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«Einander treu zu sein dürfte eine grosse Herausforderung sein in Ihren Kreisen.»

EDU-Präsidentin Lisa Leisi will die Öffnung der Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare stoppen

Bild: zvg
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In der Schweiz sollen Homosexuelle im Rahmen des neuen Adoptionsrechts das Kind des Partners oder der Partnerin adoptieren können. Gegen diese Stiefkindadoption wollen nun Konservative das Referendum ergreifen. Die Mannschaft spricht mit Lisa Leisi vom Referendumskomitee.

Frau Leisi, bis zum 6. Oktober muss ihr Komitee 50000 Unterschriften einreichen. Sind Sie zuversichtlich, dass Sie dieses Ziel erreichen?
Ja, das bin ich, selbstverständlich!

Kinder werden heute schon von homosexuellen Eltern erzogen, daran ändert auch Ihr Referendum nichts. Wird das neue Adoptionsrecht abgelehnt, bleiben viele Kinder rechtlos. Wollen Sie das wirklich?
Es liegt mir fern, Kinder zu benachteiligen. Ein Stiefkind ist wesentlich weniger auf eine Adoption angewiesen als ein fremdes Kind, weil es eine bessere familienrechtliche Stellung hat. Allerdings dürften es ganz wenige Kinder sein, die bei eingetragenen Paaren aufwachsen und keinen anderen Elternteil mit dem Sorgerecht haben. Von den rund 6700 gleichgeschlechtlichen Partnerschaften war Ende 2014 bei rund 250 einer der Partner vorher verheiratet. Die Zahl der eingetragenen Partnerschaften mit Kindern im gleichen Haushalt dürfte effektiv bei etwa 80–120 liegen.

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Im Argumentarium für das Referendum steht, dass heute genügend Mittel bestehen, um Kinder mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen rechtlich abzusichern. Welche wären das?
Das Stiefkind ist das leibliche Kind des einen Partners. Durch das Partnerschaftsgesetz hat der andere Partner diesem bei der Erfüllung der Unterhaltspflicht beizustehen. Sollte der leibliche Elternteil frühzeitig sterben, kann der Partner des leiblichen Elternteils von der Vormundschaftsbehörde als Vormund des Kindes eingesetzt werden. Kaum eine Vormundschaftsbehörde wird nach dem Tod des sorgeberechtigten Elternteils die Kinder aus einem stabilen Umfeld wegnehmen, sofern nicht eine stärkere Beziehung zu einer anderen Person besteht.

Ich kenne keine homosexuell empfindenden Menschen persönlich — nur solche, welche unterdessen heterosexuell empfinden.

Ein Vormund kann nicht mit einem rechtlich anerkannten Elternteil verglichen werden. Für dieses von Ihnen angesprochene Kind besteht trotzdem eine rechtliche Unsicherheit – es ist gegenüber anderen Kindern benachteiligt.
Eine gewisse nicht zu verhindernde Unsicherheit und Benachteiligung ergibt sich natürlicherweise daraus, wenn Kinder nicht bei beiden biologischen Elternteilen aufwachsen können. Sei es wegen einer Scheidung oder einer ledigen alleine lebenden Mutter. Dies sind in der Regel von den Betroffenen selbst ursprünglich nicht so geplante Lebensformen. Ich bin der Überzeugung, dass das Beispiel eines in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft frühzeitig sterbenden leiblichen Elternteils bei einer gleichzeitig fehlenden Bindung zum anderen leiblichen Elternteil extrem selten ist. Dieses Beispiel wird gerne gebraucht, aber eigentlich geht es um etwas anderes: Die angestrebte Legalisierung von zwei «Vätern» oder zwei «Müttern» um schlussendlich über Samen-, Eizellspenden und Leihmutterschaften zu Kindern zu kommen. Deshalb gilt es, die bewusste Schaffung von solchen benachteiligten Kindern zu verhindern.

In Ihren Argumenten berufen Sie sich auf christliche Werte in der Bibel. Diese sprechen aber auch von der Vielweiberei oder billigen die Züchtigung von Frauen. Wieso sollen einige Passagen der Bibel zeitgemäss ausgelegt werden und andere nicht?
Wir argumentieren im Komitee eben gerade nicht mit christlichen Werten aus der Bibel, weil es genügend andere Argumente gibt. Auch findet sich in der Bibel nirgends, dass Gott Vielweiberei oder Züchtigung der Frauen gewollt hat. Die Bibel zeigt unter anderem auf, wie die Menschen gehandelt, gelebt und was sie für Wege eingeschlagen haben – mit oft bitteren Konsequenzen.

