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Schwulenverfolgung in Tschetschenien: «Wir brauchen die Unterstützung der internationalen Community»

Die ersten Bilder der Verfolgung in Tschetschenien aus 2017. (Bilder: Novaya Gazeta)

Am Dienstag sorgte eine Schreckensnachricht für weltweite Empörung: Laut Angaben der «Novaya Gazeta» sind in Tschetschenien mehr als hundert schwule Männer durch Sicherheitskräfte in geheime Gefängnisse verschleppt worden, wo sie mit Elektroschocks, Schlägen und Peitschenhieben gefoltert werden. Sie sollen die Identität homosexueller Freunde und Bekannter preisgeben. Die Zeitung bestätigte den Tod von drei Männern und konnte deren Identität gegenüber russischen Behörden namentlich belegen. (Detaillierte Information dazu bei unseren Kollegen von queer.de, Anm.d.Red.)

Alwi Karimov, ein Sprecher des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow bezeichnete den Bericht der «Novaya Gazeta» als «absolute Lügen und Desinformation». Dabei dementierte er, dass Homosexuelle überhaupt existieren: «Man kann keine Personen verhaften oder unterdrücken, die in der Republik nicht existieren. Falls solche Menschen in Tschetschenien existieren würden, hätten ihre Verwandten sie an einen Ort geschickt, von dem sie nicht zurückkehren können.»

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Tschetschenien gehört offiziell zu Russland, geniesst aber einen Status als autonome Republik.

 

«Ich habe keine andere Wahl. Es geht um Menschenleben. Man kann nicht einfach nach Hause gehen und nichts tun.» Die Aktivistin Svetlana Zakharova. (Bild: Skype)

«Russian LGBT Network» kann Schwule innerhalb eines Tages aus Tschetschenien evakuieren
Die russische NGO «Russian LGBT Network» geht davon aus, dass die Zahl der Festgenommenen sich über 150 beläuft, die Zahl der Toten auf zwischen 20 und 50. Bereits letzte Woche hat die Organisation eine Hotline und eine E-Mail-Adresse für Schwule in Tschetschenien eingerichtet. Mehr als zwanzig Männer hätten sich bereits gemeldet.

«Wir bekommen laufend Anrufe von Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind», sagt Svetlana Zakharova gegenüber der Mannschaft in einem Skype-Interview. «In Tschetschenien haben Gesetze keine Wirkung, deshalb bleibt nichts anderes, als sie zu evakuieren.»

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Wie eine solche Evakuierung genau abläuft, will Zakharova aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Aufgrund des geltenden Verbots der «Homosexuellenpropaganda» sind der Organisation in Russland in vielen Bereichen die Hände gebunden. Gerade deshalb sei es wichtig, dass die Arbeitsabläufe und Kommunikationswege der Aktivistinnen und Aktivisten strikt geheim gehalten werden. «In den meisten Fällen ist es jedoch möglich, eine Person innerhalb eines Tages aus Tschetschenien zu bringen», sagt Zakharova. Auch über die genaue Zahl evakuierter Personen will sie keine Angaben machen.

Helfen durch die Verbreitung von Informationen
Der Aufschrei über die systematische Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien hat im Westen erste Reaktionen hervorgerufen. Sowohl die USA als auch die EU und Grossbritannien haben die Taten verurteilt und ihre Bedenken über die Menschenrechtslage in Tschetschenien geäussert. In Russland selbst sind die Nachrichten aus Tschetschenien wenig bis gar nicht beachtet worden.

«Auf den offiziellen Medienkanälen der Regierung habe ich nichts gehört. Nur wenige, unabhängige Medienhäuser haben darüber berichtet», sagt Zakharova.

Was genau die Massenverfolgung ausgelöst hat, ist unbekannt. «Leider sind nur sehr wenige Informationen erhältlich. Es ist sehr schwierig, Neuigkeiten aus Tschetschenien zu bekommen», sagt sie. Fakt sei jedoch, dass die Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien keine Neuheit sei, lediglich das Ausmass, in dem nun gegen sie vorgegangen wird.

Um den Druck sowohl auf Russland als auch auf Tschetschenien zu erhöhen, sei man auf Hilfe aus dem Westen angewiesen, so Zakharova. «Menschenrechtsorganisationen haben bereits einen Aktionsaufruf gestartet. Wichtig ist jetzt, die Informationen zu verbreiten, Proteste zu organisieren, um die Sichtbarkeit der verfolgten Menschen zu erhöhen. Das ist sehr wichtig.»

Für Zakharova selbst ist das Engagement für LGBT Network selbstverständlich. «Ich habe keine andere Wahl. Es geht um Menschenleben. Man kann nicht einfach nach Hause gehen und nichts tun.»

Solidaritätsmarsch und Kundgebung in Berlin
Die Menschenrechtsinitiative «Enough is Enough» hat für morgen Samstag ab 15 Uhr einen Solidaritätsmarsch in Berlin angekündigt. Vom Auswärtigen Amt soll er über die Französische Strasse und die Friedrichstrasse bis vor die Russische Botschaft führen, wo um 16 Uhr eine Kundgebung stattfinden soll. Redebeiträge gibt es von Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler sowie vom Politiker Volker Beck.

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