchaus Sinn ergeben. «In gewisser Weise macht es Sex unter Schwulen unkomplizierter», schreibt Journalist Madison Moore. «Jeder weiss, was er zu tun hat.» Und so werden denn Profile auf Kontakt-Apps wie Grindr oft auch gleich mit der entsprechenden Information versehen: «Bin lieber ‹oben›, bin lieber ‹unten›».

Demütigung unter Schwulen
Dieses Rollendenken kann jedoch auch negative Auswirkungen haben. Dann nämlich, wenn Schwule unreflektiert jene sexistischen Stereotype kopieren, die Männer als überlegen einstufen und Frauen als schwach abstempeln. Auf Schwule angewendet bedeutet dieses Konzept, dass aktive Sexualpartner – im Englischen als «tops» bezeichnet –«richtige» Männer sind. Die Passiven – «bottoms» – hingegen gelten als unmännlich, da sie im Bett ja die «Frauenrolle» übernehmen. «Tatsächlich gibt es Schwule, die den Aktiven eine höhere Wertigkeit zusprechen als den Passiven», sagt der Zürcher Psychotherapeut Tim Wiesendanger gegenüber der Mannschaft.

[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]«Tatsächlich gibt es Schwule, die den Aktiven eine höhere Wertigkeit zusprechen als den Passiven.» -Tim Wiesendanger, Psychotherapeut[/perfectpullquote]

[/perfectpullquote] Tendenz, Bottoms gegenüber den Tops abzuwerten, wird auf Englisch «bottom shaming» genannt. «Wenn ein Mann schon einmal gleichgeschlechtlichen Sex hatte, dann weiss er auch, dass es dabei zu Herabwürdigungen kommen kann», schreibt Journalist Madison Moore. Passive Männer würden von den Tops nicht selten als «Schlampen, Schwanzlutscher oder Schwuchteln» bezeichnet.

Das Ideal des «richtigen» Mannes
Der Grund für diese Behandlung liegt im erwähnten männlichen Rollenbild, das weiterhin in vielen Köpfen verwurzelt ist. Männer müssen demnach selbstsicher sein und energisch auftreten. Sie sind sexuell bestimmend und, ganz wichtig: Der Hintern eines Mannes ist und bleibt verriegelt wie der Tresor einer Bank! Dort kommt nichts rein. Penetriert werden schliesslich nur Frauen und Schwule! Besonders stark ausgeprägt ist  diese konservative Denkweise zum Beispiel im arabischen Raum. «Als schwul gilt dort nur derjenige, der beim Sex penetriert wird – nicht aber jener, der in einen anderen Mann eindringt», erklärt Tim Wiesendanger.

In unserem Kulturkreis sind diese patriarchalen Denkmuster zwar weniger stark ausgeprägt, eliminiert sind sie aber noch nicht. Insgesamt besteht nach wie vor der Druck, dem traditionellen Männerbild entsprechen zu müssen. «Geschlechtsuntypisches Verhalten wird in unserer Kultur sehr negativ bewertet», schreibt die deutsche Diplom-Psychologin Nicola Wendenburg.

Und Psychotherapeut Matthew Dempsey ist überzeugt: «Die Welt, in der wir leben, zwingt Männer stets aufs Neue dazu, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen». Als Beispiel hierfür dürfte das Verhalten pubertierender Jungs dienen, wenn sie in Gruppen unterwegs sind. Dann erwecken sie bisweilen den Eindruck, als hätte jeder Einzelne von ihnen einen brünstigen Gorilla verschluckt. Der Umgang untereinander: Imponiergehabe erster Güte, ein veritables Weitpinkeln. Man rempelt sich an, Beleidigungen gehören zur Tagesordnung und meist ist irgendetwas oder irgendjemand «voll schwul». Das mag spielerisch gemeint und alles halb so wild sein. Und doch zeigt es auf, dass in den Köpfen der jungen Männer gewisse Bilder verhaftet sind: «Krass- und Starksein ist wichtig und erstrebenswert! Das katapultiert mich an die Spitze der Hackordnung und macht mich zum Alpha-­Wolf. Und schliesslich spielt es mir beim Buhlen um die Mädchen die besten Karten in die Hand.»

Bottom Shaming
Die US-Kultserie «Looking» thematisierte «Bottom Shaming». Und erntete dafür viel Lob.

Homophobie unter Homosexuellen
Bisweilen verspüren auch manche Schwule den Druck, dem vermeintlichen Ideal des «richtigen Kerls» zu entsprechen. Aus dem Bedürfnis heraus, dazuzugehören und von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, lehnen sie Verhaltensweisen ab, die nicht den heterosexistischen Gesellschafts- und Männlichkeitsnormen entsprechen. Mit der Folge, dass sie passive Sexualpartner oder feminin wirkende Schwule degradieren.

Ein solches Benehmen deutet auf eine sogenannte «internalisierte Homophobie» hin. Laut Tim Wiesendanger wird damit das Phänomen bezeichnet, dass Homosexuelle teilweise nicht nur heterosexistische, sondern gar homophobe Werte verinnerlichen und andere Homosexuelle verbal oder gar physisch angreifen. Dabei tendieren laut dem Psychotherapeuten vor allem diejenigen schwulen Männer zu solchem Denken und Handeln, die über kein ausgeprägtes Selbstwertgefühl verfügen. Je homophober ein Schwuler eingestellt sei, umso machohafter sei sein Verhalten und umso stärker seine Tendenz, andere Schwule zu diskriminieren und abzuwerten. «Damit greift er natürlich letztlich sich selbst an.»