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Sie sagen, Kinder hätten ein natürliches Recht auf einen Vater und auf eine Mutter. Viele Kinder haben heute keine Eltern oder nur ein Elternteil. Es geht doch einfach darum, dass diese Kinder von Menschen grossgezogen werden, die sie lieben.
Die allerwenigsten gleichgeschlechtlich empfindenden Personen haben ein Interesse, eine Ehe einzugehen. Wie bereits erwähnt, wird damit die Legalisierung von Spermien- und Eispende, die Leihmutterschaft sowie die Öffnung der Ehe für alle angestrebt. Damit sollen bewusst Kinder geschaffen werden, die nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen können.

Weshalb soll ein Mensch nicht seinen Hund heiraten können?

Kennen Sie in ihrem Umfeld Schwule und Lesben? Haben Sie einen Einblick in Ihre Lebensrealität?
Nein, ich kenne keine homosexuell empfindenden Menschen persönlich – nur solche, welche unterdessen heterosexuell empfinden. Ich habe unter anderem viel von ihnen erfahren.

Haben sich diese Personen einer Therapie zur Änderung der gleichgeschlechtlichen Orientierung unterzogen und falls ja, unterstützen Sie diese Therapien?
An erster Stelle standen ihr Wunsch, anders zu empfinden, ihr Unwohlsein und ihre Unzufriedenheit mit ihren homosexuellen Empfindungen. Es sollte legitim sein, dass solche Menschen entsprechend begleitet werden. Alles andere ist bevormundend und eine brutale Ungleichbehandlung. Es gibt ja ebenso Beratungsangebote bei Eheproblemen und anderen unterschiedlichst gearteten Nöten. Sie wären sicher auch nicht abgeneigt, einen Menschen in seinem Wunsch so zu unterstützen, dass er gleichgeschlechtlich empfinden kann!

Ob man gleichgeschlechtlich empfindet oder nicht, kann nicht mit «wünschen» erreicht werden, sondern ist angeboren.
Dies ist eine Behauptung, welche bisher nicht wissenschaftlich bewiesen werden konnte. Es gibt durchaus Erkenntnisse, die eine gleichgeschlechtliche Ausrichtung auf vielfältige – wenn auch nicht zwingend dazu führende – Einflüsse in der Kindheit zurückführen.

Wir vom Abstimmungskomitee verstehen die Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.

Sie befürchten, das neue Adoptionsrecht werde den Weg zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ebnen. Was wäre so schlimm, wenn gleichgeschlechtliche Paare heiraten könnten?
Mit der Öffnung der Ehe für jegliche Gemeinschaften – und das wäre die eigentlich logische Konsequenz – findet eine schleichende Umdeutung der Ehe statt. Weshalb sollten dann nicht auch polyamore Gemeinschaften heiraten können? Weshalb soll ein Mensch nicht seinen Hund heiraten können? Es geht um das Prinzip. Ist die Ehe einmal für andere Lebensgemeinschaften geöffnet, gibt es keine klaren Ausschlusskriterien mehr. Wir vom Abstimmungskomitee verstehen die Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.

Mit diesem Bild wirbt das Referendumskomitee gegen das neue Adoptionsrecht. (Bild: Referendumskomitee «Nein zu diesem Adoptionsrecht»)
Mit diesem Bild wirbt das Referendumskomitee gegen das neue Adoptionsrecht. (Bild: Referendumskomitee «Nein zu diesem Adoptionsrecht»)

Niemand spricht von einer Umdeutung der Ehe oder von der Polyamorie oder von der Ehe mit Hunden. Was ist der Unterschied zwischen zwei liebenden Männern und einem Mann, der eine Frau liebt?
In der ursprünglichen Bedeutung, die ich immer noch so verstehe, kann es eine Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau geben. Sicher, es wird nicht offen über andere Umdeutungen gesprochen, aber es gibt vielfältigste Wünsche bei den Menschen. Mit welcher Begründung würden Sie Polyamoren oder einem Mann mit zwei Frauen oder umgekehrt oder eben auch einem Menschen mit einem Hund dann eine Ehe verweigern, wenn diese Menschen sich benachteiligt fühlen und dies ebenso als ihr gutes Recht betrachten?

Insbesondere Männer haben oft sehr viele sexuelle Partner, was sich auch schlecht mit einer eingetragenen Partnerschaft, also einer verbindlichen Gemeinschaft, verträgt.

Sie haben gesagt, die allerwenigsten gleichgeschlechtlich empfindenden Personen hätten ein Interesse, eine Ehe einzugehen. Worauf stützen Sie diese Annahme, wenn Sie keine homosexuell empfindenden Personen in Ihrem Umfeld kennen?
Erleben Sie, dass die allermeisten gleichgeschlechtlich empfindenden Personen eine Ehe anstreben? Ich habe mich unter anderem an Vorträgen zu Untersuchungen dazu informiert. Insbesondere Männer haben oft sehr viele sexuelle Partner, was sich auch schlecht mit einer eingetragenen Partnerschaft, also einer verbindlichen Gemeinschaft, verträgt.

Ich erlebe durchaus viele Paare, die schon viele Jahre zusammenleben und eheähnliche Verträge abgeschlossen haben, die auch verbindlich sind.
Wobei ich mich frage, ob das Eingehen von eheähnlichen, sprich monogamen Beziehungen bei homosexuell empfindenden Männern auch gleichbedeutend ist mit sexueller Treue. Auch muss man wohl unterscheiden zwischen dem Wunsch, einander treu zu sein und der tatsächlichen Umsetzung, was eine grosse Herausforderung sein dürfte in Ihren Kreisen.

Es ist ebenso legitim, dass viele Christen gelebte Homosexualität weiterhin nicht als von Gott gewollt betrachten.

Viele Christen können Homosexualität mit ihrem Glauben vereinbaren, darunter auch Pfarrer und sogar ganze Kirchgemeinden. Eine Ablehnung der Homosexualität wie in biblischen Zeiten ist in ihren Augen nicht mehr zeitgemäss.
Ich respektiere verschiedene Meinungen und Überzeugungen. Aber es ist ebenso legitim, dass viele Christen gelebte Homosexualität weiterhin nicht als von Gott gewollt betrachten, weil Gottes Wort klare Grundlagen für diese Betrachtungsweise liefert. Christen und Pfarrer, die Homosexualität mit ihrem Glauben vereinbaren können, müssen dies – wie ich alles in meinem Leben auch – schlussendlich vor Gott verantworten.

Sie haben vier erwachsene Kinder. Wie reagieren Sie, wenn eines ihrer Kinder in einer homosexuellen Beziehung lebt und sich dazu entscheidet, Kinder grosszuziehen?
Meine Kinder sind erwachsen. Es steht ihnen frei, ihr Leben nach ihren Überzeugungen zu leben. Sie bleiben meine geliebten Kinder. Sie wissen aber, dass ich damit meine Mühe hätte. Ich mache jedoch einen Unterschied zwischen dem Menschen und seinen Taten, Entscheidungen und Meinungen.

Anmerkung der Redaktion
Mit diesem Interview wollen wir den Adoptionsgegner*innen keine Plattform bieten. Wir möchten unserer Community aufzeigen, mit wem und mit welchen Argumententen wir es auf dem politischen Parkett zu tun haben. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser, Frau Leisi und das Referendumskomitee nicht mit Hassnachrichten zu kontaktieren. Lieber wenden wir unsere Argumente dafür auf, unsere LGBT-Organisation in ihrem Kampf für gleiche Rechte zu unterstützen.

 

Reaktion aus der Community

Der Dachverband Regenbogenfamilien, der sich für die Rechte von gleichgeschlechtlichen Eltern einsetzt, bedauert die Bestrebungen der Adoptionsgegner. «Regenbogenfamilien sind Teil der Schweizer Gesellschaft, leben gut integriert und bedürfen derselben Anerkennung und Absicherung wie andere Familien auch», schreibt Geschäftsführerin Maria von Känel in einer Medienmitteilung. Sollte das Referendum gegen die rechtliche Absicherung von Kindern in Regenbogenfamilien zustande kommen, würde das für tausende Kinder eine unnötige Verlängerung ihrer prekären rechtlichen Situation und weitere Diskriminierung bedeuten. «In diesem Fall zählen wir darauf, dass sich eine Mehrheit der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für die Rechtsgleichheit und zum Wohl aller Kinder in der Schweiz entscheiden wird.»

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