Den inneren Kampf beenden
Im Endeffekt rührt «Bottom shaming» also aus einer Situation, die für den «Täter» selbst belastend ist. Ein homosexueller Mann, der andere Schwule herabwürdigt, hadert in der Regel mit seiner eigenen sexuellen Orientierung, ist nicht im Reinen mit sich selbst und unsicher. Gemäss Wiesendanger zeigen sich die Folgen dieses inneren Kampfes in verschiedensten Formen psychischer oder psychosomatischer Störungen. «Zum Beispiel in der Form von Depressionen oder Zwangs-, Schlaf- und Angststörungen.» Weitere Auswirkungen können Suchtprobleme, Herz-Kreislauf- und Atembeschwerden oder eine erhöhte Suizidalität sein.

Erhöhtes Infektionsrisiko
Natürlich ist «Bottom shaming» aber auch für denjenigen belastend, der das Ziel solcher Beleidigungen ist. Er wird in seiner Persönlichkeit und seiner Würde verletzt. Darüber hinaus kann «Bottom shaming» auch die körperliche Gesundheit des Betroffenen gefährden. Der Journalist Jorge Rodriguez weist auf advocate.com auf die Gefahr hin, dass Bottoms immer wieder darauf verzichten würden, mit ihren Ärzten über die sogenannte Präexpositionsprophylaxe «PrEP» zu sprechen – eine biomedizinische Präventionsmassnahme, bei der HIV-negative Personen vorsorglich Anti-HIV-Medikamente einnehmen, um sich vor einer möglichen Infektion zu schützen.

[perfectpullquote align=[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]iert Schwule voneinander.» -Matthew Dempsey, Psychotherapeut[/perfectpullquote]

Gemäss einer Studie [/perfectpullquote]n Kalifornien infiziere sich der aktive Geschlechtspartner mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 500, wenn er ungeschützt mit einem HIV-positiven Bottom verkehre, schreibt Rodriguez. «Für den Passiven beträgt das Infektionsrisiko hingegen 1 zu 50, wenn er mit einem HIV-positiven Top schläft.» Trotz dieser grösseren Ansteckungsgefahr seien die Passiven eher dazu geneigt, das Thema ihren Ärzten gegenüber nicht anzusprechen. «Laut Experten fürchten sich viele Passive davor, für ihre sexuellen Vorlieben verurteilt zu werden», führt Rodriguez aus.

Übernahme schädlicher Verhaltensmuster
Schliesslich wirkt sich «bottom shaming» auch negativ auf die Community als solche aus. Diese Art der Diskriminierung sorgt für Spannungen unter Schwulen und macht die Szene zu einer trostloseren Umgebung. Psychotherapeut Matthew Dempsey sagt es so: «Bottom shaming distanziert Schwule voneinander.»

Das darf nicht sein. Wenn Männer die Gesellschaft anderer Männer suchen, dann sollten sie nicht auf dieselben beleidigenden Denkweisen stossen, die ihnen teilweise in der heterosexuellen Welt bereits begegnen. Es kann nicht angehen, dass Schwule überholte, sexistische Rollenbilder aus der Heterowelt entnehmen und sie auf die eigene Community übertragen. Zumal es genau diese Rollenvorstellungen sind, die für manche homosexuelle Menschen nach wie vor belastend wirken und gerade auch bei jüngeren Personen das Gefühl auslösen können, aus der Norm zu fallen und nicht gut genug zu sein.

Der männliche G-Punkt
Im Zusammenhang mit «Bottom shaming» sollen zwei weitere Punkte nicht unerwähnt bleiben. Zum einen ist ein Mann in der Regel aus einem ganz einfachen Grund «passiv» im Bett: Weil er es geniesst! Immerhin wurden Männer von Mutter Natur mit der Prostata ausgestattet – jener Geschlechtsdrüse, die nicht nur einen Teil des Spermas produziert, sondern deren rektale Stimulation auch einen Orgasmus auslösen kann. «Die Prostata ist der männliche G-Punkt», sagt die US-amerikanische Sex-Expertin Jennifer Berman. Die sogenannte Prostatamassage verursacht aber nicht nur sexuelle Hochgefühle, sondern wirkt laut Jennifer Berman auch einer Vergrösserung und Entzündung der Drüse entgegen und minimiert das Risiko von Prostatakrebs.

[perfectpullquote align="full" cite="" l[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]sich einer anderen Person gegenüber öffnen – physisch, aber auch emotional. Das verlangt Mut und Stärke.»[/perfec[/perfectpullquote]Zum anderen sei an dieser Stelle festgehalten[/perfec[/perfectpullquote]it Schwäche zu tun hat, im Bett «passiv» zu sein. «Wer beim Sex die passive Rolle einnimmt, muss sich einer anderen Person gegenüber öffnen – physisch, aber auch emotional», sagt Psychotherapeut Matthew Dempsey. «Das verlangt Mut und Stärke.»

Mehr Akzeptanz
Der Psychotherapeut weist darauf hin, dass es normal sei, sexuelle Präferenzen zu haben. «Wenn ein Schwuler ausschliesslich aktiv sein will, weil ihm die passive Rolle nicht zusagt, dann ist das ebenso in Ordnung wie wenn ein Schwuler nur passiv sein will.»

Hingegen sollten Vorstellungen davon, was als typisch «männlich» oder typisch «weiblich» oder «schwul» gilt, nicht dazu führen, dass sich jemand in seinen Möglichkeiten einschränken lässt. Es wäre schade, wenn Männer ihre passive Seite unerforscht lassen, weil sie sich ihrer schämen. «Statt andere Menschen herabzuwürdigen, müssen wir unsere Scham und unsere Vorurteile hinterfragen», sagt Matthew Dempsey. So werde man nicht nur mit sich selbst zufriedener, auch das Wohlbefinden unter homosexuellen Männern allgemein werde grösser.

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